Neben Zahnbürste und Fluorid entstehen immer mehr innovative Methoden, um Zähne dauerhaft gesund zu halten. Professor Dr. Sebastian Paris, Beiratsmitglied der Stiftung Innovative Zahnmedizin in Hamburg, spricht über den Stand der Prävention und die neuesten Entwicklungen.
Herr Prof. Dr. Paris, Karies gilt als Volkskrankheit Nummer eins und das trotz früher zahnmedizinischer Aufklärung zum richtigen Putzen in der Kindheit. Wie kommt das?
Durch gute Mundhygiene, Fluoride und andere präventive Maßnahmen können wir der Kariesentstehung zwar entgegenwirken, die Hauptursache für Karies ist aber unsere nicht ganz „artgerechte“ moderne Ernährung. Vor allem der häufige Verzehr von Zuckern und prozessierten Kohlenhydraten begünstigt die Entstehung von Karies.
Welche Rolle spielt die Prävention im Vergleich zur klassischen Behandlung bei Zahnärzten und Zahnärztinnen und welche Maßnahmen haben sich hier bewährt?
Die Prävention spielt in der Zahnmedizin eine immer größere Rolle und ist inzwischen integraler Bestandteil der zahnärztlichen Behandlung. Eine Kombination aus regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen und Prophylaxesitzungen in der Zahnarztpraxis sowie häuslicher Prävention durch Zuckerreduktion, Mundhygiene und Fluoride hat sich in Deutschland als sehr effektiv erwiesen.
Welche Bevölkerungsgruppen sind in Deutschland besonders gefährdet, an Karies zu erkranken?
Wie auch bei vielen anderen Erkrankungen sind es besonders die schwächeren Teile der Gesellschaft. Die gerade herausgegebene sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie zeigt, dass Menschen mit geringerer Bildung und solche mit Migrationshintergrund häufiger an Karies und deren Folgen leiden. Darüber hinaus sind Kinder und Senioren besonders anfällig, weil sie noch nicht oder nicht mehr allein eine ausreichende Mundhygiene gewährleisten können und auf Unterstützung angewiesen sind, die aber leider häufig unzureichend ist.
Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es aktuell im Bereich der Kariesentstehung?
In den letzten Jahren hat sich in den Theorien zur Kariesentstehung ein Paradigmenwechsel vollzogen. Während man früher Karies als eine Infektionskrankheit betrachtete, die durch Übertragung bestimmter Bakterien entsteht, sieht man heute eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung als eigentliche Hauptursache an.
Wie haben sich moderne diagnostische Verfahren – etwa digitale Bildgebung oder Speicheltests – auf die Früherkennung von Karies ausgewirkt?
Wir können heute mittels moderner Verfahren Karies-Läsionen schon in sehr frühen Stadien erkennen und auch entsprechend behandeln. Eine gewisse Herausforderung besteht aber noch immer darin, individuell vorherzusagen, wer ein höheres Risiko hat, zukünftig an Karies zu erkranken. Speicheltests sind hier aktuell noch nicht sehr hilfreich.
Gibt es neue Materialien oder Substanzen, die vielversprechend in der Kariesprävention oder minimalinvasiven Therapie sind?
Es gibt eine Reihe von neuen Substanzen auf dem Markt, die eine Kariesentstehung hemmen oder eine Remineralisation der Zahnhartsubstanzen befördern sollen. Doch auch wenn die Hersteller diese Substanzen als Alternativen zu Fluorid bewerben, wird ihre Gleichwertigkeit oder gar Überlegenheit im Vergleich zu Fluoriden von der Wissenschaft stark bezweifelt. Fluoride bleiben daher noch immer unsere wichtigste Waffe im Kampf gegen Karies.
Welche Rolle spielen mikroinvasive Verfahren bei der Behandlung initialer Kariesläsionen, und wie unterscheiden sie sich von klassischen Füllungen?
In frühen Kariesstadien kann Schmelzkaries durch Versiegelung oder Kunststoffinfiltration erfolgreich behandelt werden, ohne dass die erkrankte Zahnhartsubstanz zuvor herausgebohrt werden muss. Bei der Versiegelung wird meist in den Fissuren, den Furchen der Kauflächen, Karies mit einem Kunststoff überschichtet. Bei der Infiltration sickert ein spezieller Kunststoff in die Porositäten der Karies ein und wird dort gehärtet. Bei beiden Verfahren kann die Karies somit arretiert werden und schreitet dann zumeist nicht weiter voran. Erst wenn die Zahnoberfläche eingebrochen ist, also ein Kariesloch vorliegt, müssen herkömmliche Füllungen gemacht werden. Doch auch diese sind heute viel weniger invasiv als noch vor ein paar Jahrzehnten.
Inwiefern verändert die Digitalisierung, zum Beispiel Apps für Patientinnen und Patienten oder KI-gestützte Diagnosen, die Vorsorgepraxis in der Zahnmedizin?
Schon heute unterstützt Künstliche Intelligenz Zahnärzte bei der Diagnostik, zum Beispiel bei der Analyse von Röntgenbildern. Noch weiter ist die Digitalisierung beim Herstellungsprozess von Restaurationen und Zahnersatz vorangeschritten. Die hierfür eingesetzten Scanner können zunehmend aber auch die zahnärztliche Diagnostik unterstützen.
Welche politischen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wären nötig, um Kariesprävention flächendeckend zu verbessern?
Wir sind in Deutschland in der Kariesprävention weltweit schon unter den führenden Nationen. Allerdings erreichen wir mit unseren Maßnahmen noch immer nicht alle Bedürftigen. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird daher sein, zum einen auch unter den aktuellen Sparzwängen in der Prävention nicht nachzulassen und zum anderen besonders diejenigen noch besser zu erreichen, die sich nicht selbstständig um ihre Gesundheit kümmern können oder wollen.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Schulen, Kindergärten und öffentlichen Einrichtungen, um früh Prävention zu verankern?
Bei der Vorsorge für Kinder haben wir in Deutschland ein gut funktionierendes System. Hier finden zahnärztliche Reihenuntersuchungen in Schulen statt, und in den meisten Kindergärten putzen die Kinder nach dem Essen die Zähne. Weniger etabliert sind solche Präventionsmaßnahmen bei Senioren, also in Pflegeheimen oder bei der Betreuung zu Hause. Hier herrscht auch in Deutschland noch großer Nachholbedarf.
Glauben Sie, dass wir in 20 bis 30 Jahren Karies als Volkskrankheit weitgehend überwunden haben könnten?
So optimistisch bin ich nicht. Hierzu müsste man flächendeckend mehr in die Ernährung der Bürger eingreifen und beispielsweise durch Steuern oder mit Vorschriften den Zuckerverzehr drastisch reduzieren. Solche Eingriffe in die Freiheiten der Bürger dürfen aber nicht gegen deren Willen passieren. Insofern muss unsere Gesellschaft erst noch den richtigen Umgang mit dem Genussmittel Zucker finden.
Wie sieht die zahnmedizinische Vorsorge der Zukunft aus? Mehr technische Innovation oder doch Bildung?
Ich denke, dass Bildung und mittelfristig auch kulturelle Veränderungen, also beispielsweise Ernährungs- und Mundhygienegewohnheiten, wichtiger und nachhaltiger sind als technische Geräte. Aber innovative Technik kann uns durchaus dabei helfen, gesünder zu leben und Krankheiten frühzeitig besser zu behandeln.