Die Diskussion um eine „Lifestyle-Teilzeit“ hat durchaus seine Berechtigung. Faul sind die deutschen Beschäftigten jedoch keinesfalls, zeigen Zahlen von Berufsforschern.
Teilzeit mit viel Freizeit oder doch lieber Vollzeit? Derzeit vergleicht die deutsche Bundesregierung das deutsche Arbeitssystem mit jenen in anderen Staaten, und der Bundeskanzler kommt zu dem Schluss: Hier wird zu wenig gearbeitet. Das ist auch, rein auf Zahlen beschränkt, richtig, liegt jedoch nicht an deutscher Faulheit, sondern an vielen anderen Faktoren.
Auch das Recht auf eine „Lifestyle-Teilzeit“ für eine vermeintlich bessere Work-Life-Balance müsse verschwinden, hieß es nun seitens des Wirtschaftsflügels der CDU. Mittlerweile ist man dort aber wieder zurückgerudert – weil das Etikett „Lifestyle“ einer sachlichen Diskussion nicht dienlich sei, so die Chefin der Mittelstandsunion Gitta Connemann. Dennoch hat die CDU hier einen Punkt. Im internationalen Vergleich arbeiten Deutsche im Durchschnitt weniger, genauer 1.331 Stunden pro Jahr, laut dem internationalen Wirtschaftsforum OECD. In den USA sind es 1.736 Stunden. Der Grund: In Deutschland arbeiten vergleichsweise viele Menschen in Teilzeit, in Mini- oder Studentenjobs.
Teilzeit aus familiären Gründen
Laut Statista sind es derzeit circa 30 Prozent aller Beschäftigten, die in Teilzeit jobben; darunter sind vor allem Frauen (jede Zweite), weniger Männer (jeder Achte). Etwa 40 Prozent der Teilzeitbeschäftigten geben an, sie tun dies, weil sie weniger arbeiten wollen, so das Statistische Bundesamt (Destatis), oder aus anderen persönlichen Gründen. Die Übrigen geben familiäre Gründe für ihre Teilzeitbeschäftigung an: die Pflege einer verwandten Person oder eine bessere Kinderbetreuung, eine Weiterbildung oder ein Studium; in geringerem Maße wurde kein Vollzeitjob gefunden oder die Beschäftigten sind krank. Anreize für eine bessere Kinderbetreuung oder häusliche Pflege könnten an dieser Stelle also Abhilfe schaffen und mehr Menschen in Vollzeitjobs bringen.
Auf der anderen Seite leistet Deutschland, auch in der schwierigen wirtschaftlichen Lage, viele Überstunden. 2024 sammelten deutsche Beschäftigte 4,4 Millionen Überstunden an. Die Zahl der bezahlten und unbezahlten Überstunden sinke zwar, das liege jedoch an vermehrten Arbeitszeitkonten, auf die diese Überstunden fließen, um später ausgeglichen zu werden, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Die Bedeutung jener Konten ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Zudem gebe es einen erkennbaren Trend hin zu Nebenbeschäftigungen. Mögliche Gründe: In Vollzeitjobs wird nicht genug verdient, unbezahlte Überstunden kann man sich womöglich nicht mehr leisten. „Verluste bei Vollzeitjobs, weniger Überstunden, mehr Kurzarbeit, immer weniger Selbstständige – erstmals seit Corona ist das Arbeitsvolumen der Erwerbstätigen gesunken“, fasste Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“, die Studie des Instituts zusammen.
Gleichzeitig geht der Jahrgang der Babyboomer nach und nach in Rente. In der Folge fehlen Arbeitskräfte, die nachfolgende Generationen nicht ausgleichen können, was für jene wiederum Mehrarbeit bedeuten könnte sowie mehr Zuwanderung. Anreize für mehr Vollzeitjobs sind also durchaus im Interesse aller im Land. Doch zeigt der Vorschlag der Mittelstandsunion in die falsche Richtung: die bewusste Wahl, weniger arbeiten zu wollen, zeigt einerseits deutlich das erreichte Wohlstandsniveau in Deutschland; andererseits bedeutet ein abgeschafftes Recht auf Teilzeit für jene, die familiär darauf angewiesen sind, eine deutliche Hürde. Auch wenn Firmen, um sich im Fachkräfte-Wettbewerb attraktiv zu machen, Teilzeit ohnehin anbieten würden, ändert dies nichts an den Ursachen, die Arbeitskräfte von einer Vollzeitstelle abhalten: Hier hilft nur, mehr Aufmerksamkeit und Geld in Bildung, Betreuung und Pflege fließen zu lassen, um potenziell mehr Arbeitnehmer an dieser Stelle zu entlasten. Frei von diesen Sorgen zu sein, kann die Work-Life-Balance am Ende auch verbessern.