Neuling BFC Preussen nimmt Rückschläge in der Regionalliga Nordost in Kauf, um langfristig zu wachsen.
Als Trainer und Fachmann kann man schon mal eine Prognose wagen, die am Ende aufgeht: Daniel Volbert hatte vor dem Spiel gegen das Topteam des Halleschen FC demnach zwei Szenarien vor Augen. „Entweder sie kommen nach den beiden Spielen mit einer Wucht heraus und zerstören uns“, beschrieb er die pessimistischere Variante, dass der Favorit gegen den BFC Preussen nach zwei Partien ohne Sieg und Torerfolg zum Abschluss der englischen Woche richtig aufdrehen würde. „Oder wir bekommen die eine Chance“, orakelte der Trainer – und sollte damit letztlich richtig liegen.
Der Aufsteiger hatte in der Regionalliga Nordost dabei Mitte September selbst nur einen Zähler aus den beiden Partien zuvor geholt – insofern war der „nicht eingeplante“ Dreier in Halle natürlich Gold wert. Der HFC dominierte dabei zwar schon über weite Strecken, zeigte sich aber vor dem Tor weiter fahrig wie in der gesamten sieglosen Woche. Und was der Meisterschaftskandidat auf das Tor der Berliner brachte, blockte Abwehrhüne Lenny Stein ab oder wurde von Torwart Karl Albers entschärft.
So kam die eine Chance für Preussen: Unmittelbar nach Wiederanpfiff schlug Stephan Brehmer einen Freistoß aus dem rechten Mittelfeld simpel vor das Tor der Hallenser – die allerdings hatten Stürmer Patrick Breitkreuz in der Situation nicht auf dem Radar, und der 33-Jährige traf aus kurzer Distanz, nachdem er sich zuvor aus seiner Bewachung davongestohlen hatte. „Ich habe letzte Woche schon gesagt: Es ist wichtig, dass wir in jedem Spiel in Schlagweite sind, dass wir sie auch in unsere Richtung drehen können. Heute sah es vielleicht nicht so schön aus wie sonst, aber wir waren unglaublich effektiv“, erklärte der Routinier nach Abpfiff gegenüber „Ostsport-TV“. So konnte man nach der neunten Runde zufrieden feststellen, dass die Zwischenbilanz wieder komplett ausgeglichen war (je drei Siege, Unentschieden und Niederlagen) und ein stabiler elfter Platz zu Buche stand. „Wir müssen natürlich unsere Kontersituationen besser ausspielen“, fand Volbert trainertypisch auch das Haar in der Suppe, aber letztlich war auch ihm die Freude über die drei Punkte deutlich anzumerken. Nur ein Umschaltspiel hatte dabei zu einer Chance geführt, die „Joker“ Gobe Gouano im Eins-gegen-eins mit dem HFC-Torwart vergab und damit die vorzeitige Entscheidung verpasste. Dabei ist die Mannschaft des BFC Preussen zwar Aufsteiger, wird aber keineswegs als „Underdog“ angesehen – viele Fußballer im Kader haben andernorts bereits Erfahrung in der Spielklasse sammeln können, im Sommer hatte man einige von ihnen gezielt dazu geholt. Schließlich haben die Lankwitzer einen Plan: Zunächst möchte man sich in der Viertklassigkeit etablieren, um dann den Schritt in die 3. Liga anzugehen.
Erst etablieren, dann Aufstieg anpeilen
Dazu soll auch das aktuell eher noch betagt wirkende Preussen-Stadion komplett umgebaut werden – dass das Gelände an der Malteserstraße dem Verein gehört, ist dabei in Berlin einzigartig und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei der Idee nicht um ein „Luftschloss“ handeln muss. Trainer Volbert ist dazu ein Aufstiegsexperte, schaffte schon mit drei Clubs den Sprung von der Berlin-Liga in die Oberliga und feierte mit Preussen diesen Sommer seine Premiere hinsichtlich der Qualifikation für die Regionalliga Nordost. Mit den Ex-Profis Thorben Marx (Trainerassistent) und Marko Rehmer (Berater) verfügt der Club über weitere Expertise. Auch das nötige Geld – hier hält sich der Verein wie manch anderer in der Liga gern zu den Quellen bedeckt – scheint vorhanden zu sein, um groß zu planen. Doch rein sportlich unterliegt man eben weiter den Gesetzen des Fußballs und nimmt diese gelehrig an: Denn der Umbruch im Kader erfordert hinsichtlich des Zusammenwachsens seine Zeit – und es gilt dabei, den einen oder anderen Rückschlag zu verkraften. Auch beim Chemnitzer FC etwa hatten die Hauptstädter Ende August durch ein Breitkreuz-Tor, ähnlich dem in Halle, geführt. Doch in der zweiten Halbzeit kam es knüppeldick: Erst musste Torwart Steffen Westphal nach einem Zusammenprall mit schweren Gesichtsverletzungen durch Albers ersetzt werden, wenig später sah Shean Mensah eine harte Rote Karte. So rollte in den Schlussminuten eine Angriffswelle nach der anderen auf das Preussen-Tor, und in der Nachspielzeit verursachte dann mit Niklas Brandt ausgerechnet der erfahrenste Spieler einen Foulelfmeter, als er im Zweikampf einen Schritt zu spät kam. So musste man sich am Ende mit einem Punkt trotz guter Leistung zufriedengeben – acht Tage zuvor hatte man beim 0:3 in Luckenwalde schlicht noch ganz alt ausgesehen. Unglücklich verlief auch das Heimspiel Mitte September gegen ein weiteres Topteam, den FC Rot-Weiß Erfurt – dabei war man früh in Führung gegangen.
Bei einem Freistoß von Ole Hoch staubte Verteidiger Stein ganz im Stil des verletzt ausgefallenen Breitkreuz zum 1:0 ab. Doch nach zwei individuellen Fehlern stand es zur Halbzeit 1:2 – der Neuling aber steckte nicht auf und kam durch Nikolas Frank nach starker Vorarbeit von Philipp Fontein zum Ausgleich. Dann handelte sich Stein jedoch in einer Aktion die Ampelkarte ein, und als wenig später der erfahrene Stephan Brehmer den Ball nach einem Abstimmungsproblem in der Defensive per Kopf ins eigene Tor befördert hatte, ging das Spiel am Ende noch mit 2:4 verloren. „Wir zahlen eine Menge Lehrgeld – ich glaube, das merkt man Woche für Woche“, erklärte der Eigentorschütze anschließend geknickt. „Erfurt ist ein Topteam, aber ich denke, dass wir es eigentlich ganz gut verteidigen – wir hauen uns die Dinger halt wortwörtlich selber rein.“ Doch beim Aufsteiger ist all dies eingepreist und bereitet keine größeren Sorgen – aufgrund des Potenzials des Vereins und seines Kaders geht man trotzdem zuversichtlich durch die „Lehrlingszeit“ in der Regionalliga Nordost. Daniel Volbert rechnet dabei damit, dass die Mannschaft erst gegen Ende der Hinrunde bei hundert Prozent sein wird – es ist also offenbar noch etwas zu erwarten vom BFC Preussen. Schließlich hat der Trainer ein gutes „Näschen“ – nach dem 2:4 gegen Erfurt hatte der 53-Jährige etwa gesagt: „Wir sind einfach noch nicht so weit, einen von oben zu schlagen – aber wir sind auch nicht weit weg.“ Eine Woche später folgte der Sieg in Halle.