Es war die letzte Amtshandlung des heutigen Bundestrainers Jürgen Klopp als globaler Fußballchef bei Red Bull: Er ersetzte Trainer Ole Werner bei RB Leipzig durch Ex-Bayern-Profi Martin Demichelis.
Im konkreten Fall kam er so ein bisschen wie Kai aus der Kiste. Doch dass Martin Demichelis nach seiner Spieler-Zeit beim FC Bayern München auch als Trainer in der Fußball-Bundesliga landen wird, zeichnete sich schon eine ganze Weile ab.
Bei der schier endlosen Trainer-Suche des FC Bayern 2024 fiel auch sein Name. „Der Name gefällt mir. Er hat eine Bayern-Vergangenheit, hat Titel geholt, kommt gut an bei den Spielern und hat das Bayern-Gen. Er hat ja auch für Bayern große Spiele gemacht und große Titel geholt“, sagte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus damals in der Talkrunde „Sky90“: „Er ist ein positiver Typ, weiß, wo er hinwill, und hat eine klare Ansage und Linie. Wenn es vom Alter her passen würde, denn Karl-Heinz Rummenigge will ja nicht unbedingt einen jungen Trainer. Aber der Name hört sich interessant an.“ Bei den Bayern hatte Demichelis einst sieben Jahre gespielt und seine Trainer-Karriere begonnen. Doch dazu später mehr. Am Ende wurde es Vincent Kompany, noch mal sechs Jahre jünger als Demichelis.
Doch der wurde dann im Herbst 2025 noch mal ein Thema in der Bundesliga. Nach der Beurlaubung von Gerardo Seoane wollte ihn offenbar Borussia Mönchengladbach, ehe man sich für die interne Lösung Eugen Polanski entschied. In diesem Sommer klappte es dann aber doch. „Ich habe zwölf Jahre in Deutschland gelebt. Es ist fast mein zweites Land“, sagte Demichelis, als er bei RB Leipzig vorgestellt wurde: „In die Bundesliga zu kommen, ist ein großer Traum.“
Ungewöhnliche Wechsel-Umstände
Die Umstände seines Wechsels waren aber durchaus ungewöhnlich. Nachdem sich die Leipziger im Sommer 2025 erstmals seit dem Bundesliga-Aufstieg nicht für Europa qualifiziert hatten, sollte der Ex-Bremer Ole Werner das Team stabilisieren. Das ist ihm mit Rang drei, der Qualifikation für die Champions League und sogar der zweitbesten Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte eigentlich sehr gut gelungen. Doch vor allem der heutige Bundestrainer Jürgen Klopp, damals noch „Head of Global Soccer“ bei Red Bull, soll mit der Art und Weise des Fußballs nicht einverstanden gewesen sein. Und vor allem nicht den hundertprozentigen Glauben daran gehabt haben, dass man in dieser Konstellation perspektivisch auf dem richtigen Weg ist. „Ole hat einen Klasse Job gemacht. Wir haben uns für die Champions League qualifiziert. Aber wir müssen auch zeitgleich nach vorn gucken“, sagte er, als er während seiner Zeit als „Magenta“-Experte bei der WM danach befragt wurde: „Wir haben dann darüber nachgedacht, wie das aussehen könnte mit der Belastung, die auf uns zukommt. Dann hat man sich in Leipzig für den Wechsel entschieden.“
Auch wenn die Entscheidung demnach vor Ort in Leipzig getroffen wurde und Klopp nur erklärte, er sei „in der Entscheidungsfindung mit dabei“ gewesen, halten ihn viele Medien für die treibende Kraft. Ob das erste Ansinnen war, Werner zu ersetzen, oder ob dieser noch im Amt wäre, wenn es nicht die Option Demichelis gegeben hätte, ist nicht bekannt. So oder so ist der Argentinier quasi Klopps Vermächtnis. Sein Abschiedsgeschenk. Die letzte große Entscheidung im RB-Imperium, die er mit getroffen hat.
Und obwohl er in Deutschland alles andere als ein Unbekannter ist, wurde der neue RB-Coach bei der Vorstellung erst einmal gefragt, wie man denn nun seinen Namen ausspreche. „In Argentinien ist es Demitschelis, in Italien Demikelis und bei euch wahrscheinlich Demichelis“, erklärte er und benutzte bei der letzten Version den „Ich-Laut“. „Es ist aber egal. Ich verstehe es so oder so“, sagte er lachend. Genannt wird er sowieso von fast allen einfach nur „Micho“. Das wiederum spricht sich „Mitscho“.
Als er 2003 mit 22 für 4,5 Millionen Euro von River Plate aus Buenos Aires nach Deutschland kam, trug er auch noch einen anderen Spitznamen. Als der „argentinische Beckenbauer“ wurde Demichelis damals angekündigt. Doch er zündete nicht sofort, kam in der ersten Saison auf gerade mal 14 Bundesliga-Einsätze. In der dritten Spielzeit setzte sich der zweikampfstarke Südamerikaner dann durch. Zum Eklat kam es 2008, als Trainer Ottmar Hitzfeld den Innenverteidiger im defensiven Mittelfeld einsetzen wollte und Demichelis sich weigerte. „Ein Spieler kann keine Wünsche äußern. Bis auf weiteres ist er suspendiert“, erklärte der Trainer: „Vielleicht ist es auch etwas Überheblichkeit.“ Demichelis stürmte daraufhin in den Presseraum und erklärte den Journalisten: „Mein Herz schlägt für den FC Bayern, und ich fühle mich als Sohn des Vereins. Ich will mich bei den Fans für diese Aktion entschuldigen und Ottmar Hitzfeld nicht kritisieren. Aber ich bin Stammspieler in Argentinien und möchte auch hier auf meiner angestammten Position spielen.“ Drei Tage später wurde er nach einer persönlichen Entschuldigung begnadigt. Letztlich absolvierte „Micho“ stolze 259 Pflichtspiele für die Münchner und wurde je viermal Meister und Pokalsieger. Danach spielte er noch beim FC Málaga, Atlético Madrid und Espanyol Barcelona, wurde dazwischen mit Manchester City englischer Meister. Mit der argentinischen Nationalmannschaft erreichte er 2014 das WM-Endspiel gegen Deutschland und stand beim 0:1 nach Verlängerung durch Mario Götzes Tor in der Startelf. Wahrscheinlich die bitterste Niederlage seiner Karriere. Eine andere erlitt er gegen Klopp, als er mit Málaga im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League nach 2:1-Führung bis in die Nachspielzeit mit 2:3 bei Borussia Dortmund verlor. Seine zweite Karriere als Cheftrainer startete er 2019 beim FC Bayern. Erst als Coach der U19, dann bei der U23. Ergebnistechnisch lief es dort nicht so gut. Erst konnte der Abstieg aus der 3. Liga mit acht Spielen ohne Sieg nicht verhindert werden, dann verpassten die kleinen Bayern den direkten Wiederaufstieg. Und als Demichelis im Herbst 2022 den Club verließ, um in die argentinische Heimat zu gehen, war der Rückstand auf die Spitze schon riesig. Bei seinem Heimatclub River Plate kam aber der große Durchbruch.
Club mit großer Energie
Gleich im ersten Jahr gewann er die Meisterschaft. „Durch die Hand von Demichelis“, wie der Verein bei Instagram schrieb. Nach anderthalb Jahren trennte sich der Club von Demichelis, der trainierte ein Jahr lang CF Monterrey in Mexiko, war nach dem Aus dort ein halbes Jahr vereinslos und übernahm im Februar 2026 RCD Mallorca. Trotz eines sehr ordentlichen Punkteschnitts und eines Sieges gegen Real Madrid konnte er den Abstieg nicht mehr verhindern, am Ende gab der direkte Vergleich den Ausschlag. Der Club bot ihm dennoch eine Vertragsverlängerung an – und Demichelis unterschrieb auch. „Aber dann hat Marcel mich angerufen“, sagte er mit Blick auf den neben ihn sitzenden Leipziger Sportchef Marcel Schäfer: „Das Leben ist manchmal verrückt.“ Schäfer flog nach Mallorca, die beiden saßen eine Weile zusammen „und jetzt bin ich hier“, sagte Demichelis lächelnd.
Und er ist ja nicht nur einfach in Deutschland gelandet. Sondern „bei einem großen Club“ mit „großer Energie“, wie er immer betonte. Einem, mit dem man eben auch Titel gewinnen kann. Und wie war das nun mit Jürgen Klopp? „Mein erster Kontakt fand mit Marcel statt“, versicherte Demichelis: „Aber Leipzig ist eine große Familie. Ein paar Tage später habe ich dann auch noch mit anderen Menschen gesprochen. Jürgen war einer von ihnen. Es war eine Ehre, mit ihm über Fußball zu sprechen.“
Von Klopp ist kein direktes Zitat mehr zu Demichelis zu finden. Als dieser in Leipzig vorgestellt wurde, war der bisherige Bundestrainer Julian Nagelsmann schon zurückgetreten und die Gespräche über Klopp als Nachfolger bereits in vollem Gange. „Wirklich schade“ sei es, dass er Klopp nicht mehr bei RB antreffe, sagte Demichelis: „Ich liebe ihn als Trainer, ich liebe ihn als Mensch.“