Die erste Hitzewelle des Jahres ist abgeklungen, eine zweite könnte in den Startlöchern stehen. Volkswirtschaftlich verursacht extreme Hitze enorme Schäden – dem müssen Unternehmen und der Staat entgegensteuern.
Die Wohnung heizt tagsüber auf über 30 Grad auf, nachts kühlen die Räume kaum unter 25 Grad ab. Die Wände bleiben warm, an Schlaf ist kaum zu denken. Wer morgens früh raus muss, kann womöglich kurzfristig etwas kühlere Luft schnappen, wenn er nicht gerade in einer Stadt wohnt, bevor es wieder ins stickige Büro oder zur Arbeit unter freiem Himmel geht – bei bis zu 41 Grad im Schatten. Die vergangene Hitzewelle hat vielen Menschen einiges abverlangt – und dennoch wird sich auch Deutschland auf viel mehr dieser extremen Wetterlagen und womöglich noch heißere Temperaturen einstellen müssen. Der Klimawandel lässt nicht nur zaghaft grüßen, er schlägt mit voller Wucht zu, auch finanziell, denn Hitze bedeutet rein wirtschaftlich deutliche Einbußen. Von 431 Millionen Euro täglich bei Temperaturen von 30 Grad Celsius ist die Rede, das hat das Beratungsinstitut Prognos für das Bundesarbeitsministerium errechnet. Größter Treiber dieser Summe: der Produktivitätsverlust bei der täglichen Arbeit. Eine erhöhte Körperkerntemperatur, Schweißproduktion oder die Belastung des Herz-Kreislauf-Systems können sich sowohl physiologisch als auch psychologisch bemerkbar machen. Der Körper reagiert auf die Hitze, indem er die Leistung drosselt, um dadurch Gesundheitsschäden zu vermeiden. Menschen in körperlich anstrengenden Berufen werden schneller müde oder haben weniger Kraft in den Muskeln. Sie müssen langsamer arbeiten, öfter Pause machen, können sich nicht so stark einbringen und müssen die körperlich intensive Arbeit schlicht reduzieren. Auch bei Tätigkeiten mit kognitiven Anforderungen machen sich die Auswirkungen bemerkbar: Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit sinken, während die Fehleranfälligkeit steigt. Laut Studien arbeitet unser Gehirn am besten bei Außentemperaturen von 23 Grad Celsius. Ist es draußen gar 40 Grad heiß, nehmen Entscheidungsfreude und Leistungsfähigkeit enorm ab, das zeigen Untersuchungen der britischen Liverpool Hope University.
Verlust an Produktivität
„Anhaltende Hitze ist ein zusätzlicher Stressor, der ein ohnehin belastetes System aus dem Gleichgewicht bringen kann. Sie könnte somit auch dazu beitragen, latente Krankheitslasten aufzudecken“, sagt Hannah Heiliger, Mitautorin einer Hitzestudie und Co-Leiterin des „Policy Evaluation Lab“ des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Hitze nicht nur akute Gesundheitsnotfälle wie beispielsweise Schlaganfälle auslösen kann, sondern auch bestehende Erkrankungen und deren Symptome verschlimmert und dadurch Personen an der Grenze ihrer Arbeitsfähigkeit in den Krankenstand treibt.“ So steigt die Zahl der Krankheitsfälle nach der Studie des PIK auf Basis von Abrechnungsdaten von AOK-Versicherten an einem durchschnittlichen Hitzetag um etwa 3,5 Prozent und nach sieben Hitzetagen in Folge bereits um 10,8 Prozent – und dies nicht nur bei besonders unter der Hitze leidenden Berufsgruppen wie Bauarbeitern oder landwirtschaftlichen Angestellten.
Nun nehmen Hitzetage mit mehr als 30 Grad Lufttemperatur zu, meldet der Deutsche Wetterdienst. Waren es zwischen 1961 und 1990 noch 4,2 Tage pro Jahr, waren es zwischen 1991 und 2020 schon 8,9 und allein im vergangenen Jahr bereits 11. Die Entwicklung scheint sich also zu beschleunigen. Europa gilt als der sich am schnellsten aufheizende Kontinent im globalen Durchschnitt. Solche Hitzewellen werden häufiger und dauern länger an. Bei fünf bis zehn ex-trem heißen Tagen pro Jahr belaufen sich die hitzebedingten Gesamtkosten schon auf 2,1 bis 4,5 Milliarden Euro, berechnet für den Zeitraum von 2031 bis 2060, so die Prognos-Studie. Rechnet man die Lieferketten mit ein, verdoppeln sich die Kosten. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Struktur ist Deutschland dabei unterschiedlich stark betroffen, der industriell geprägte Süden durch stärkere Hitze mehr als der Norden.
Für Unternehmen heißt das: Hitzeschutz muss von vornherein mitgeplant werden, nicht nachträglich. Wer Gebäude besser dämmt, begrünt und verschattet, senkt den Kühlbedarf und damit die Energiekosten. Wer Arbeitszeiten und Schichten an die Temperatur anpasst und mehr Pausen einplant, hält die Produktivität stabil, statt sie an heißen Tagen einbrechen zu lassen. Und wer Beschäftigte schult und mit geeigneter Schutzkleidung ausstattet, verhindert genau die Krankheitsfälle, die laut PIK-Studie nach mehreren Hitzetagen in Folge sprunghaft ansteigen. Besonders gefordert sind Branchen wie Bau, Landwirtschaft, Verkehr und verarbeitendes Gewerbe: Sie kommen um eigene Hitzeschutzpläne und regelmäßig aktualisierte Gefährdungsbeurteilungen nicht herum, ebenso wenig wie darum, drängende Arbeiten in die kühleren Morgenstunden zu verlegen.
Insgesamt sind Unternehmen finanziell doppelt betroffen: Steigende Temperaturen senken die Produktivität, während gleichzeitig die Energiekosten für die Kühlung steigen. Investitionen gehen zurück und lähmen das zukünftige Wachstum, stellt der Kreditversicherer Allianz Trade in einer Untersuchung fest. Demnach beziffern die Forscher für Deutschland konkrete kumulierte Verluste bis 2030 von rund 131 Milliarden US-Dollar durch extreme Hitze. Pro zusätzlichem Grad über 30 Grad Celsius sinke die Produktivität um etwa drei Prozent, heißt es in dem Papier. Gleichzeitig steigen die Energiekosten um etwa 1,2 Prozent pro Grad durch den höheren Kühlbedarf.
Weil Deutschland traditionell eher auf kühleres Klima ausgelegt ist, fehlen vielerorts Anpassungen an extrem heiße Temperaturen. Seniorinnen und Senioren in Pflegeheimen sowie die Patienten von Krankenhäusern in unklimatisierten Zimmern litten in den vergangenen Tagen besonders stark. Deutschland befindet sich aktuell in einer kritischen Übergangszone: Es ist nicht mehr so kühl wie gewohnt, man ist aber noch nicht genug an die kommende große Hitze angepasst.
Gebäude auf kühleres Klima ausgelegt
„Heiße Regionen außerhalb Europas sind strukturell besser an extreme Hitze angepasst – obwohl die Temperaturen dort oft deutlich höher sind als hierzulande“, sagt Hazem Krichene, Klimaökonom bei Allianz Research. „Das liegt vor allem daran, dass Hitze seit Jahrzehnten Teil der Planung und die Durchdringung mit Klimaanlagen hoch ist. Sie haben sich bereits akklimatisiert, während Europa noch nach Anpassungsstrategien sucht, bei Gebäuden und Infrastruktur, Arbeitszeiten und Schutz der vulnerablen Bevölkerung.“
Während in den USA rund 90 Prozent der Haushalte klimatisiert sind, liegt die Quote in Europa bei nur etwa 19 Prozent. Gleichzeitig sind viele europäische Gebäude darauf ausgelegt, Wärme zu speichern, statt sie abzuleiten – Letzteres war bislang witterungsbedingt einfach kontraproduktiv und die heißen Tage im Sommer zahlenmäßig sehr überschaubar. Neben einer „Durchklimatisierung“ von Räumen und Gebäuden empfehlen die Allianz-Forscher gesetzliche Regularien – Spanien sei hier vorbildlich zu nennen, das abseits der mittäglichen „Siesta“ gar vier Tage bezahlten witterungsbedingten Urlaub gewährt, ähnlich wie Italien. Auch Frankreich reguliere die Arbeit immer stärker unter dem Eindruck bereits vergangener Hitzewellen, besitze aber wie Deutschland keinen Automatismus zum Schutz des Einkommens vor Extremhitze-Auswirkungen. Der Staat und seine Sozialsysteme sollten nicht nur auf Hitzeschäden reagieren, sondern sich so umbauen, dass sie Risiken vorher abfedern und laufend anpassen. Neue öffentliche Investitionen könnten künftig systematisch auf Klimarisiken geprüft werden, also etwa darauf, ob Gebäude, Verkehr oder Energieanlagen später hitzeanfällig sind. Außerdem sollten Ministerien enger zusammenarbeiten, damit Hitze nicht in jedem Ressort getrennt behandelt wird. Und es gehe darum, Schutz für Einkommen, Versicherungen, Haushaltsplanung und öffentliche Investitionen als ein gemeinsames System zu denken, statt jeweils nur Einzelmaßnahmen nach einer Hitzewelle zu starten. Was diesen Sommer schon spürbar war – Nächte, die nicht abkühlen, stickige Büros oder schwitzende Patienten in heißen Krankenzimmern –, ist keine Ausnahme mehr, sondern die neue Grundlage, mit der Politik und Wirtschaft planen müssen.