Zum 100. Mal jährt sich der Geburtstag der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. In ihrer Heimatstadt Klagenfurt wird zum 50. Mal der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Sind ihre Werke weiterhin lesenswert?
Er kann nicht mehr unter Menschen leben. Sie lähmen ihn, haben ihn sich zurechtgelegt nach eigenem Gutdünken“, lässt uns die Erzählerstimme über den namenlosen Er in „Das dreißigste Jahr“ wissen. Er ist im Juni geboren. Er bricht nach Rom auf. Ingeborg Bachmann ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Sie hat viele Jahre in Rom gelebt und ist 1973 dort gestorben.
„Man geht, sowie man eine Zeit lang an einem Ort ist, in zu vielen Gestalten, Gerüchtgestalten, um, und hat immer weniger Rechte, sich auf sich selbst zu berufen.“ Die Zuschreibungen zu Ingeborg Bachmanns Lebzeiten und darüber hinaus –
von der Star-Autorin mit divenhaften Allüren bis zur tablettenabhängigen Frau, die keinen Halt findet – sind vielfältig und kontrastreich. Dass sie für das Verständnis ihrer Texte von Wert sind, darf infrage gestellt werden. Der Text steht für sich. Der Text spricht zum Leser – oder nicht. Auch dann, wenn, wie im Fall von Ingeborg Bachmann, das Leben mit dem Werk aufs Engste verzahnt ist. „Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe“, lässt die Autorin wissen. Die Biografin Andrea Stoll bezeichnete Bachmanns Texte kürzlich in einem ARD-Interview als „seismografisch“ und sprach von einem „Sprung ins Heute, den wir in ihren Texten finden können“ und beantwortet damit die Frage, weshalb uns ihr Werk weiterhin beschäftigt.
Ingeborg Bachmann begann als Jugendliche mit zehn oder zwölf Jahren zu schreiben, so berichtet es die Schwester Isolde. Über 100 Jugendgedichte befinden sich im Nachlass. In der Schule erhielt sie die Spitznamen „Elfchen“ wegen ihrer Zartheit, und „Eule“, ihrer Belesenheit wegen. Die Eltern kaufen 1933 in Klagenfurt ein Reihenhaus, das heute als Museum zugänglich ist. Bachmann berichtet von einem harmonischen Elternhaus. 1938 erfolgt der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Der Vater war 1932 in die NSDAP eingetreten. Der geliebte Vater gehörte zu den verhassten Tätern. Immer wieder und intensiv hat sich Ingeborg Bachmann in ihren Texten mit dem Erinnern und Vergessen beschäftigt. Genannt seien der Roman „Malina“ („verschwiegene Erinnerung“) und die Erzählung „Unter Mördern und Irren“.
„Ich existiere nur, wenn ich schreibe“
Die Erzählung „Die Fähre“ erschien 1946 in der „Kärntner Illustrierten“ und gilt als ihre erste Publikation. Das war, als sie bereits in Wien Philosophie, Germanistik und Psychologie studierte: „In meiner Erinnerung wird der Weg aus dem Tal nach Wien immer der längste bleiben.“ Die Eltern nehmen eine Hypothek auf, damit sie studieren kann, und senden Lebensmittelpakete. Bachmann bekommt Kontakt zum Kreis um den Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel sowie zu den Literaten und Künstlern der Nachkriegszeit. Im „Café Raimund“ treffen sich unter anderem Ilse Aichinger, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker. Das Provinzmädchen wird Wienerin und hat ein Verhältnis mit dem 18 Jahre älteren Weigel. Weitere Liebschaften mit Künstlern, darunter Paul Celan, sind bekannt. Max Frisch und Ingeborg Bachmann waren zwischen 1958 und 1962 ein Liebespaar, sie lebte mit ihm in Zürich und Rom.
„Malina“ wird von einer Leserstimme aus Berlin im World Wide Web als „anstrengend“ bezeichnet: „Ich habe den Roman nach kurzer Zeit weggelegt. Ingeborg Bachmanns Gedichte haben mir besser gefallen.“ Ihre Gedichte sind es auch, die sie bekannt machen, als sie von der Gruppe 47 den Literaturpreis 1953 für den Lyrik-Band „Die gestundete Zeit“ erhält. Es ist die erste Auszeichnung für ihre literarische Arbeit, zahlreiche folgen, darunter der Büchner-Preis 1964 und der Österreichische Staatspreis 1968.
Der als „anstrengend“ empfundenen Lektüre des Romans „Malina“ – 1971 erschienen – ziehe ich den 1961 publizierten Erzählband „Das dreißigste Jahr“ vor. Bachmann hat ihren Ton gefunden: unerbittlich, präzise, konsequent. Existenzielle Fragen, denen sich der Mensch stellt oder die er meidet, die Befragung, ob alles so sein muss, wie es ist, sowie die Betrachtung des Individuums im soziokulturellen Kontext werden variierend verhandelt: „Ich denke politisch, sozial, und noch in ein paar anderen Kategorien und hier und da einsam und zwecklos, aber immer denke ich in einem Spiel mit vorgefundenen Spielregeln und einmal auch daran, die Regeln zu ändern. Das Spiel nicht. Niemals!“, heißt es in der titelgebenden Erzählung „Das dreißigste Jahr“, und weiter: „Keine neue Welt ohne neue Sprache.“
Veränderung durch Sprache thematisiert ebenso die Erzählung „Alles“. Das Aufwachsen, vielmehr das Belauern, eines Kleinkindes während seiner Entwicklung aus Sicht des Vaters, macht den Leser zum Komplizen. In „Alles“ sucht der Vater nach einer Rolle: „Ich wusste noch immer nicht, was zu tun war. Was nur? Früher hatte ich gedacht, ihn die Welt lehren zu müssen.“ Der Suchende spekuliert über Möglichkeit und Hoffnung, und die Erwartung an seinen Sohn Fipps: „Alles war eine Frage, ob ich das Kind bewahren konnte vor unserer Sprache, bis es eine neue begründet hatte und eine neue Zeit einleiten konnte.“ Die Erzählung mit dem allesumfassenden Titel lese ich als Thriller, der mich mit jedem neuerlichen Lesen zuverlässig in wechselhafte Gemütsverfassung versetzt, und die fragt: „Aber wo gibt es diese Insel, von der aus ein neuer Mensch eine neue Welt begründen kann?“