Die deutsche Handball-Nationalmannschaft kämpft bei der EM um die erste Medaille seit zehn Jahren. Die Qualität im Kader ist vorhanden – aber die Konkurrenz lässt keine Schwächephase zu. Es geht auch um die Zukunft des Bundestrainers.
Wie pragmatisch Alfred Gislason denkt und handelt, lässt sich gut an einer Anekdote ablesen, die der Isländer einmal zum Besten gab. Dabei ging es darum, wie er eigentlich zu seinem eher ungewöhnlichen Hobby, der Bienenzucht, kam. „Ich hatte in einem Interview erwähnt, dass ich mal Lust auf Bienen hätte. Einen Monat später klopfte es an meine Tür. Ein kleiner alter Mann stand da und sagte, er hätte das gelesen. Er kam aus dem nächsten Dorf und fühlte sich zu alt für seine Bienen“, erzählte Gislason. „So hatte ich plötzlich Bienen und habe das Imkern nun komplett gelernt.“
Der Handball-Bundestrainer kann bei der Arbeit auf seinem Hof im niedersächsischen Wendgräben, auf dem er unter anderem auch Rosen züchtet, „runterfahren“, wie er selbst sagt. Vor allem die Arbeit mit den Bienen verlangt von ihm eine gewisse Entschleunigung. „Bei Bienen muss man alles sehr langsam machen, sonst ist die Hölle los.“
Diese Art der Entschleunigung ist für ihn ein passender Ausgleich zu seinem Job als Bundestrainer, der gerade bei den jährlichen großen Turnieren stressig ist. In diesem Januar findet die Europameisterschaft in Dänemark, Norwegen und Schweden statt. „Unser Ziel ist das Halbfinale“, sagte Gislason. „Und wenn wir dort sind, wollen wir natürlich mehr.“ Doch der 66-Jährige warnte auch vor den besonderen Herausforderungen.
Zum einen haben es die Gruppengegner Österreich (15. Januar), Serbien (17. Januar) und Spanien (19. Januar) im dänischen Spielort Herning in sich. Zum anderen drohen der DHB-Auswahl in der anvisierten Hauptrunde noch schwerere Brocken wie Olympiasieger Dänemark. „Bei Europameisterschaften gibt es keine leichten Gegner“, sagte Gislason. „Es gibt keine Exoten, nur sehr starke Mannschaften mit ähnlichem Spielstil.“ Man müsse schnell ein Top-Niveau erreichen, „denn der Modus verzeiht bei diesen Gegnern keine Fehler“. Deswegen sei das Turnier auch „extrem schwierig, aber wir haben Ambitionen“.
Intern liebäugelt das Team mit der ersten deutschen EM-Medaille seit dem Gold-Coup 2016 in Polen – doch auch das Worst-Case-Szenario eines frühen Scheiterns wird durchgespielt. In dem Fall dürfte Gislason trotz Vertrags bis zur Heim-Weltmeisterschaft 2027 womöglich nicht Bundestrainer bleiben.
„Es ist doch klar, dass wir darüber nachdenken würden, wenn die Mannschaft – wovon ich nicht ausgehe – bei der EM absolut nicht performt“, sagte Andreas Michelmann, Deutschlands oberster Handball-Funktionär, der Deutschen Presse-Agentur. Diese Aussage sorgte für Schlagzeilen, doch der Bundestrainer reagierte gelassen. „Darüber mache ich mir keine Gedanken“, sagte er. „Ich konzentriere mich nur auf meine Arbeit mit der Mannschaft.“ Sollte seine Amtszeit nach sechs Jahren beim Deutschen Handball-Bund (DHB) tatsächlich enden, „werde ich anderswo im Handball arbeiten. Ich habe es mal ohne Handball versucht. Das war nicht schön.“
Bundestrainer Alfred Gislason - Foto: picture alliance / osnapix / Michael Titgemeyer
Nach eigenen Angaben hatte er zuletzt „Anfragen von sehr guten Clubs“ bekommen. Doch eine Rückkehr als Clubcoach ist nicht das, was der frühere Erfolgstrainer des SC Magdeburg, von THW Kiel und des VfL Gummersbach anstrebt. Am liebsten wäre ihm, den von ihm eingeleiteten Umbruch im deutschen Team bei der Heim-WM im kommenden Jahr mit dem Titel zu vollenden.
Dafür muss er aber zunächst bei der EM in Skandinavien liefern. Großen Druck von außen spüre er aber nicht, versicherte der Stoiker aus Island. „Der interessiert mich auch nicht. Ich bin so lange dabei und habe viele Tiefen, aber viel, viel mehr Höhen erlebt.“ Er sei einfach nur dankbar für die Gelegenheit, „meine absolute Leidenschaft als Job zu haben, und genieße die Arbeit mit den Jungs. Und ich bin extrem zufrieden damit. Und ich hoffe, dass ich die Titel, die ich bislang nicht habe, holen kann.“
Das Team trägt Gislasons Handschrift
Das Olympia-Silber 2024 in Paris war die bislang einzige Medaille unter Gislason, der während seiner Amtszeit auch mit Altlasten, der Corona-Pandemie und Verletzungssorgen zu kämpfen hatte. Dazu sollte er das Team personell neu aufstellen und verjüngen.
Gislason lässt keinen Zweifel daran, dass die EM-Mannschaft eindeutig seine Handschrift trägt. Nur vier Spieler waren auch Anfang 2020 dabei, als Gislason als Bundestrainer seine Premiere feierte: Torwart Andreas Wolff, Kreisläufer Jannik Kohlbacher, Linksaußen Rune Dahmke und Abwehrchef Johannes Golla.
„Wir haben eine gewachsene, aber weiterhin sehr junge Mannschaft“, sagte Gislason, der bei der Kaderauswahl aus einer Fülle von internationalen Topspielern und hochveranlagten Talenten wählen konnte. Auf der Position des linken Rückraums zum Beispiel „haben wir ja eine Warteliste“, wie Gislason halb im Scherz meinte.
Dass er es bei der EM-Nominierung nicht allen recht machen konnte, liegt auf der Hand. Einer war aber besonders erbost über Gislasons Auswahl – und er ließ es auch alle wissen. Bob Hanning, in seinem Hauptjob Geschäftsführer von Bundesligist Füchse Berlin und nebenbei auch Nationaltrainer Italiens, wetterte öffentlichkeitswirksam.
„Hier ist alles außer Kraft gesetzt worden, was Fairness und Inhalt angeht“, sagte Hanning. Ihm missfiel, dass Gislason sich auf der Linksaußen-Position gegen U21-Weltmeister Tim Freihöfer und stattdessen für die Routiniers Rune Dahmke und Lukas Mertens entschied.
Auch diese verbale Spitze ließ Gislason äußerlich kalt. „Bob Hanning setzt sich sehr für seine Berliner Spieler ein, das kenne ich von ihm“, sagte er und konterte seinerseits verbal: „Andere Funktionäre hätten ähnlich reagieren können, sind damit aber nicht an die Öffentlichkeit gegangen.“
Hanning betonte, dass Freihöfer bei den Füchsen seit zwei Jahren jedes wichtige Spiel spiele – und „90 Prozent der Spiele überragend. Er hat auch in der Nationalmannschaft bis jetzt immer überzeugen können.“ Das bestätigte auch Gislason, der aber auch auf einen leichten Leistungsabfall beim Berliner Youngster hinwies.
Theoretisch könnte Freihöfer noch zur EM nachnominiert werden, denn er gehört zum vorläufigen 35-Mann-Kader, aus dem während des Turniers sechs Wechsel vorgenommen werden könnten. Als Leistungsträger sind aber ohnehin andere vorgesehen. Torwart Wolff soll erneut jene Leistung abrufen, die vor zehn Jahren maßgeblich für den EM-Titel verantwortlich war. Gut für Gislason und das deutsche Team: Bei seinem Verein THW Kiel zeigte sich der inzwischen 34-Jährige in überragender Verfassung.
Und Wolff scheint auch mit dem notwendigen Fokus zur EM angereist zu sein. „In der Gruppenphase gilt: Verlieren ist verboten“, sagte der Keeper, der mit mehr als 150 Länderspielen auch abseits des Parketts gefragt ist. „Er ist ein extrem wichtiger Spieler, unsere klare Nummer eins. Er hat in den letzten Jahren konstant große Leistungen gebracht. Er ist zudem ein Führungsspieler geworden“, schwärmte Gislason. „Ich habe ihn auch in jungen Jahren trainiert, da war er bisweilen ein extremer Hitzkopf – das ist er nicht mehr.“
Von seinem Ehrgeiz hat Wolff aber nichts eingebüßt. Die Auslosung sei zwar „ein Albtraum“ gewesen, doch verstecken werde sich das deutsche Team nicht, versicherte der Routinier. „Wir können jeden schlagen – auch Dänemark, wenn wir einen perfekten Tag erwischen.“ Dafür müssten vor allem die Rückraumspieler Marko Grgic, Juri Knorr und Renārs Uščins in Topform auflaufen. Alle drei verkörpern an guten Tagen Weltklasse – aber im Vergleich zur dänischen Konkurrenz wie Welthandballer Mathias Gidsel fehlen ihnen noch ein paar Prozent an Konstanz.
Weltklasse im Rückraum
Knorr hat aber noch einmal einen kleinen Sprung gemacht, nachdem er sich in der neuen Wahlheimat in Dänemark bei Topclub Aalborg Handbold durchgesetzt und sich auch dort zum Leistungsträger entwickelt hat. „Der Wechsel hat ihm gutgetan“, meinte Gislason. In Mannheim bei den Löwen lastete die Hauptverantwortung auf Knorr alleine, „in Aalborg kämpft er um seinen Platz in einer starken Mannschaft, spielt Champions League und profitiert von der dänischen Lockerheit“. Auch in der Nationalmannschaft muss Knorr nicht alles alleine lösen. Grgic, der in Flensburg bislang eine sehr starke Saison spielt, ist ebenfalls prädestiniert für gute Lösungen in kniffligen Situationen. Dass dies auch Uščins kann, hat der 23-Jährige vor allem bei Olympia in Paris gezeigt. Seine 14-Tore-Gala beim Viertelfinalsieg über Gastgeber Frankreich war für viele ein Versprechen für eine goldene Zukunft im DHB-Trikot.
„Man muss aber bei ihm aufpassen, dass man nicht immer die Messlatte der Olympischen Spiele mit dem Frankreich-Spiel bei ihm anlegt“, sagte Gislason. „Dabei erwische ich mich oft, aber das ist einfach nicht fair.“ Der Profi von Hannover-Burgdorf sei aber ein „spielerisch starker Junge“, der zuletzt auch im Club wieder gut performt habe.
Generell ist Gislasons Erwartungshaltung an jeden einzelnen Spieler klar. Er kommuniziert diese nicht nur in Vier-Augen-Gesprächen, sondern schickt ihnen auch Spielsequenzen zur Verdeutlichung.
Klar ist, dass er mehr verlangt als nur die unbestritten vorhandene Klasse eines jeden Einzelnen. Als Gradmesser zog der Bundestrainer diesbezüglich die berauschenden Auftritte der Frauen-Nationalmannschaft bei der jüngsten Heim-WM heran.
„Sie waren eine Turniermannschaft mit starker Leistung und hervorragender Teamchemie. Mit jedem Spiel wurden sie selbstsicherer und besser.“ Am Ende standen bei den Frauen die Silbermedaille und eine knappe Finalniederlage gegen Norwegen.
Der erfahrene Gislason aber weiß, dass sich kein Turnier mit einem anderen vergleichen lässt. Neben einer guten Mannschaft und einem guten Teamgefüge braucht es auch Glück. Und starke Nerven.
Der Bundestrainer tankte dafür während der Weihnachtstage Kraft bei seiner Tochter in Kiel, ehe der EM-Stress mit der Vorbereitung und dem Startschuss gegen Österreich begann. Die Bienenzucht muss warten.