Neben völlig aus dem Ruder laufenden Energiepreisen beschäftigt kein anderes Thema die Menschen derart wie die explodierenden Mieten und bezahlbarer Wohnungsbau in Deutschland. Nun soll es womöglich eine bundesstaatliche Baugesellschaft richten.
Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) vollzog kurz nach ihrem Amtsantritt vor knapp einem Jahr etwas sehr Kluges: Bei der Vorstellung ihres Bau-Sofortprogramms nannte die 37-Jährige keine Wohnbau-Richtzahlen. Ihre Vorgängerin und Parteifreundin Klara Geywitz hatte diesen Fehler gemacht und wurde fortan an den genannten 400.000 Wohnungen pro Jahr gemessen. Derzeit fehlen mindestens 1,4 Millionen Wohnungen (Pestel-Institut). Neuer Plan der Regierung: Künftig könnte eine Bundeswohnbaugesellschaft die Lösung bringen. Für Verena Hubertz wäre dies möglicherweise ein „Gamechanger“.
Bezahlbares Preissegment
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, ohne ihn geht es logischerweise nicht, will eine „Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnungsbau“ einrichten, also finanzieren. Das erklärte Ziel mutet für Wohnbaugesellschaften und private Investoren etwas merkwürdig an. Die neue Gesellschaft will Projekte „im bezahlbaren Preissegment“ entwickeln. Klingt, als sei dies nicht auch das vorrangige Ziel der jetzigen Bauherren. Selbst für private Wohnbau-Unternehmen macht es fast keinen Sinn, Projekte zu entwickeln.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Geplant wird für den freien Markt, also ohnehin hochpreisiges Segment, mit 18 Euro nettokalt. Nach vier, fünf Jahren, bei Fertigstellung, landen die Unternehmen dann bei 25 Euro nettokalt. Schuld: explodierende Energiekosten. Beton, Zement, Mauersteine, Rohre oder Kabel sind nur sehr energieintensiv herzustellen.
Das betrifft auch die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften. „Nun will der Bund uns also vormachen, wie man preiswert baut. Ich dachte erst an einen Aprilscherz. Egal ob Flughafen BER oder Bahnhof Stuttgart 21, der Bund hat noch nie günstiger gebaut als die Wirtschaft“, grinst der Chef der Gesellschaft für Mauerwerk und Wohnungsbau, Hannes Zapf, im FORUM-Gespräch. Einen einzigen möglichen Vorteil sieht Zapf in dem Umstand, dass die Bundesbaugesellschaft, gerade in den Ballungsräumen, auf eigene Flächen zurückgreifen könnte. „Das wäre ein kleines Gimmick dabei. Nicht nur Baustoffe haben sich verteuert, sondern die Bauflächenpreise sind ebenfalls explodiert.“ Der Chef der Gesellschaft für Mauerwerk und Wohnungsbau bleibt ob der möglichen Konkurrenz durch die Bundeswohnbaugesellschaft ganz entspannt. „Dazu muss erst mal überhaupt das Grundgesetz geändert werden, Wohnungsbau ist Ländersache. Die nötige Zweidrittelmehrheit hat die Regierung im Bundestag nicht, da muss Klingbeil also die Grünen und die Linkspartei ins Bau-Boot holen.“
Steigende Bauflächenpreise
Damit könnte Hannes Zapf recht haben, das Bundesfinanzministerium widerspricht jedoch. Laut entsprechendem Papier soll es sich um „keine Baufirma und keine Behörde“ handeln. Sie soll vielmehr bezahlbare Wohnungsbauprojekte entwickeln. Diese sollen öffentlich ausgeschrieben, und es sollen Kredite zur Verfügung gestellt werden. Die könnte der Staat dann günstiger aufnehmen, und die beauftragten Baufirmen sollen dann die fertigen Wohnungen liefern, so das Bundesfinanzministerium. „Leider fehlt in dem Papier die Anleitung dazu, wie die angepeilten Baukosten von unter 3.000 Euro der Quadratmeter denn bitte erreicht werden sollen. Genau das ist ja unser Problem“, lacht Hannes Zapf.
Schnelle Entspannung ist auch mit den Bundesbaumeistern auf dem Mietermarkt nicht zu erwarten. Bis die Bundesbaugesellschaft gegründet ist, wird es mindestens bis in den Herbst hinein dauern. Die ersten Bundesbau-Wohnungen könnten damit dann frühestens 2031 bezogen werden. Faustformel für den Wohnungsbau, wenn es denn schnell geht: Von der Planung bis zum Einzug dauert es mindestens vier Jahre.