Ein deutscher Finalist beim Final Four der Champions League ist sicher – aber wer wird es? Der SC Magdeburg und die Füchse Berlin sind noch im Rennen.
Einen Nationenschutz gibt es beim Final Four der Champions League im Handball nicht. Jede Mannschaft des Quartetts kann auf jede andere treffen – auch aus dem gleichen Land. Nur die Auslosung entscheidet darüber. Und diesmal sorgte die Losfee in Wien dafür, dass es das deutsche Duell, anders als noch im Vorjahr, schon im Halbfinale statt in einem möglichen Endspiel gibt: Der Titelverteidiger SC Magdeburg und Bundesligakonkurrent Füchse Berlin spielen gegeneinander. Die gute Nachricht: Der deutsche Handball hat damit mindestens einen deutschen Finalisten sicher. Die schlechte Nachricht: Das Traumfinale aus deutscher Sicht ist damit ausgeschlossen. In der zweiten Vorrundenpartie stehen sich der dänische Meister Aalborg HB mit Nationalspieler Juri Knorr und der Königsklassen-Rekordsieger FC Barcelona aus Spanien gegenüber. Gespielt wird am 13. und 14. Juni in der Lanxess-Arena in Köln, wo zum 17. Mal das Finalturnier der Champions League stattfindet. Die Begegnungen werden bei Dyn und Dazn übertragen. FORUM stellt die Teams vor.
SC Magdeburg
Vor dem großen Saisonfinale hatten die Erfolgshandballer des SC Magdeburg schon die Hände an etwas Silbernem. Die Meisterschale wurde ihnen nach dem letzten Heimspiel der Saison beim Liga-Duell mit dem VfL Gummersbach überreicht, und obwohl der Titel schon vorher feststand, feierten die Spieler mit den Fans. Aber nicht ausschweifend, denn ein großes Ziel bleibt dem Team von Trainer Bennet Wiegert noch: die erfolgreiche Titelverteidigung in der Königsklasse. „Alle Teams, die noch dabei sind, sind sehr gut“, warnte jedoch SCM-Kapitän Christian O’Sullivan. Auch auf Halbfinal-Gegner und Vorjahresfinalist Füchse Berlin treffe dies zu. „Sie haben eine fantastische Saison in der Champions League gespielt“, meinte O’Sullivan. Das trifft aber auch auf Magdeburg zu. Der größte Vorteil scheint die Erfahrung auf dieser Bühne zu sein. Der SCM nimmt zum vierten Mal in Serie am Endturnier teil, zweimal holte der Club in dieser Zeit die Trophäe – das will sich das Team zunutze machen. „Wir kennen die Abläufe. Wir wissen, dass an diesem Wochenende deutlich mehr Trubel und Aufmerksamkeit herrschen als normalerweise“, sagte Rückraumspieler O’Sullivan. Abwehrmann Felix Claar freut sich schon auf die besondere Atmosphäre beim Final Four. „Dies ist die größte Bühne, auf der man spielen kann. Man hat zwei K.-o.-Spiele in zwei Tagen und muss liefern“, sagte Claar: „Dieses Ereignis lässt nicht zu viele Fehler oder 20 schlechte Minuten zu.“ Dass der letzte Auftritt in der Lanxess-Arena mit zwei Niederlagen beim Final Four des DHB-Pokals eine Blamage war, dürfte dem SCM eine Warnung sein. Auch wenn der Favorit diesmal sicher keinen Gegner unterschätzen wird – die Berliner schon gar nicht. „Ich bin sicher, dass wir es jetzt viel besser machen werden“, sagte Claar. Wie man es von den Magdeburgern gewohnt ist, gehen sie ihre Titel-Mission mit größtmöglichem Selbstvertrauen an. „Wir setzen uns selbst unter Druck, da der SC Magdeburg immer danach strebt, alle Wettbewerbe und Trophäen zu gewinnen“, meinte der Schwede Claar.
Beim jüngsten Heimspiel machte sich aber auch Abschiedsstimmung breit. Viele Leistungsträger spielten ein letztes Mal vor heimischen Fans, darunter die Torhüter Sergey Hernández (30) und Rechtsaußen Tim Hornke (35). Während Hernández zum FC Barcelona wechselt und deswegen in einem möglichen Champions-League-Finale Gewissensbisse haben könnte, beendet Hornke seine Karriere. Er spielte in seinen elf Jahren in Magdeburg sogar noch mit Wiegert zusammen und hat dann unter dem Erfolgstrainer alles im Vereins-Handball gewonnen. Ein dritter Königsklassen-Titel wäre genau der passende Abschiedserfolg.
Füchse Berlin
Die Füchse bekommen nun schon im Halbfinale ihre Chance auf Revanche. Die klare 26:32-Niederlage im Endspiel des Vorjahres war eine kleine Vorführung, die die Hauptstadt-Handballer – die damals als frisch gekürter deutscher Meister angetreten waren – längst noch nicht vergessen haben. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning sieht seine Mannschaft jetzt ein Stück weit reifer als vor einem Jahr. „Es gibt kein Argument, das mir gerade einfällt, warum wir die Champions League nicht gewinnen sollten“, sagte Hanning – und er verriet auch den größten Grund für seine Zuversicht: „Die Spieler verstehen sich untereinander. Die Atmosphäre zwischen Mannschaft und Trainer könnte nicht besser sein. Alle haben ein Ziel.“ Außerdem sei die personelle Situation völlig entspannt, einzig der Langzeitverletzte Fabian Wiede werde vermisst. Und dass die Füchse sich vor ein paar Wochen in der Lanxess-Arena zum Pokalsieger krönten, soll auch beflügeln. „Ich glaube, dass das maximal hilft“, sagte Hanning: „Du fährst in etwas, was du kennst.“
Dass im Halbfinale gleich der vermeintlich schwerste Brocken wartet, nehmen die Berliner betont gelassen an. „Es sind vier Mannschaften, die den Titel gewinnen können. Magdeburg und Barça haben schon einmal gewonnen und sind deshalb vielleicht kleine Favoriten“, sagte Trainer Nicolej Krickau: „Aber am Ende müssen wir auch den SCM schlagen, wenn wir gewinnen wollen. Darauf werden wir uns so gut wie möglich vorbereiten.“ Linksaußen Aitor Arino sprach von einem „ganz schweren Spiel“, das die Mannschaft aber mutig angehen wolle: „Wir spielen einen sehr guten Handball und werden unsere Chancen bekommen.“
Klar ist, dass die Füchse für ihre Titelchance einen Mathias Gidsel in Topform brauchen – und das war der dänische Ausnahme-Handballer zuletzt. Gidsel, der mit Dänemark schon alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und der als Welthandballer keiner persönlichen Auszeichnung mehr hinterherjagt, will seinen Club endlich auf Europas Handball-Thron führen. „Ich versuche, alle ans Limit zu bringen“, sagte der 27 Jahre alte Ausnahmekönner. Dass er sich intern damit nicht immer beliebt macht, weiß er. „Manchmal ist es so, dass die Jungs im Innenblock richtig hart schuften, an ihr Limit gehen, und wenn ich sie dann relativ ausgeruht von Linksaußen auffordere, noch mehr zu schieben, noch schneller zu spielen, dann kann das schon nerven“, sagte Gidsel: „Aber das ist eben meine Art zu führen.“ Ein weiterer missglückter Anlauf für den Champions-League-Titel könnte bei Gidsel den Wechselwunsch stärken, befürchten manche Fans. Doch der Rückraumspieler bekannte sich kürzlich zum Verein. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Berlin mein einziger Club in Deutschland bleibt, und ich kann mir vorstellen, für eine sehr lange Zeit in Deutschland zu spielen“, sagte der Däne.
FC Barcelona
Gemessen am Viertelfinale tat sich Barcelona bei zwei souveränen Siegen gegen den französischen Club HBC Nantes von allen Final-Four-Startern am leichtesten. National wird der Renommierclub aus Katalonien schon länger nicht gefordert, die aktuelle Saison schloss er als Meister mit 30 Siegen in 30 Spielen ab. Mit einem Torschnitt von 40,1 Treffern pro Spiel stellte Barça einen Rekord auf. Ob diese Dominanz in der heimischen Liga gut oder schlecht für die Titel-Ambitionen auf der europäischen Bühne ist, wird sich zeigen. In jedem Fall hat das Team von Trainer Carlos Ortegaum viel Qualität im Kader. Im Tor kann Emil Nielsen an guten Tagen jede Offensive zur Verzweiflung bringen. Das Final Four wird seine Abschiedsvorstellung für Barça sein, er heuert danach in Ungarn bei Veszprem an. Auch die langjährigen Leistungsträger Domen Makuc und Antonio Bazan werden in Köln letztmals das Blaugrana-Trikot tragen.
Aalborg Handbold
Für Juri Knorr ist das Final Four in Köln etwas Besonderes. Nicht nur, weil er das Finalevent der Königsklasse in seiner deutschen Heimat bestreiten kann. Sondern auch, weil ihn mit Halbfinalgegner FC Barcelona etwas verbindet. Nach dem Schulabschluss wechselte er als Junioren-Nationalspieler zur Zweiten Mannschaft der Katalanen – ein höchst ungewöhnlicher Schritt. Aber: „Wenn Barcelona dich irgendwann in deinem Leben anruft, denkst du nicht wirklich zweimal darüber nach“, sagte der gebürtige Flensburger. In jener Zeit habe er viel gelernt, auch über sich selbst. „Die Spanier sind besessen von Details. Ich habe so viel gelernt und insgesamt viel daraus mitgenommen“, sagte der Spielmacher: „Es war mein erstes Mal weg von zu Hause, aus meiner Komfortzone, auf eigenen Beinen. Das war wirklich aufregend.“ Dennoch kehrte er nach einem Jahr nach Deutschland zurück, auch aus „Heimweh“, wie er zugab. Von der GWD Minden ging es dann zu den Rhein-Neckar Löwen, wo Knorr der endgültige Durchbruch gelang.
Mit seinem Wechsel vor einem Jahr nach Aalborg wollte er den nächsten Schritt gehen – und nicht mehr die alleinige Hauptverantwortung für eine ganze Mannschaft, ja fast einen ganzen Club auf seinen Schultern tragen. „Ein Teil von mir sucht das Rampenlicht. Ein Teil verflucht es“, sagte Knorr. Viele Experten meinen, dass der hochveranlagte Spielmacher am besten ist, wenn er wie jetzt in Aalborg mit anderen Topspielern wie Ausnahme-Torwart Niklas Landin zusammenspielen kann. „Der Druck für ihn ist jetzt anders“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason: „Regelmäßig in der Champions League zu spielen, macht ihn besser.“ Jetzt hat Knorr sogar die Chance auf den Titel im wichtigsten europäischen Club-Wettbewerb – und die will er in seiner Heimat nutzen. „Die Champions League ist die größte Bühne“, sagte er: „Es war immer mein Traum, es nach Köln zu schaffen.“