Die Naturtherapie ist ein interdisziplinäres Heilverfahren. Ihre Philosophie und Anwendungen sprechen vor allem spirituelle Personen an. Reine „Verstandesmenschen“ werden sich schwertun.
Dass die Natur heilende Kräfte in Form von Arzneipflanzen hervorbringt oder auch regenerierende Effekte auf Atemwegserkrankte, Rheumatiker oder Menschen mit Blutgefäßverengungen hat, ist weitläufig bekannt. Auch dass ein Waldspaziergang, eine Wattwanderung oder eine Radtour durch die Auen zum Verweilen und Innehalten einlädt, haben viele von uns sicherlich schon erfahren.
Doch die Natur als Medium für eine Psychotherapie zu nutzen, ist keine gängige Vorstellung, obwohl sie doch sehr naheliegt. Sicherlich gehen Patienten einer psychosomatischen Einrichtung hinaus, um zum Beispiel Menschen mit Depressionen zu aktivieren. Beim Nordic Walking kommt schließlich der Kreislauf in Schwung. Auch wirken die sozialen Aspekte bei einem morgendlichen Marsch wie Balsam für die Seele.
Dass man aber die Natur nutzt, um sich selbst als Teil von ihr zu erkennen, und in Begleitung eines Naturtherapeuten Rituale vollzieht, das würden Personen ohne Hang zur Spiritualität womöglich als Therapieform erst einmal ausschließen.
Selbst ein Teil der Natur sein
Dabei richtet sich das Angebot der sogenannten Naturtherapie genau an solche, die allzu sehr gegen die eigentliche Natur des Menschen gelebt haben. Die Grundannahme, dass die Lebensweise, die wir uns aufnötigen, mit einer Entfremdung von den eigentlichen Grundbedürfnissen einhergeht, liegt nahe: Ständig am Handy, das stundenlange Sitzen hinter einem Computerbildschirm, das Essen to go, die zwanghafte Selbstdarstellung auf Social Media sind allesamt Einfälle der modernen Leistungsgesellschaft. Sie haben nichts mit einer bewussten Lebensführung zu tun, sondern erscheinen als der Lauf der Dinge, mit dem man mitläuft, um nicht aus dem Tritt zu kommen. Man reiht sich ein, und erst dann, wenn die innere Unruhe bleibt, versucht der moderne Mensch, gegenzusteuern. Eine kurze Auszeit vom viel zitierten Hamsterrad sind der Sonntagsspaziergang oder ein Tag am Badesee. Wenn das aber nicht mehr hilft und Angststörungen, Depressionen oder zwanghaftes Verhalten einsetzen, um zu bleiben, geht es in aller Regel zum Verhaltenstherapeuten. Dort bekommt man Techniken wie Achtsamkeit und Entspannungsübungen an die Hand, die es gilt, im Alltag zu integrieren. Im Allgemeinen sitzt man sich dabei in einem geschlossenen, für die Naturtherapeuten artifiziellen Raum gegenüber. Möchte man aber über die kognitive Ebene hinaus den Körper mit dem Geist vereinen, dann empfehlen sich Therapien, die über einen Erlebnisraum, wie den Garten, die Tanzfläche oder das Malatelier, Psyche und Physis in Gleichklang bringen.
Als Pionier der Naturtherapie gilt der deutsche Psychologe Hilarion Gottfried Petzold. Er begründete das Psychotherapieverfahren der integrativen Therapie. Das bedeutet nichts anderes als die Kombination verschiedener metho-discher Verfahren zu einem ganzheitlichen Ansatz. Gestalt-, Verhaltens- und Kreativtherapien werden mit Biologie und Neurowissenschaften, Philosophie, Psychologie sowie Soziologie zu einem offenen Gespräch verknüpft. Vor allem im Kontext von Sucht, Stress und Depression setzte Petzold auf Naturtherapie und Waldbaden.
Der Wegbereiter dieses ganzheitlichen Ansatzes entwickelte „ökopsychosomatische Kuren“, die zu einer ökologischen Achtsamkeit führen sollten. Das Wegsein vom alltäglichen Lebensraum mache den Menschen besonders empfänglich für Veränderung. Das bedeutet auch, dass man Dinge zurücklässt, die einen im Alltag festhalten. Der Theorie nach „greift die Natur auch von innen nach uns“. Das soll nicht heißen, dass der Mensch „zurück zur Natur“ findet; vielmehr geht es darum, wieder ein ganzer, ein heiler Mensch zu werden. Das Leiden entsteht dem naturtherapeutischen Verständnis nach durch einen Verlust des Empfindens der eigenen, inneren Natur. Im gesprächstherapeutischen Teil geht es darum, vergessene oder abgelehnte Selbstanteile wieder mit Liebe anzunehmen. Das schließt mit ein, wie wir Muster in der Natur als auch in uns selbst vorhandene Muster erkennen. Betrachtet man beispielsweise eine Reihe Bäume, von denen kein einziger kerzengerade gewachsen, also nicht perfekt geraten ist, erkennen wir uns selbst. Eine gute Übung in einer Welt, in der man ständig nach Perfektion strebt. Um heil anzukommen, durchläuft man einen Prozess, der drei Phasen hat: Vorbereitungs- und Ablösephase, Schwellenphase, Wiedereingliederungs- und Integrationsphase.
In der Vorbereitungs- und Ablösungsphase üben die symptomgeplagten Menschen die Fähigkeit, die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Dazu gehört, dass man sich ganz und gar hingibt, sich auch von ihr beeindrucken lässt. Oftmals geht man an ihr vorbei, schaut und hört nicht hin, Gerüche werden auch nicht wahrgenommen. Ständig ist man mit dem Kopf woanders, schlechtestenfalls in virtuellen Welten unterwegs. Wenn man aber zu mehr Gelassenheit und Akzeptanz kommen möchte, sollte man vor allem loslassen und die tatsächliche Welt und sich selbst einfach annehmen.
Dazu muss man in einer zweiten Phase über eine Schwelle treten, das alltägliche Leben hinter sich lassen. Betritt man den Erlebnisraum Natur, gelten dort andere Gesetze. Die Naturtherapie beschreibt sehr bildhaft einen Übergangsraum, wie eine Umkleidekabine, in der man seine Sachen abstreift. Symbolisch gibt man Dinge ab, die den Menschen an den Alltag ketten. Dazu gehören Smartphones und andere Gegenstände wie Uhren oder Schlüsselbund. Dies erhöhe die Hingabe an die Zeit draußen und steigere die Offenheit für neue Erfahrungen.
Das Erlebnis mit der Gruppe teilen
Nach der Rückkehr, in der Phase der Integration, wird das Erleben mit dem Begleiter beziehungsweise einer Gruppe geteilt. Dieser Teil soll eine Fortführung der Empfindung gewährleisten und die eigene Erfahrung vertiefen, um sie besser zu verstehen. Dies ist der gesprächstherapeutische Teil der Naturtherapie. Immer geht es darum, den Bedeutungsgehalt der eigenen Erfahrung zu erkennen, sie mit der aktuellen persönlichen Situation und Thematik in Bezug zu setzen und das alte Selbstbild mit den neuen Erfahrungen in Übereinstimmung zu bringen. Die Therapierenden versuchen dabei, den therapeutischen Prozess zu lenken und methodisch zu gestalten. Fragen sollen spezifische Aspekte der Erfahrung ins Bild rücken, sie vertiefen, das neue Selbsterleben empathisch spiegeln und stärken. Die Wahrnehmung lebendiger Natursymbole wird gemeinsam gedeutet, durch Rückmeldung wird auf problematische Beziehungsmuster hingewiesen. Das erinnert ein wenig an die Traumdeutung beim Verfahren der Psychoanalyse.
Es gibt, wie bei anderen Verfahren der Einzel- und Gruppentherapie-Settings, unterschiedliche Ziele, die verfolgt werden. Einmal sollen freie Naturerfahrungen in Form von Streifzügen durch Wald und Wiese die Ablösung vom ansonsten zielfixierten Individuum unterstützen. Das ständige Wollen wird abgelöst von einem frei umherschweifenden Auge, das die Attraktionen der Natur ins Visier nimmt. Wenn es gelingt, sich auf das Rauschen eines Baches, den Wind in den Blättern oder das Summen der Bienen einzulassen, wird der Geist freier und man fühlt sich leichter. In der Tiefenpsychologie spricht man im Zusammenhang mit dem Gleichklang von innerer und äußerer Erlebniswelt von „in Resonanz treten“. Damit es zu einer Meditation kommt, zu einem Zustand von absoluter Hingabe ans Hier und Jetzt, dafür braucht es viel Übung. Deshalb sieht die Schule der Naturtherapie Spaziergänge als Übung vor. Nachdem man die Ablösung vom Bewusstsein geschafft hat und in eine tieferliegende Instinktebene vorgedrungen ist, vollzieht man Rituale, wie etwa Bewegungsübungen oder ein rituelles Fasten in den Bergen. Andere Formen von ritueller Selbstreflexion heißen „Vision Quest“, eine mehrtägige Visionssuche, oder „Kreis des Selbst“, eine Mischung aus Bewegung und Dialog, um seine innere Mitte zu finden.
Es gibt ein großes Angebot an Instituten und Praxen, die Naturtherapie anbieten. Neben ambulanten Sitzungen werden auch stationäre Aufenthalte angeboten. Die Kosten dafür muss man in der Regel selbst tragen, da die Naturtherapie zu den Heilpraktikerverfahren gezählt wird. Einige Privatkassen übernehmen die Gebühr anteilig. Wie viel man für die Einheiten bezahlt, variiert stark. Je nach Einzugsgebiet und Expertise setzt man um die 200 bis 300 Euro an. Im Durchschnitt muss man aber mit um die 100 Euro pro Sitzung rechnen. Viel Holz – um im Bild zu bleiben.