Der Klimaschutz, vor fünf Jahren das alles bestimmende Thema, wird immer mehr zur sozialen Gerechtigkeitsfrage. Eine Gefahr für die Akzeptanz in der Bevölkerung, was die gesetzten Klimaziele auszuhebeln droht.
Mitte November war es wieder so weit. Klimaorganisationen, angeführt von den Restbeständen der Klimaaktivisten um Fridays for Future, rufen zum weltweiten Klimastreik auf. Allerdings wird im Aufruf dazu nur noch von einer Demonstration zur Weltklimakonferenz COP30 in Brasilien gesprochen.
In zahlreichen Städten Deutschlands finden sich Aktivistinnen und Aktivisten zusammen, die zentrale Veranstaltung von Fridays for Future ist selbstverständlich am Pariser Platz in Berlin. Doch selbst am Brandenburger Tor ist der Zulauf überschaubar, die Polizei spricht vorsichtig von einigen hundert Teilnehmern. Das kann auch dem Wetter geschuldet sein, 10 Grad und Nieselregen und dann obendrein an einem Freitag-Nachmittag, nicht gerade einladend für eine Großdemonstration. Zudem versteht sich, dass Klimaaktivisten umweltfreundlich mit der Bahn anreisen. Doch mit der Bahn am Freitag nach Berlin ist keine gute Idee, vor allem, wenn man anschließend auch wieder zurück will.
Sorge um Folgen von Klimawandel
Aber auch die Fridays-for-Future-Demonstration im August vor dem Wirtschaftsministerium, damals bei bestem Wetter, hatte ebenfalls nur noch einen sehr überschaubaren Andrang. Es entsteht der Eindruck, Erderwärmung und Maßnahmen gegen den Klimawandel sind spätestens nach dem russischen Überfall auf die Ukraine nur ein Randthema in der Gesellschaft.
Doch dieser Schein trügt, wie jetzt eine Studie des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) Bremen im Auftrag des Bundesforschungsministeriums zeigt. Kernaussage: 83 Prozent der über 8.000 repräsentativ Befragten machen sich Sorgen, dass Naturkatastrophen infolge der Erderwärmung zunehmen werden. 70 Prozent sind der Meinung, die Politik müsse mehr zur Bekämpfung des Klimawandels unternehmen.
Das Thema Klimaschutz ist laut der FGZ-Studie damit also „keineswegs raus aus der Bewusstseins-Agenda der Bürger in Deutschland“, stellt FGZ-Statistiker Dr. Nils Teichler fest. Er hat das gigantische Zahlenkonvolut der Umfragen ausgewertet und anhand dieser Bestandsaufnahme unterschiedliche „Klimatypen“ für den zweiten Zusammenhalts-Bericht kategorisiert. „Wir haben nun fünf Klimatypen identifiziert. Da sind 18 Prozent die Entschlossenen, die durchweg als sozial stark gefestigt eingeordnet wurden. Dahinter haben wir mit 31 Prozent die Zustimmenden, die wir sozial mehrheitlich als Mittelschicht einordnen konnten“, resümiert Nils Teichler. Dann kommen mit 18 Prozent die „Besorgten“, die Klima-Maßnahmen zwar eher zustimmen, aber Sorge haben vor einer Überforderung, zum Beispiel durch steigende Energiepreise. Als vierte Klimatypen-Gruppe gelten mit einem Viertel der Befragten die „Indifferenten“, man könnte auch von Unentschlossenen sprechen, bei denen die Angst vor sozialer Überforderung sehr dominierend ist. Als letzte Gruppe nennt FGZ-Statistiker Teichler mit acht Prozent die „Ablehnenden“. Diese Gruppe, meist auch parteipolitisch aktiv, stellt den Klimawandel per se komplett in Frage.
Sorge um soziale Überforderung
„Daraus ergibt sich für die Politik eine sehr deutliche Gemengelage: 53 Prozent sind zwar überzeugt, dass es eine Veränderung des Wirtschaftssystems braucht, um den Klimawandel zu bekämpfen, aber die Gruppen der Besorgten und Indifferenten geben den Ausschlag für eine hohe Akzeptanz für die zukünftigen Klimaschutz-Maßnahmen. Ihre Forderung: Klimaschutz muss sozialverträglich gerecht auf alle Schultern verteilt werden.“
Im zweiten Zusammenhalts-Bericht konnte Mitherausgeber Teichler dies mit einer Langzeitstudie von 90 Haushalten sehr gut untermauern. Gerade dort hat die anfängliche breitere Akzeptanz von Klimaschutz-Maßnahmen aus dem Umfragezeitraum 2022 nach der Umsetzung der ersten Maßnahmen nachgelassen. „Klarer Hintergrund dafür: Gerade bei Familien mit Kindern hat die Angst vor sozialer Überforderung zugenommen“, so Teichler. Auffallend: Auch in der zweiten FGZ-Studie gibt es bei den Sorgen um die Auswirkungen des Klimawandels keine eklatanten Unterschiede zwischen den Befragten in Stadt und Land und nur sehr überschaubare Abweichungen zwischen Ost und West.