Xabi Alonso kam als Hoffnungsträger zu Real Madrid. Sieben Monate später ist er wieder weg. Sein Scheitern wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Trainersturz – bei genauerem Hinsehen aber wie ein Lehrstück über die strukturellen Grenzen eines Clubs, der erstaunlich unbeweglich geblieben ist.
hatte Alonso so seine Probleme - Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com
Als Xabi Alonso im Sommer 2025 im Estadio Santiago Bernabéu vorgestellt wurde, passte die Geschichte zu gut, um wahr zu sein. Ein ehemaliger Spieler, Champions-League-Sieger, Weltmeister, frisch geadelter Erfolgstrainer von Bayer Leverkusen, der den deutschen Meistertitel ohne Niederlage geholt hatte. Einer, der Fußball nicht nur verwaltete, sondern gestalten wollte. Xabi Alonso wirkte wie die perfekte Verbindung aus Vergangenheit und Zukunft für Real Madrid. Genau deshalb war sein Ende so lehrreich.
Denn Alonsos kurze Amtszeit war kein Betriebsunfall, sondern die Bestätigung eines Systems, das sich seit Jahrzehnten selbst erklärt. Arrigo Sacchi, selbst einst Hoffnungsträger in Madrid, brachte es bereits 2005 auf den Punkt: „Wenn in Kolumbien ein Flugzeug abstürzt, ist für Florentino Pérez der Trainer von Real Madrid schuld.“ Sacchi hielt damals nicht einmal ein Jahr durch. Alonso kam auf sieben Monate.
Der Auslöser für seine Entlassung war offiziell die 2:3-Niederlage im spanischen Supercup gegen den FC Barcelona in Dschidda. Real verlor zwar, wurde aber nicht gedemütigt. Viele Beobachter sprachen anschließend sogar von einem moralischen Erfolg, weil die befürchtete klare Niederlage ausgeblieben war. Doch moralische Siege zählen in Madrid nicht. Präsident Florentino Pérez, der beim Finale anwesend war, ließ Alonso am Tag nach der Partie zu einer Krisensitzung einbestellen. Wenige Stunden später war klar, dass der Club die Trennung wollte – oder, wie es im Kommuniqué hieß, „eine einvernehmliche Lösung“ gefunden habe.
Sportlich ließ sich dieser Schritt nur bedingt begründen. In der Liga lag Real vier Punkte hinter Barcelona, in der Champions League war das Achtelfinale in Reichweite. Keine Ergebniskrise, kein Absturz. Doch Real Madrid funktioniert nicht über Tabellenstände, sondern über Macht, Kontrolle und Wahrnehmung. Und genau dort hatte Alonso früh an Boden verloren.
An den Spielern gescheitert
Von Beginn an versuchte er, Strukturen zu verändern. Hohes Pressing, mehr Intensität gegen den Ball, klarere Abläufe, auch in Spielen, die Real traditionell über individuelle Qualität entscheidet. Doch schnell zeigte sich, wie begrenzt sein Einfluss war. Stars wie Vinícius Júnior oder Kylian Mbappé ließen sich ungern erklären, wie sie Räume anlaufen oder kollektiv verteidigen sollten. Pressing galt als Zusatzaufgabe, nicht als Grundlage.
Der Konflikt mit Vinícius wurde zum Wendepunkt. Als Alonso den Brasilianer im Clásico Ende Oktober auswechselte, reagierte dieser mit offenem Protest. Vinícius schimpfte, gestikulierte und machte seinem Ärger öffentlich Luft. Entscheidend war weniger der Ausbruch selbst als die Reaktion des Vereins: Es gab keine. Keine öffentliche Rückendeckung für den Trainer, kein internes Machtwort. In Madrid ist das ein klares Signal. Wenn der Club schweigt, spricht er gegen den Trainer.
Dass Real Madrid strukturell wenig Interesse daran hat, sportliche Abläufe zu verändern, zeigte sich bereits Wochen zuvor an einem anderen, fast übersehenen Detail. Die ehemalige Ernährungsberaterin der Profimannschaft erhob öffentlich schwere Vorwürfe gegen den Club. Ihre Empfehlungen seien „bewusst ignoriert“ worden, sie sei „praktisch an der Arbeit gehindert“ worden. Moderne Ansätze seien willkommen, solange sie nichts verändern. Sobald „sie Einfluss nehmen wollen, stoßen sie an Grenzen.“
Dieses Muster wiederholte sich bei Alonso. Er kam mit Ideen – und traf auf ein Umfeld, das Innovation im Marketing, in der Internationalisierung und in der Infrastruktur liebt, auf sportlicher Ebene aber erstaunlich konservativ ist. Real Madrid ist ein Spielerverein. Das war schon zu Zeiten der Galácticos so, mit Luís Figo, Zinédine Zidane, Ronaldo und David Beckham. Und es hat sich nicht geändert.
Die größten Erfolge der vergangenen Jahre holte Real mit Trainern, die dieses Prinzip akzeptierten. Carlo Ancelotti und Zinédine Zidane gewannen zusammen sechsmal die Champions League – nicht, weil sie taktische Revolutionäre waren, sondern weil sie die Stars managen konnten. Sie ließen ihnen Freiheiten, griffen selten öffentlich ein und ordneten alles dem Ergebnis unter.
Alonso versuchte es anders. Zumindest anfangs. Er wollte Leistung über Status stellen, Intensität einfordern, auch von den Besten. Doch je mehr Widerstand er spürte, desto mehr passte er sich an. Pressing wurde reduziert, taktische Vorgaben entschärft, Entscheidungen vorsichtiger. Am Ende spielte Real einen Fußball, der weder klarer Alonso-Fußball noch klassischer Real-Stil war.
Dass diese Entwicklung intern kritisch gesehen wurde, bestätigten später mehrere Stimmen. Gareth Bale sagte offen: „Das überrascht mich nicht. Ich verstehe genau, wie Real Madrid tickt, und wenn die Ergebnisse ausbleiben – und es müssen nicht viele sein –, ist man weg.“ Alonso sei „ein unglaublicher Trainer“, habe in Leverkusen „hervorragende Arbeit geleistet“, aber bei Real gehe es weniger um Taktik als um das Managen der Egos: „Man muss die Egos beruhigen, man muss nicht viel Taktikarbeit leisten.“
Auch Jamie Carragher wurde deutlich. Alonso sei mit einer klaren Vorstellung gekommen, „und es wurde schnell klar, dass er nicht so trainieren durfte, wie er wollte. Dass er die Mannschaft nicht so aufbauen konnte, wie er es wollte“. Es habe Probleme mit Spielern gegeben, „die seine Ideen nicht mittragen konnten“.
Symbolisch verdichtete sich all das nach dem Supercup-Finale. Alonso wollte, dass seine Mannschaft dem Sieger Barcelona Spalier steht. Mbappé pfiff seine Mitspieler zurück und führte sie geschlossen vom Platz. Die Szene wurde später als unsportlich kritisiert, sie zeigte aber vor allem eines: Wer in diesem Club wirklich entscheidet.
War das Training nicht intensiv genug?
Am Ende wurden Alonso auch körperliche Defizite der Mannschaft angelastet. In Madrid wurde darüber diskutiert, ob das Training nicht intensiv genug gewesen sei, ob die hohe Verletzungsanfälligkeit auf das Trainerteam zurückgehe. Dass im Sommer der langjährige Fitnesschef Antonio Pintus keine zentrale Rolle mehr spielte, wurde Alonso zugerechnet – obwohl die Entscheidung aus der Clubführung kam. Kurz nach der Entlassung kehrte Pintus demonstrativ in den Fokus zurück. Auch das passte ins Bild.
Alonsos Nachfolger Álvaro Arbeloa steht nun für einen anderen Ansatz: weniger Konzept, mehr Konfrontation, mehr Nähe zur Macht. Arbeloa gilt als streitlustiger Charakter, als jemand, der Konflikte nicht scheut. Für Präsident Pérez offenbar ein Vorteil. Das schätzte der Präsident schon an José Mourinho, zu dessen Jüngern Arbeloa damals zählte. Mourinho suchte den offenen Konflikt, beschimpfte Schiedsrichter und ging mit allen Mitteln auf den FC Barcelona los. Er stellte sich zwischen Mannschaft und Umfeld, erzeugte Reibung und nahm den Stars damit Verantwortung ab. Arbeloa hat diese Logik verinnerlicht. Alonso hingegen versuchte Probleme intern zu lösen, Spannungen zu glätten und Autorität über Argumente herzustellen. In Madrid wirkte das nicht souverän – sondern schwach.
Xabi Alonso verlässt Madrid nicht als gescheiterter Trainer im klassischen Sinne. Er verlässt den Club als jemand, der an dessen innere Grenzen gestoßen ist. Sein Fall zeigt, wie schwer es ist, bei Real Madrid etwas zu verändern, selbst wenn man sportlich legitimiert, historisch verankert und fachlich über jeden Zweifel erhaben ist.
Vielleicht war Alonso nicht zu schlecht für Real Madrid. Vielleicht war er einfach zu modern. Oder – was noch schwerer wiegt – zu sehr Trainer in einem Club, der bis heute lieber Spielerverein bleibt.