Lungenkrebs früh erkennen, Diagnosen sicherer machen, Ärzte entlasten: Genau das will die IKK Südwest als erste Kasse Europas mit Künstlicher Intelligenz erreichen. Prof. Dr. Jörg Loth und Dr. Florian Brandt erklären, wie das neue Versorgungsmodell funktioniert und was das für Patienten bedeutet.
Herr Professor Dr. Loth, die IKK Südwest ist die erste Krankenkasse in Europa, die den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Rahmen der Lungenkrebsdiagnostik finanziert. Warum ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem, insbesondere in der Lungenkrebsdiagnostik, so bedeutsam?
Loth: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem markiert einen entscheidenden Fortschritt, der weit über technologische Neuerungen hinausgeht. In Zeiten, in denen die Gesundheitsversorgung vor Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, steigenden Patientenzahlen und begrenzten Ressourcen steht, bietet KI die Möglichkeit, Effizienz und Präzision in der Diagnostik erheblich zu steigern. Insbesondere bei der Lungenkrebsdiagnostik verbessert KI die Früherkennung. Sie ermöglicht schnellere und fundiertere Entscheidungen bei einer der häufigsten und gefährlichsten Krebsarten. Eine frühzeitige und präzise Diagnose kann Leben retten und die Heilungschancen signifikant erhöhen. Gleichzeitig entlastet die Technologie das medizinische Personal, indem sie Routinearbeiten übernimmt und so mehr Raum für die individuelle Patientenbetreuung schafft. Damit trägt Künstliche Intelligenz nicht nur zur Effizienzsteigerung bei, sondern auch zur qualitativen Verbesserung der Patientenversorgung, was letztlich jedem Einzelnen zugutekommt.
Herr Dr. Brandt, Wie funktioniert das neue Versorgungsmodell zur KI-gestützten Lungenkrebsdiagnostik konkret, und wie greifen algorithmische Auswertung und ärztliche Entscheidung dabei ineinander?
Brandt: Unser neues Versorgungsmodell bei der IKK Südwest läuft in enger Zusammenarbeit mit dem österreichischen Unternehmen contextflow. Im Mittelpunkt steht eine moderne KI-Technologie, die Lungen-CT-Bilder auswertet. Der Ablauf ist einfach: Wenn Patienten eine Computertomografie der Lunge bekommen, analysiert die KI-Software diese Bilder. Sie wurde mit vielen früheren Untersuchungen trainiert und kann jetzt verdächtige Stellen in den Aufnahmen erkennen, markieren und die Wahrscheinlichkeit einer bösartigen Veränderung berechnen. Diese Vorauswertung geht dann an die Radiologen. Die Ärzte prüfen die Hinweise der KI, bewerten sie im Zusammenhang mit dem gesamten Patientenbild und treffen die endgültige Diagnose. Die KI ist also ein unterstützendes Werkzeug, während die medizinische Erfahrung und das Urteil der Ärzte entscheidend bleiben.
Welche Voraussetzungen sind nötig, damit ein solches Modell über die IKK Südwest hinaus in die Regelversorgung übernommen werden kann?
Brandt: Um KI-gestützte Diagnostik flächendeckend einzuführen, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Zuerst brauchen wir wissenschaftliche Beweise, dass die KI-Unterstützung tatsächlich zu besseren Diagnosen, früherer Erkennung und letztlich besserer Patientenversorgung führt. Gleichzeitig muss die Wirtschaftlichkeit nachgewiesen werden – die Krankenkassen wollen sehen, dass die Investition in diese Technologie langfristig Kosten spart, etwa durch weniger Fehldiagnosen.
Finanziell muss sich die KI-gestützte Diagnostik für alle Beteiligten lohnen – für Technologieanbieter, Ärzte und Krankenkassen. Mit unserem Projekt schaffen wir genau diese Situation und beseitigen damit ein großes Hindernis bei der Einführung medizinischer KI. Ob Krankenkassen hier dauerhaft finanziell beteiligt sein müssen oder ob KI-Funktionen irgendwann standardmäßig in ärztliche Softwaresysteme integriert werden, wird sich noch zeigen.
Außerdem brauchen wir klare Regeln zum Datenschutz und ethische Leitlinien für den verantwortungsvollen Umgang mit Patientendaten. Sehr wichtig ist auch die Akzeptanz beim medizinischen Personal – hier helfen Schulungen und offene Kommunikation über die Möglichkeiten und Grenzen der KI. Nicht zuletzt benötigen wir technische Standards, damit verschiedene Systeme zusammenarbeiten können und eine flächendeckende Einführung möglich wird.
Welche konkreten Veränderungen bringt der KI-Einsatz für den Arbeitsalltag in der Radiologie, etwa in Bezug auf Zeitaufwand, Fehlerquellen oder Befundqualität?
Brandt: Der Einsatz von KI verändert die radiologische Arbeit deutlich. Am spürbarsten ist der Zeitgewinn: Die KI-Vorauswertung der CT-Bilder lenkt die Aufmerksamkeit der Radiologen gezielt auf markierte Bereiche. Das verkürzt die Befundungszeit erheblich – auch weil die KI bei der Erstellung von Berichten und anderen Dokumentationen hilft.
Bei den Fehlerquellen bietet die KI eine wertvolle zweite Meinung. Die menschliche Wahrnehmung schwankt natürlich – Müdigkeit, Stress oder Überlastung können beeinflussen, was wir sehen. Die KI arbeitet dagegen immer gleich genau und erkennt auch feine Veränderungen, die dem menschlichen Auge entgehen könnten. Das verringert menschliche Fehler und macht die Diagnose sicherer.
Die Befundqualität profitiert von der Kombination aus Computeranalyse und ärztlichem Fachwissen. Die KI liefert einheitliche Messungen und Vergleichsdaten für eine objektivere Beurteilung. Auch Veränderungen über die Zeit lassen sich genauer dokumentieren. Da die Radiologen von Routineaufgaben entlastet werden, haben sie mehr Zeit für schwierige Fälle und den direkten Kontakt mit Patienten, was die Versorgung insgesamt verbessert.
Wie wird sichergestellt, dass die Verantwortung für die Diagnose weiterhin klar beim medizinischen Personal liegt?
Brandt: Die ärztliche Verantwortung bleibt ein Kernpunkt unseres KI-Modells. Dafür sorgen mehrere Sicherheitsmaßnahmen. Die Rolle der KI ist klar als Unterstützung definiert – sie stellt keine eigenständigen Diagnosen, sondern gibt nur Hinweise und Vorschläge, die immer von Ärzten überprüft werden müssen. Der gesamte Ablauf ist so gestaltet, dass kein Befund ohne ausdrückliche Bestätigung durch qualifizierte Mediziner an Patienten weitergegeben wird.
Die Transparenz der KI-Algorithmen spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Radiologen erhalten nicht nur die Ergebnisse der KI-Analyse, sondern auch Informationen darüber, wie die KI zu ihren Schlussfolgerungen gekommen ist. Das ermöglicht eine kritische Einschätzung der Computervorschläge und stärkt das ärztliche Urteilsvermögen. Rechtlich ist die Lage eindeutig: Die letzte Verantwortung für diagnostische Entscheidungen liegt ausschließlich beim ärztlichen Personal. Das ist sowohl in den Verträgen mit Contextflow als auch in den internen Richtlinien der beteiligten medizinischen Einrichtungen fest verankert.
Der Vertrag wird auch mit Blick auf Prävention und digitale Gesundheitskompetenz eingeordnet. Inwiefern kann ein technisches Verfahren tatsächlich dazu beitragen, dass sich Patientinnen und Patienten früher und bewusster mit Symptomen
auseinandersetzen?
Brandt: Die Einbindung von KI in die Lungenkrebsdiagnostik wirkt sich in mehrfacher Hinsicht positiv auf Vorsorge und digitales Gesundheitswissen aus. Zunächst schafft die verbesserte Früherkennung ein größeres Bewusstsein für den Wert vorbeugender Maßnahmen. Wenn Patienten erfahren, dass moderne Technologien ihre Heilungschancen durch frühe Diagnose deutlich verbessern können, steigt ihre Motivation, Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.
Die IKK Südwest begleitet die Einführung der KI-gestützten Diagnostik mit umfassenden Informationskampagnen. Diese klären nicht nur über die Technologie selbst auf, sondern vermitteln auch grundlegendes Wissen zu Risikofaktoren, Symptomen und Vorbeugungsmöglichkeiten bei Lungenkrebs und vielen anderen Erkrankungen. Diese Informationen erreichen die Versicherten über verschiedene Wege und tragen zur allgemeinen Gesundheitsbildung bei.
Der Einsatz innovativer Technologien senkt zudem Hemmschwellen. Manche Menschen zögern, zum Arzt zu gehen, weil sie lange Untersuchungen mit vielleicht unklaren Ergebnissen fürchten. Das Wissen um genaue, schnelle Diagnoseverfahren kann diese Hürde verringern und besonders technikaffine Patienten dazu bringen, Symptome früher abklären zu lassen.
Nicht zuletzt ermöglicht die höhere Genauigkeit der Befunde eine bessere Aufklärung der Patienten über ihren Gesundheitszustand. Das fördert ein tieferes Verständnis für die eigene Gesundheit und stärkt die Fähigkeit, informierte Entscheidungen über weitere Behandlungsschritte zu treffen.
Die IKK Südwest plant, die Erfahrungen systematisch auszuwerten und die Ergebnisse in die Weiterentwicklung des Projekts einfließen zu lassen. Im Rahmen des „Healthy Hub“, einem gemeinsamen Unternehmen der BIG direkt gesund, der IKK Südwest, der mhplus Krankenkasse, der SBK Siemens-Betriebskrankenkasse sowie der GWQ ServicePlus AG, wird das Versorgungsmodell künftig ausgeweitet, um das Potenzial der KI-Unterstützung in der medizinischen Diagnostik breiter nutzbar zu machen.
Herr Professor Dr. Loth, gibt es bereits erste Erfahrungen oder Rückmeldungen aus der Praxis, sei es von Radiologieteams oder von Versicherten selbst?
Loth: Die ersten Rückmeldungen zur KI-gestützten Lungenkrebsdiagnostik sind ermutigend, auch wenn das Projekt noch am Anfang steht. Aus den beteiligten radiologischen Praxen und Kliniken berichten Fachkräfte von spürbaren Entlastungen im Arbeitsalltag.
Besonders geschätzt wird die Möglichkeit, mehr Zeit für komplexe Fälle und den direkten Patientenkontakt zu haben, während Routineuntersuchungen effizienter bearbeitet werden können. Die KI wird als Erweiterung der diagnostischen Möglichkeiten gesehen, die zusätzliche Sicherheit bietet, ohne die fachliche Selbstständigkeit der Ärzte einzuschränken. Mehrfach wurde betont, dass die KI feine Veränderungen erkennen kann, die bei einer rein menschlichen Durchsicht möglicherweise übersehen würden.
Vonseiten der Versicherten gibt es erste positive Signale zur Akzeptanz solcher innovativen Technologien. In einer Online-Umfrage der IKK Südwest zeigten sich Patienten mehrheitlich optimistisch über die Chancen, die sich aus der Kombination von technologischer Genauigkeit und ärztlichem Fachwissen ergeben.
Als IKK Südwest arbeiten wir mit Hochdruck daran, dass KI-Anwendungen auch in weiteren Bereichen, wie zum Beispiel in der Gesundheitsförderung, einen konkreten Nutzen für unsere Versicherten entfalten können. KI sollte meiner Ansicht in Zukunft in der Lage sein, die Lebensqualität jedes Einzelnen maßgeblich zu verbessern. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen, die der Gesetzgeber bereits angestoßen hat, auch durch die neue Bundesregierung für eine sichere Nutzung weiter optimiert werden.