Das diesjährige „Tribute“ beim Filmfestival Max Ophüls Preis ist dem Sohn Marcel Ophüls gewidmet. Filmautor Dr. Andréas-Benjamin Seyfert kommt nach Saarbrücken, führt in den Dokumentarfilm seines Großvaters „The Memory of Justice“ ein und diskutiert mit dem Publikum.
Im Januar kehre ich zum Filmfestival Max Ophüls Preis zurück, zum ersten Mal ohne die Möglichkeit, mich mit Marcel über die Vorführungen auszutauschen. Ich trauere noch immer um diesen großen, großzügigen Mann. Es wird mir wohl nie gelingen, in Worte zu fassen, welch wertvolles Geschenk es war, mit ihm aufzuwachsen.
Im Mai 2025 ist mein Großvater Marcel Ophüls im Alter von 97 Jahren sanft entschlafen. Am Vorabend hatte er mit meinem Vater noch einen seiner Lieblingsfilme gesehen, Ernst Lubitschs „To Be or Not to Be“. Lubitsch war für ihn eine Art Wundermittel und konnte ihn immer zum Lachen bringen. Seither bleibt Marcel mir allgegenwärtig, auch wenn mir nun sein scharfer Blick auf die Gegenwart und seine humorvolle Pointe fehlen. Er war für mich ein wahrer Wegweiser, kompromisslos intelligent. Seine Gedanken bleiben uns dennoch erhalten: in Gesprächen, in Erinnerungen, in den Filmen, die er hinterlassen hat.
Filmische Begegnung mit Geschichte
Vor allem aber bleibt er in „The Memory of Justice“ gegenwärtig, jenem Werk, das er selbst für sein stärkstes hielt und das wir in Saarbrücken dreimal zeigen werden. Wer diesen Film sieht, begegnet nicht nur Geschichte, sondern auch einem Regisseur, der mit unerschütterlicher Neugier bohrte, bis die Fassaden der Heuchelei zu bröckeln begannen.
Meine ersten Begegnungen mit diesem Film reichen zurück in meinen Kindheitsurlaub in seinem Haus in Südfrankreich. Ich war vielleicht zehn Jahre alt, als Marcel mir eine kurze Szene zeigte, in der er mit meiner Großmutter, meiner Mutter und meinen Tanten Geburtstag feierte. Für mich war es damals einfach ein Familienfilm mit Kuchen und Kerzen. Erst später begriff ich, dass diese kleine Szene mitten in einem Werk steckt, das über Schuld und Verantwortung nachdenkt, und dass Marcel Humor und Ernst immer nebeneinander stehen ließ. So wie im Leben.
„The Memory of Justice“ untersucht die Beziehung zwischen individueller und kollektiver Verantwortung. Ausgehend von den Nürnberger Prozessen fragt Marcel Ophüls, was ein Mensch und was ein Staat der Wahrheit schuldet. Er führt Gespräche mit Opfern und Tätern, mit Beobachtern, Historikern und politischen Entscheidungsträgern.
Da sitzt er etwa Karl Dönitz gegenüber, der verlogen behauptet, nichts von den Verbrechen der Konzentrationslager gewusst zu haben, während er KZ-Häftlinge mit Zwangsarbeit beauftragte. Oder Albert Speer, weltläufig und charmant, und doch unfähig, die entscheidende Lüge aufzugeben: dass er angeblich nichts von den Gaskammern wusste. Marcel sagte einmal, Speer habe weniger gelogen als Dönitz – aber an der wichtigsten Stelle bis zuletzt.
„Gespräche mit Opfern und Tätern“
Im Herbst 2025 sah ich in Santa Barbara den neuen Spielfilm „Nürnberg“ von James Vanderbilt mit Russell Crowe als Hermann Göring, der am 23. April 2026 in die deutschen Kinos kommen soll. Gerade im Vergleich wurde mir bewusst, wie wichtig Marcels Arbeit bis heute ist. Wo die neue Produktion manch unbequeme Frage vermeidet, hat er sie konsequent gestellt. Die Auslassung sowohl der Figur Albert Speer als auch seines Überlebens nach den Nürnberger Prozessen, nach denen er nach 20 Jahren Haft entlassen wurde, verzerrt den historischen Raum, und der Film verliert jene Nuancen, die zeigen, wie komplex Schuld, Verantwortung und Verdrängung wirklich waren. Der neue Film lässt den Zuschauer denken, dass alle Verbrecher hingerichtet wurden. Der Film blendet einfach beim Verlesen des Urteils nach dem Todesurteil einiger Angeklagter aus. Nürnberg war kein Schauprozess, sondern einer der wichtigsten Momente der internationalen Geschichte, in dem versucht wurde, etwas aufzubauen, das uns für die Zukunft verantwortlich macht. Robert Jackson, der Hauptanklagevertreter der Nürnberger Prozesse, brachte es damals auf den Punkt: „The wrongs which we seek to condemn and punish have been so calculated, so malignant, and so devastating, that civilization cannot tolerate their being ignored because it cannot survive their being repeated.“ (Die Verbrechen, die wir verurteilen und bestrafen wollen, waren so kalkuliert, so bösartig und so verheerend, dass die Zivilisation nicht dulden kann, sie zu ignorieren, weil sie deren Wiederholung nicht überleben würde.)
„Dokumentarfilm ist immer subjektiv“
Was mich heute am meisten berührt, ist die Weigerung dieses Films, einfache Antworten zu geben. Marcel war überzeugt, dass Dokumentarfilm immer subjektiv ist, weil der Filmemacher entscheidet, wo die Kamera steht und was aufgenommen wird: Es ist kein Nachspielen der Geschichte, sondern der Versuch, ihre Spuren im Leben realer Menschen sichtbar zu machen. Er wollte nicht moralisieren, nicht anklagen, sondern fragen, wie wir handeln, wenn die Welt uns vor unhaltbare Entscheidungen stellt. Es ist ernüchternd, dass diese Fragen auch 50 Jahre später noch ebenso aktuell sind. Zugleich ist es tröstlich, dass es Filme gibt, die uns lehren, hinzuschauen, bevor es zu spät ist.
Für meine Familie war „The Memory of Justice“ zudem ein persönliches Projekt. Viele Familienmitglieder treten im Film selbst auf. Meine Großmutter stellt sich ihrer Kindheit in der Nazizeit, eine Blöße, die bis heute bewegt und die so charakteristisch für sie war. Sie war eine starke, weltoffene Frau, die früh verstand, welch schreckliche Vergangenheit Deutschland zu tragen hat, und die Schuld nicht von sich und ihrer Familie abwehrte. Marcel floh als Kind zweimal vor den Nationalsozialisten, zunächst von Berlin nach Paris, später weiter nach Hollywood. Dort schrieb er mit seinem Vater Max Ophüls dessen fabelhafte Erinnerungen („Spiel im Dasein“), und dort begann sein lebenslanges Nachdenken über Freiheit und Verantwortung, für die er später mit der Légion d’honneur und auch einem Oscar ausgezeichnet wurde.
„Mit dem Gefühl von Dankbarkeit und Verantwortung“
In unseren Gesprächen kehrte Marcel immer wieder zu denselben Grundsätzen zurück: dass der Final Cut ein Akt künstlerischer Freiheit ist; dass Wahrheit komplexer bleibt als jede Ideologie; dass Neutralität in moralischen Fragen oft nur Bequemlichkeit bedeutet; und dass man niemals einen weißen Stimmzettel abgeben dürfe. Man muss für die Demokratie und für seine Ansichten einstehen.
Besonders bewegend war es, im Anschluss noch einmal seine Stimme zu hören. Wir hatten vor seinem Tod ein gemeinsames Gespräch über seine Kindheit in der Weimarer Republik, das wir für „Goldstaub – Der Zwanziger Jahre Podcast“ aufgezeichnet haben. Dieses Gespräch haben wir kurz nach seinem Tod zusammen mit Arne Krasting bearbeitet; es ist nun im Netz abrufbar. Die Folge trägt den Titel: „Ich weiß vom Tonfilm, dass es das gibt.“ Dort kann man seine Stimme noch einmal hören: lebendig, neugierig, voller Witz. Für ihn war das Kino ein Ort des Denkens und Fühlens.
Heute stelle ich sein Werk mit einem Gefühl von Dankbarkeit und Verantwortung vor. Zwei der drei Saarbrücker Vorführungen werde ich einleiten und auch an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, bevor ich nach Kalifornien zurückkehre, wo ich an der UC Santa Barbara Germanistik unterrichte. Ich wünsche mir, dass viele Menschen in der Festivalwoche den Weg zu der Hommage ins Kino finden. Nicht allein, um einen historischen Film zu sehen, sondern um in einen Dialog mit der Vergangenheit einzutreten, mit unserer Gegenwart und vielleicht auch mit sich selbst. „The Memory of Justice“ fordert uns heraus. Wer sich auf diese Reise einlässt, kommt verändert daraus hervor, und vielleicht auch mit einem Lächeln, weil Marcel wusste: Selbst die schwersten Fragen brauchen manchmal eine Pointe.