Nur zwei Spieltage sind im neuen Jahr absolviert, doch bei Hertha BSC wächst bereits wieder die Ungeduld. Zwar sind die Ergebnisse im Vergleich zur Hinrunde minimal besser, doch statt der erhofften Aufholjagd stehen nur zwei Punkte – und neue Diskussionen.
Nur zwei Spieltage sind im neuen Jahr absolviert, da regiert rund um Hertha BSC schon wieder der Sarkasmus. „Mein Fazit fällt eindeutig aus: Wir haben doppelt so viele Punkte und doppelt so viele Tore wie zum gleichen Zeitpunkt der Hinrunde“, schrieb etwa „patrick2009“ in einem Kommentar unter dem Bericht des „Tagesspiegel“ zur Partie Karlsruher SC – Hertha BSC am vergangenen Sonnabend. Recht hat der Mann, schließlich erreichte man zum Saisonstart im August bei Schalke 04 (1:2) und gegen den KSC (0:0) zusammen nur die schwache Bilanz von einem Tor beziehungsweise einem Zähler.
Die Verbitterung quillt allerdings förmlich zwischen den Zeilen hervor – schließlich hieß es doch, dass Hertha BSC in den ersten sechs Partien zu Jahresbeginn gegen unter anderem fünf Widersacher, die in der Tabelle vor den Berlinern standen, zur großen Aufholjagd blasen müsse, um noch ins Aufstiegsrennen eingreifen zu können. Nun hat man nach zwei Duellen jedoch lediglich zwei von sechs möglichen Punkten sammeln können – und diese zwei Siege waren in der Tat jeweils drin. Spitzenreiter Schalke 04 gestand man kaum etwas zu, ließ aber selbst beste Chancen aus. In Karlsruhe hingegen lud man die Gastgeber zu ihren beiden Treffern ein und lief so „der Musik hinterher“ (O-Ton Fabian Reese). Ausgerechnet der erfahrene Paul Seguin ließ sich vor der ersten Führung des KSC den Ball abjagen, und Schleusener erwischte den nach einem Infekt zwischen die Pfosten zurückgekehrten Tjark Ernst kalt.
Zum Glück standen die Badener dem nicht nach: Denn Wanitzek spielte einen ungenauen Pass, in den Kevin Sessa seinen Fuß bekam. Der war für den verletzt fehlenden Kennet Eichhorn ins Team gerückt und bereitete mit seinem Ballgewinn das 1:1 von Reese vor. Der hohe Unterhaltungswert des Spielgeschehens hielt weiter an: Erst trafen die Hausherren den Pfosten, dann kurz darauf zum 2:1 – weil Reese einen Eckball zentral vor den Strafraum abwehrte und Jung mit einer Direktabnahme Ernst erneut überwand. Weitere Chancen ergaben sich auf beiden Seiten. Die beste ließ dabei Luca Schuler aus, als er sich von KSC-Torwart Bernat so weit abdrängen ließ, dass er aus spitzem Winkel das leere Tor verfehlte.
Nach der Pause übernahm Hertha BSC im Drängen auf den erneuten Ausgleich immer mehr das Kommando, hatte gleich zu Beginn bei Reeses Schuss ans Lattenkreuz aber Pech – und Schuler, der freistehend an Bernat scheiterte, ließ in der Schlussphase erneut Abschlussqualitäten vermissen. Doch nur 60 Sekunden später blieb der eingewechselte Jeremy Dudziak cool und schob die Kugel durch die Beine eines Verteidigers unhaltbar zum 2:2 ein. Mehr allerdings sollte nicht herausspringen in diesem „Freundschaftsspiel“ der beiden Fangruppen – und Kapitän Reese konstatierte: „Wir bringen uns Woche für Woche um den verdienten Lohn.“
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Auch Stefan Leitl stellte ernüchtert fest: „Insgesamt kann ich jetzt nicht so viel mit dem Punkt anfangen“ – schließlich hätte man das Spiel aufgrund der zweiten Halbzeit „vielleicht sogar gewinnen müssen.“ Doch nach der famosen Siegesserie in der Liga (fünf in Folge im Oktober/November 2025) hat sich so wieder ein Abwärtstrend eingeschlichen – zum fünften Mal hintereinander blieben die Berliner jedenfalls nun schon ohne Dreier. Was natürlich, das weiß auch Leitl, den Druck auf sein Team vor dem Spiel am Sonntag gegen den Tabellenzweiten noch mal deutlich erhöht: „Darmstadt 98 ist sieben Punkte vor uns, heißt, wir müssen gewinnen“, sagte Herthas Trainer kurz und bündig. Ein großes Thema blieben in der Woche vor dem Karlsruhe-Spiel die Auseinandersetzungen zwischen Hertha-Fans und der Polizei zum Jahresauftakt gegen Schalke 04 im beziehungsweise vor dem Olympiastadion. Beide Konfliktparteien hatten sich dabei geschockt über die Vehemenz der Gewalthandlungen geäußert, die insgesamt zu über 50 Verletzten führten.
Allerdings war die Debatte zunächst von gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt: So sprach die Polizei von „gewalttätigen Angriffen einzelner Fangruppen“, während im Statement der Fanhilfe „massive Polizeigewalt gegen wartende Fans“ sowie „Provokationen der Hundertschaften“ angeführt worden waren. Der Verein hatte dabei offenbar aufgrund steigender Spannungen zwischen beiden Konfliktparteien in den Wochen zuvor bereits ein Gespräch mit der Polizei angestrebt – das jedoch kam erst am Mittwoch vergangener Woche, also nach den erwähnten Ausschreitungen, zustande.
Die Stellungnahme von Hertha BSC nach den Vorfällen sorgte dabei für Irritationen seitens der Ordnungshüter. In einer ersten Äußerung hieß es, es sei der „Eindruck entstanden, dass Einsatzkonzepte und polizeiliche Präsenz von Fans als zunehmend konfrontativ und in der Gesamtheit an Spieltagen (…) nicht mehr durchgängig deeskalierend wahrgenommen worden sind“. Im Weiteren wurde angemahnt, „schnellstmöglich wieder eine belastbare Gesprächsebene zwischen Club, Sicherheitsbehörden und Fans herzustellen.“ Der von Hertha-Verantwortlichen ins Spiel gebrachten Einbeziehung der Politik war Innensenatorin Iris Spranger (SPD) im Übrigen beim ersten Gesprächstermin gefolgt.
Wenn das Treffen zwischen den drei Parteien in dieser Form auch zu spät stattfand, so waren sich Hertha BSC und Fans einig, dass dies nur ein Anfang sein dürfe, um einem Dauerkonflikt bei den Heimspielen des Zweitligisten entgegenzuwirken. Auf sportlicher Ebene war wiederum die Hiobsbotschaft ein Thema, dass Kennet Eichhorn sich gegen Schalke doch schwerer am Sprunggelenk verletzt hat – das 16-jährige Toptalent war gegen die Königsblauen angeschlagen ausgewechselt worden, die Blessur wurde zunächst aber nicht als gravierend eingestuft. In der Folge wurde jedoch beim defensiven Mittelfeldspieler, der trotz seines geringen Alters bereits zu den Stammkräften zählt, ein Riss des Syndesmosebandes festgestellt. Bei einer allgemein kalkulierten Ausfallzeit von zwölf Wochen könnte die Saison damit für Eichhorn bereits vorzeitig beendet sein – und Hertha BSC im Kampf um den Aufstieg einen echten Hoffnungsträger verloren haben. Mit Maurice Krattenmacher, der gegen Schalke schon in der ersten Halbzeit verletzungsbedingt ausgewechselt wurde, fällt dazu ein weiterer Profi bis auf Weiteres aus – angesichts der anstehenden Schlüsselspiele für die Berliner gegen die Topteams der Liga also eine zusätzliche Hypothek.