Ärztliche Sprechstunde per Videochat kennt man mittlerweile, aber kann diese Technologie auch in einem Notfall helfen? Zum Beispiel bei einer Reanimation?
Die Digitalisierung in der Medizin geht immer weiter. In vielen Ländern ist es üblich, dass über digitale Wege Patientinnen und Patienten aus der Ferne beraten und beobachtet werden. Auch in der Notfallmedizin gibt es in Europa verschiedene Wege, dem oder der Verletzten besonders effektiv Hilfe zu leisten. In Norwegen werden beispielsweise die erfassten Informationen aus dem Rettungswagen direkt digital an das Krankenhaus übermittelt, das die verletzte Person aufnehmen wird. Relativ unbekannt sind neue Video-Tools, mit denen Verletzte oder Erkrankte einen digitalen Draht zu einer Rettungsleitstelle aufnehmen können. In einigen Regionen in der Schweiz, in Österreich und in manchen deutschen Städten steht jetzt eine solche Möglichkeit zur Verfügung. Mit Tools wie beispielsweise EmergencyEye können Personen in einer Notsituation per Video Hilfe holen. Eine Videotelefonie hat gegenüber einem Telefongespräch mehrere Vorteile.
Digitaler Draht zur Rettungsleitstelle
„Nach Zustimmung des Nutzers können wir aus der Leitstelle Bild, Video und Ton steuern, direkt den Standort abgreifen und mit zwölf verschiedenen automatisch übersetzten Sprachen chatten. Damit können wir uns im Notfall ein besseres Bild vom Einsatzort machen und dadurch gezielter den Rettungsdienst alarmieren oder in der Gesundheitsberatung Erkrankungen besser einschätzen“, erläutert Christian Laucher, Prozessmanager bei Notruf Niederösterreich.
Durch den Videokontakt kann die Leitstelle die Gefahrenlage genauer beurteilen und effektiv und effizient den Rettungseinsatz planen.
„Im Bereich der Gefahrenabwehr ist unser Produkt sehr unkompliziert und individualisierbar. So kann beispielsweise eine kleinere Rettungsleitstelle die Software an ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten anpassen“, unterstreicht Viktor Huhle, Mitgründer der Software EmergencyEye.
In lebensbedrohlichen Fällen bietet eine Videoübertragung die Möglichkeit, eine angeleitete Herzdruckmassage durchzuführen und so tatsächlich ein Leben zu retten. In Österreich und der Schweiz wird das Tool darüber hinaus in der Gesundheitsberatung eingesetzt. Dies ist vor allem bei Hauterkrankungen, aber auch bei kleineren Verletzungen und Kindererkrankungen sehr effizient.
Viel Wert gelegt auf einfache Bedienung
„Wir nutzen die Software auch sehr erfolgreich in der Gesundheitsberatung. Unser fachliches Personal kann somit die Anfragen besser beantworten und effektiver die Erkrankten beraten. Beispielsweise lassen sich Hautausschläge oder Fieberkrämpfe von Kindern gut einschätzen. Nicht zuletzt kann die Videotelefonie für Hilferufende eine stärkere beruhigende Wirkung haben“, so Christian Laucher von Notruf Niederösterreich.
Für die Videotelefonie gibt es mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum mehrere Anbieter. Die Software wird immer durch die Leitstellen gesteuert. Es ist somit nicht notwendig, dass Menschen in Notsituationen auf eine App zugreifen müssen. Durch eine einfache Zustimmung durch einen Link können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Leitstelle auf das Handy der Person zugreifen.
„Wir hatten sehr klare Vorstellungen, was die Software leisten muss, und haben viel Wert auf eine einfache Bedienung gelegt. Es war immer klar, wenn der Notrufende eine App herunterladen muss, wird es nicht funktionieren. Der Link beinhaltet direkt die DGSVO-Zustimmung und lässt uns ortsunabhängig am Notfallgeschehen teilhaben. Wir haben die Software in einer kurzen Testphase geprüft. Sie wurde von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr gut angenommen. Seit 2024 ist die Software eine feste und effektive Erweiterung in unserem System“, ergänzt Laucher.
Neben den neuen Videomöglichkeiten wird in Deutschland weiterhin mit viel Engagement in die direkte Erste Hilfe investiert. So werden erfolgreich bereits Kinder und Jugendliche an die Erste Hilfe in Schulprojektwochen herangeführt und die Erste Hilfe öfter trainiert und Hemmungen abgebaut. In ländlichen Gebieten werden zudem Projekte gut angenommen, die zertifizierte Ersthelferinnen und -helfer in der Nachbarschaft alarmieren.
Die Organisation der Leitstellen und der Versorgung in Deutschland ist mit den Nachbarländern nicht direkt vergleichbar. Daher ist eine flächendeckende Versorgung im ländlichen Raum mittels Videotelefonie in naher Zukunft nicht zu erwarten.