Plastik ist überall. Sogar im menschlichen Körper. Wie gefährlich ist Mikroplastik für den Menschen und wie können wir die Aufnahme verhindern? FORUM hat bei Prof. Dr. Verena Pichler, Neurochemikerin an der Universität in Wien, nachgefragt.
Frau Prof. Dr. Pichler, was versteht man genau unter Mikroplastik und auf welchen Wegen gelangt es in den menschlichen Körper?
Mikroplastik sind Kunststoffpartikel mit einer Größe von weniger als fünf Millimetern, die durch den Zerfall größerer Plastikprodukte entstehen (sekundäres Mikroplastik). In den menschlichen Körper gelangt Mikroplastik hauptsächlich über die Lunge oder über den Magen-Darm-Trakt, etwa durch den Verzehr von Fisch, Meeresfrüchten, Salz oder Wasser. Auch das Einatmen von Mikroplastikpartikeln in der Luft, insbesondere in Innenräumen, ist ein bedeutender Aufnahmeweg. Ein geringer Teil kann zudem über Hautkontakt, beispielsweise durch Kosmetikprodukte oder Kleidung, aufgenommen werden.
Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass Mikroplastik langfristig im Körper verbleibt?
Bisher gibt es keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass Mikroplastik langfristig im menschlichen Körper verbleibt. Studien zeigen, dass Mikroplastik im Magen-Darm-Trakt nachweisbar ist und dass es auch ins Blut übergehen kann, aber ob es in Organe gelangt und dort verbleibt, wird noch erforscht. Langzeitwirkungen sind bislang unklar. Man sieht auch, dass hauptsächlich Nanoplastik (also kleiner als 1 Mikrometer) ins Blut übergeht. Die meisten Partikel sind zwar im Magen-Darm-Trakt, gehen aber nicht wirklich in die Organe über. Dies ist nur ein minimaler Prozentsatz.
Welche potenziellen gesundheitlichen Gefahren gehen laut aktuellem Forschungsstand von Mikroplastik im Körper aus?
Laut aktuellem Forschungsstand könnten Mikroplastikpartikel im Körper oxidative Stressreaktionen sowie Entzündungen, und als Folge Zellschäden, auslösen. Zudem besteht die Sorge, dass sie Schadstoffe oder Krankheitserreger an sich binden und in den Körper einschleusen. Die genauen gesundheitlichen Folgen sind jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Sind bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders gefährdet?
Ob gewisse Bevölkerungsgruppen besonders gefährdet sind, ist nicht bekannt. Grundsätzlich sehen wir, dass entzündliche Erkrankungen verstärkt werden können durch Mikroplastik. Es hängt sehr viel mit der Dosis zusammen, das heißt, umso mehr aufgenommen wird, desto wahrscheinlicher sind Effekte.
Wie reagiert das Immunsystem auf Mikroplastikpartikel im Blut oder Gewebe?
Wie zuvor erwähnt, kann das Immunsystem Mikroplastikpartikel als Fremdkörper erkennen und reagiert hauptsächlich mit einer Entzündungsreaktion. Makrophagen versuchen, die Partikel zu umschließen und abzubauen, was jedoch nicht immer gelingt. Dies kann zu chronischen Entzündungen, Gewebeschäden oder Immunreaktionen führen – abhängig von Größe, Form und Menge der Partikel.
Gibt es Hinweise auf eine Verbindung zwischen Mikroplastik und bestimmten Erkrankungen wie Krebs, Entzündungen oder hormonellen Störungen?
Es gibt erste Hinweise, dass die entzündlichen Prozesse, die in Gang gesetzt werden, eventuell weiter zu Krebs führen können. Jedoch ist die Datenlage bisher nicht eindeutig und es sind noch deutlich mehr Studien notwendig. Hormonelle Störungen werden mit Additiven aus Plastik in Zusammenhang gebracht und nicht durch das Mikroplastik selbst. Jedoch kann das Mikroplastik als Trägerstoff arbeiten und diese Additive in die Zelle schleppen.
Wie belastbar sind die bisherigen Studien – gibt es Konsens oder widersprüchliche Ergebnisse?
Die Datenlage ist bisher noch nicht sehr aussagekräftig, wir benötigen deutlich mehr qualitativ hochwertige Studien um die ersten Hinweise wirklich bestätigen zu können.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Erforschung von Mikroplastik im Körper?
Die Erforschung von Mikroplastik im menschlichen Körper steht vor mehreren großen Herausforderungen. Eine der größten Schwierigkeiten liegt in der winzigen Größe und der großen Vielfalt der Partikel. Mikroplastik besteht aus unterschiedlichen Kunststoffarten, Formen und chemischen Zusätzen, was die Analyse und Identifikation erheblich erschwert. Zudem fehlen bislang international einheitliche und standardisierte Methoden zur Probenentnahme, Analyse und Quantifizierung von Mikroplastik in menschlichem Gewebe oder Körperflüssigkeiten. Ein weiteres Problem ist das hohe Risiko der Kontamination während der Probenahme, da Mikroplastik in der Umwelt allgegenwärtig ist – selbst in der Luft, die während der Untersuchung eingeatmet wird. Auch Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Auswirkungen sind bisher kaum vorhanden, was belastbare Aussagen zur Wirkung von Mikroplastik im Körper deutlich einschränkt. Hinzu kommt, dass Mikroplastik im Organismus möglicherweise mit anderen Schadstoffen wechselwirkt oder Entzündungsprozesse auslöst, wodurch sich die Erforschung potenzieller Zusammenhänge mit Erkrankungen zusätzlich verkompliziert.
Wie unterscheiden sich Mikroplastik und Nanoplastik in ihrer Wirkung auf den menschlichen Organismus?
Mikroplastik und Nanoplastik unterscheiden sich vor allem in ihrer Größe– und damit auch in ihrer potenziellen Wirkung auf den menschlichen Körper. Während Mikroplastik meist größer als 1 Mikrometer ist und vor allem im Magen-Darm-Trakt verbleibt, kann Nanoplastik (kleiner als 1 Mikrometer) aufgrund seiner winzigen Partikelgröße leichter biologische Barrieren überwinden, etwa die Darmwand, und eher in Zellen eindringen. Dadurch könnten Nanoplastikpartikel potenziell in Organe und Gewebe gelangen, wo sie Entzündungen, oxidativen Stress oder Zellschäden auslösen könnten. Insgesamt gilt Nanoplastik als gesundheitlich bedenklicher, weil es tiefer in den Körper eindringen und auf zellulärer Ebene wirken kann, während Mikroplastik eher mechanische oder lokale Effekte im Verdauungstrakt hervorruft.
Was können Einzelpersonen tun, um ihre Belastung mit Mikroplastik möglichst gering zu halten?
Die Mikroplastik-Belastung kann gesenkt werden, indem auf Einwegplastik verzichtet wird. Verbraucher sollten wiederverwendbare Produkte nutzen und möglichst unverpackte oder umweltfreundlich verpackte Lebensmittel kaufen. Kleidung aus Naturfasern ist synthetischer vorzuziehen, und beim Waschen helfen spezielle Filter oder Waschbeutel, Mikrofasern zu reduzieren. Zudem ist Leitungswasser oft weniger mit Mikroplastik belastet als Wasser aus Plastikflaschen. Generell hilft ein bewusster, plastikarmer Lebensstil, die Belastung zu minimieren.
Welche Rolle spielt die Politik – gibt es bereits wirksame Regulierungen oder Grenzwerte?
Die Politik spielt natürlich eine große Rolle. Auf EU-Ebene trat am 17. Oktober 2023 die Verordnung (EU) 2023/2055 in Kraft, die den Verkauf von Produkten mit bewusst zugesetztem Mikroplastik verbietet. Dies betrifft beispielsweise Kosmetika und Reinigungsmittel. Jedoch ist das Zusammenspiel von Forschenden und Politik ausbaufähig und sehr langwierig.
Wie schätzen Sie die Verantwortung von Industrie und Verpackungsherstellern in diesem Zusammenhang ein?
Verpackungshersteller sind maßgeblich daran beteiligt, wie viel Kunststoff überhaupt in Umlauf kommt – vor allem durch kurzlebige Einwegverpackungen, synthetische Textilien oder industrielle Prozesse. Es geht nicht nur um freiwillige Selbstverpflichtungen, sondern aktiv und transparent an Lösungen mitzuwirken– etwa durch Rücknahmesysteme, Innovationsförderung oder Investitionen in kreislauffähige Produktionsprozesse. Ihre Verantwortung reicht über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg – von der Herstellung bis zur Entsorgung. In einem nachhaltigen Wirtschaftssystem muss Umweltschutz dabei als Teil der unternehmerischen Verantwortung verstanden werden, nicht als freiwillige Zusatzleistung.
Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Fragen, die die Forschung in den nächsten Jahren klären muss?
Die Studien müssen grundsätzlich mit realistischeren Partikeln durchgeführt werden. Viele Studien derzeit beziehen sich noch immer auf primäres Mikroplastik und arbeiten nicht mit in der Natur relevanten Partikeln. Darüber hinaus gibt es hauptsächlich Studien zu Polystyrol, und andere Plastikarten sind unterrepräsentiert.
Sehen Sie eine realistische Chance, dass der Eintrag von Mikroplastik in den menschlichen Körper in Zukunft deutlich reduziert werden kann?
Der Eintrag kann nur deutlich reduziert werden, wenn wir auch die Plastikproduktion reduzieren, da wir nur wenig Einfluss haben, wie das Mikroplastik in unseren Körper kommt. Besonders die Belastung durch Mikroplastik in zum Beispiel Feinstaub ist nicht wirklich individuell steuerbar.