Katja Henopp ist Fachfrau für Samtpfoten. Die Saarländerin ist ausgebildete Katzenpsychologin und hilft bei Fragen und Problemen rund um die Stubentiger.
Es gibt verschmuste Hauskatzen, die auch unbekannten Besuchern bei der ersten Begegnung direkt auf den Schoß springen. Ruby und Meggie, die achtjährigen Stubentiger von Katja Henopp, sind zurückhaltender. Weil sie schon viel erlebt haben. Und dabei vermutlich nicht immer die besten Erfahrungen mit Fremden gemacht haben. Den Reporter und den Fotografen, die bei ihrem Frauchen am Wohnzimmertisch sitzen, haben sie noch nie gesehen. Die Tiere wirken etwas nervös, streichen um die Beine der Männer und beschnuppern sie. Wie riechen die Gäste? Kann man ihnen vertrauen? Oder droht Gefahr? „Beim ersten Kontakt sollte man Katzen nicht direkt in die Augen schauen“, empfiehlt Katja Henopp. Denn das würden sie als Bedrohung empfinden. Besser sei es, bei der Kontaktaufnahme deutlich zu blinzeln. „Ich bin total friedlich“, lautet die Botschaft, die bei der Katze ankommt. Wenn sie dann zurückblinzelt, ist das Eis gebrochen.
Blinzeln bedeutet: „Ich bin total friedlich“
Schon nach wenigen Minuten haben sich Ruby und Meggie an die Besucher gewöhnt. Jetzt können sie sich wieder den wichtigen Dingen widmen – etwa den Leckerchen, die ihnen ihre Bezugsperson zwischendurch spendiert. Dadurch lernen die beiden, Besucher mit positiven Gefühlen zu verbinden und ihre Angst abzulegen. In ihrer Kindheit wurden die Katzen nicht so liebevoll verwöhnt, eine Tierschutzorganisation hat sie auf Kreta aufgegriffen. Meggie lag in einer Garage, und Ruby, die auf der Straße lebte, konnte wegen einer Entzündung im Maul nicht richtig fressen. In einer Pflegestation haben sich die beiden angefreundet, seitdem sind sie unzertrennlich. Ihr neues Domizil in Hamburg, in das sie zunächst vermittelt wurden, mussten sie schon bald wieder verlassen. Weil sie sich mit dem Kater des Hauses nicht verstanden. Die acht Monate, die sie anschließend in einem Katzenhaus verbrachten, waren wohl auch kein Zuckerschlecken. Als Katja Henopp sie dort erstmals besuchte, nahmen weder die scheue Meggie noch die gestresste Ruby Kontakt zu ihr auf. Die Tierfreundin stellte sich der Herausforderung und nahm die beiden im November 2019 bei sich auf.
Die Entscheidung hat sie nie bereut, in ihrem neuen Heim in der saarländischen Gemeinde Wallerfangen fühlen sich die Katzen wohl. Wahrscheinlich auch, weil ihre zweibeinige Freundin ihnen fast jeden Wunsch von den Schnurrhaaren abliest. Im Haus gibt es Kratzpappe, und an kalten Wintertagen räkeln sich die Katzen auf der Heizmatte. „Kurzhaarkatzen lieben Wärme“, sagt die Expertin. Auch Meggie und Ruby fühlen sich bei molligen 26 Grad am wohlsten.
„Es gibt keine pauschalen Lösungen“
Katja Henopp weiß, wie Fellnasen ticken, die 57-Jährige ist ausgebildete Katzenpsychologin. Sie wird zum Beispiel um Hilfe gebeten, wenn ein Stubentiger die Katzentoilette nicht benutzt. Dann geht Henopp der Ursache auf den Grund. Vielleicht stinkt das WC. Oder es hat eine Haube, die verhindert, dass die Katze ihr Umfeld im Blick behält und gegebenenfalls flüchten kann. Ein Tipp der Fachfrau: „Lasst eure Katzen ihre Toilette selber aussuchen“. Das sorgt für weniger Stress und mehr Sauberkeit. Meist entscheiden sie sich für große offene Kisten, die mit feinem Streu gefüllt sind. Manchmal markieren Katzen auch Wände und Möbel mit Urin. So bauen sie die Erregung ab, die sich aus Frust, Wut oder Unsicherheit angestaut hat. „Es gibt keine pauschalen Lösungen“, betont Katja Henopp. Vielleicht ist die Katze nur frustriert, weil sie nicht selbst entscheiden darf, ob sie sich in der Wohnung oder draußen aufhält. Dann könnte der Einbau einer Katzenklappe helfen. Oder der Stress entsteht, weil das Tier Hunger hat. Viele Halter würden ihre Katzen falsch füttern, berichtet Henopp. Sie empfiehlt, sechs bis acht kleinere Mahlzeiten über den Tag zu verteilen.
Wenn es Probleme gibt, sind die Reaktionen der Menschen oft nicht hilfreich. „Schimpfen ist ein No-Go“, betont die Katzentherapeutin. Der Tadel verstärkt den Stress, das Problem wird größer anstatt kleiner. Eine bessere Methode: das gewünschte Verhalten durch Lob und Belohnung positiv verstärken. Dabei sollte man Katzen nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern ihnen immer eine Alternative bieten. Wer nicht möchte, dass seine Katze während des Abendessens auf den Tisch springt, der muss sie nicht unbedingt auf den Fußboden verbannen. Vielleicht lässt sie sich mit einem Leckerchen auf einen Stuhl lotsen, von dem aus sie alles im Blick hat. Wobei hier – wie bei fast allen Erziehungsmaßnahmen – Geduld gefragt ist. Nur wenn die Übung häufig wiederholt wird, kann sich der Stuhl zum Katzen-Stammplatz entwickeln.
Henopps Leidenschaft für die Fellnasen erwachte, als sie sich in der Studienzeit in die Katze einer Mitbewohnerin verliebte. 20 Jahre arbeitete die Pädagogin im Schuldienst, unterrichtete Deutsch und Biologie. Irgendwann machte ihr der Job keine Freude mehr, sie war ausgebrannt und hängte den Lehrerberuf an den Nagel. An der Akademie für angewandte Tierpsychologie und Tierverhaltenstraining in der Schweiz absolvierte Henopp eine Online-Ausbildung zur Katzenpsychologin. Die Probleme ihres damaligen Katers Sisko veranlassten sie dazu, sich intensiv mit der Thematik zu beschäftigen. Die Nachbarskatze verteidigte ihr Territorium aggressiv. Henopp berichtet von blutigen Kämpfen. Sisko sei total gestresst gewesen und habe sich mit Katzen-AIDS infiziert. „Es war eine furchtbare Zeit.“ Eine Expertin empfahl ihr, einen Elektrozaun zu installieren. Später wurde die Nachbarskatze überfahren.
„Ich möchte mich nie mehr so hilflos fühlen“, entschied Henopp. Außerdem wollte sie dazu beitragen, dass anderen Katzenhaltern solche Erfahrungen erspart bleiben. Deshalb wagte sie den Sprung ins kalte Wasser und gründete ihre Firma „Leben mit Katze“. Viele Katzenbesitzer, so die Erfahrung der Selbstständigen, gehen die Probleme mit ihrer Fellnase nicht an, weil sie nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Mit teilweise drastischen Konsequenzen: „Sie schämen sich und laden niemanden mehr ein.“ Henopp besucht ihre Kunden, schaut sich die Situation vor Ort an und begleitet die Katzenbesitzer bei der Lösung des Problems. Auch in einem Blog, in Podcasts, Kursen und Vorträgen gibt sie ihr Wissen weiter. „Mein Terminkalender ist voll“, versichert die Unternehmerin.
Katzen zeigen nach außen keine Schwäche
Manchmal genügt ein Blick auf den Schwanz, um zu wissen, wie sich die Katze fühlt. Er sei ein Stimmungsbarometer, erläutert die Fachfrau. Ein aufrechter gerader Schwanz bedeutet Freude. Ihre Anspannung verdeutlicht die Katze hingegen mit einer zuckenden Schwanzspitze. „Ich habe Angst“, lautet die Botschaft beim eingezogenen Schwanz, der dicht am Körper anliegt. Laien haben oft Schwierigkeiten, die Körpersprache der Katzen richtig zu interpretieren. Katzen seien falsch und hinterhältig, behaupten manche Zeitgenossen, die von einer Kratz- oder Beißattacke überrascht wurden. Das Vorurteil stimmt nicht, versichert die Expertin: „Katzen denken nicht um die Ecke“. Wenn sie sich anders verhalten als erwartet, hängt das an der Unwissenheit der Menschen. So erkennen die Zweibeiner oft nicht, wenn eine Katze Schmerzen hat. Als Einzeljäger zeigt sie nach außen keine Schwäche – ein Relikt der Evolution. Wenn sie nicht mehr frisst oder sich zurückzieht, liegt meist schon eine lange Leidenszeit hinter ihr.
„Katzen kann man nicht gefügig machen. Sie sind eigensinnig und haben einen eigenen Willen“, sagt Henopp. Hunde zeigen oft ein bestimmtes Verhalten, um dem Menschen zu gefallen. Katzen hingegen zeigen es meistens, weil sie davon profitieren. Das macht sie allerdings auch bestechlich. Vor allem wenn Futtert winkt, hören Henopps Katzen aufs Wort. „Thunfisch“ ruft das Frauchen vor dem Öffnen einer Dose. Das Signalwort wirkt, sofort stürmen Meggie und Ruby zum Fressnapf. Und damit ihre zweibeinige Freundin die Prozedur möglichst bald wiederholt, bedanken sie sich höflich: „Miau!“ Die Verhaltensberaterin liebt Katzen – weil sie leise sind, subtil kommunizieren und gut riechen. „Wenn man ihre Bedürfnisse kennt, kann man eine unglaubliche vertraute Beziehung aufbauen.“ Vollständig entschlüsseln konnte aber auch die Katzenpsychologin das Verhalten der Stubentiger bisher nicht. „Ich lerne immer noch dazu“, sagt Katja Henopp.