Deutschland gehört zu den Spitzenreitern der OECD-Länder in Sachen Krankschreibungen. Unterscheiden muss man jedoch nach tatsächlichen Fallzahlen und den Ursachen. Krankschreibungen per Telefon seien jedoch nicht der Grund dafür, so Experten.
Der Kanzler ist bekannt dafür, gelegentlich mal einen Satz unüberlegt zu äußern und ihn später wieder einfangen zu müssen. Friedrich Merz’ Ansicht darüber, dass die Deutschen nicht leistungsbereit genug seien, hat sich jedoch nicht geändert. Diesmal geht es um die Tage, an denen sich Deutsche krankschreiben lassen. Im Schnitt kämen die Beschäftigten in Deutschland auf 14,5 Krankentage, sagte der CDU-Politiker bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau bei Heilbronn. „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Man müsse sich darüber unterhalten, wie man Anreize schaffe, dass die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, so Merz. Als Negativbeispiel nannte er die Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung. Diese gilt seit 2021, die Union dringt auf eine Abschaffung. „Während der Coronazeit begründet richtig, heute immer noch?“, fragte der Kanzler. Darüber müsse man mit dem Koalitionspartner SPD sprechen. „Am Ende des Tages muss stehen, dass wir alle zusammen in dieser Bundesrepublik Deutschland eine höhere volkswirtschaftliche Leistung gemeinsam erreichen, als wir sie gegenwärtig erreichen.“
Rechnet man Kalendertage, also Samstage und Sonntage, hinzu, sind Deutsche sogar 19,5 Tage im Jahr krank. Die Krankenkasse AOK geht allerdings davon aus, dass die Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung nicht dazu führt, dass sich Menschen häufiger krankschreiben lassen. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte hätten diese nur in einem Bruchteil der Fälle abgerechnet. Einen Einfluss auf die Zahlen kann der Kasse zufolge dagegen die Einführung der elektronischen Krankmeldung haben: Sie führe laut aktuellen Analysen zu einer vollständigeren Erfassung der Fehlzeiten. Mit anderen Worten: Nicht mehr Deutsche feiern krank; die Datenbasis ist größer, sodass nun die AU, die Arbeitsunfähigkeit, besser erfasst wird und die Dunkelziffer der bei der Krankenkasse nicht abgegebenen AU kleiner wird, vermuten die Experten der AOK.
Tatsächlich hoher Krankenstand
Vonseiten der Kassenärzte kommen hingegen ganz andere Töne. So will der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung die ersten drei Tage Krankmeldung völlig abschaffen. Heißt: Wer maximal drei Tage krank ist, muss sich nicht von einer Arztpraxis krankschreiben lassen, weder telefonisch noch digital oder persönlich. Das reduziere den bürokratischen Aufwand deutlich, vor allem bei „Kinderkrankentagen“ von Alleinerziehenden.
Die DAK fordert sogar einen Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt. Denn: Nichtsdestotrotz hat der Kanzler einen Punkt, wenn er einen hohen Krankenstand in Deutschland anspricht. Im internationalen Vergleich der wirtschaftlich stärksten Länder liegt Deutschland über dem Durchschnitt. Auch dies hat eine DAK-Studie zusammen mit dem privaten IGES-Forschungsinstitut 2025 ergeben.
DAK-Vorstandsvorsitzender Andreas Storm begrüßt daher die vom Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßene Debatte um den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Er fordert deshalb einen Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt. „Unsere Analysen zeigen, dass sich der Krankenstand auf einem hohen Niveau einpendelt. Deswegen ist es richtig und notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben“ – mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, Ärzteschaft und Krankenkassen an einem Tisch, so DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Dabei geht es insbesondere darum, neue Lösungswege zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein kann die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen und Diagnosen sein. Sie ist bereits ein bewährtes Instrument in skandinavischen Ländern.“
Auch Prof. Dr. Volker Nürnberg, BWL-Professor für Gesundheitsmanagement, sieht in der Teilkrankschreibung ein geeignetes Instrument: „Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich nicht in einem eindeutigen Zustand von gesund oder krank, sondern dazwischen. Deshalb macht eine Teilkrankschreibung für bestimmte Tätigkeiten oder nur für einen Teil der Arbeitsstunden Sinn – das können zum Beispiel drei von acht Arbeitsstunden pro Tag sein –, dort, womöglich auch im Homeoffice. Eine solche Regelung hat das Potenzial, zu einem signifikant niedrigeren Krankenstand zu führen.“
Der deutsche Pharmaverband VFA errechnete einen wirtschaftlichen Verlust von 160 Milliarden Euro in den vergangenen vier Jahren durch den anhaltend hohen Krankenstand. Darin eingerechnet sind die Pandemie und die im Jahr 2023 besonders schwere Grippewelle, sprich, vor allem Atemwegserkrankungen flossen in diese Statistik ein. Auch der VFA widerspricht dem Eindruck, die telefonische Krankschreibung treibe die Fallzahlen, anhand einer einfachen Korrelation: Die Zahlen stiegen erst 2022, die telefonische Krankschreibung aber existierte bereits zwei Jahre früher ohne signifikanten Anstieg der Fälle.
Vor allem psychische Erkrankungen seien aktuell ein Treiber der Krankenstandszahlen. Prof. Dr. Nürnberg bestätigt, dass die psychischen Erkrankungen Treiber beim hohen Krankenstand sind: „Auch hier geht es nur im Zusammenspiel: Sowohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst als auch Arbeitgeber müssen auf gesünderes Arbeiten achten.“ Und: „Die Betriebe stehen vor der Herausforderung, eine hohe Zahl an Ausfalltagen wegen dieser Erkrankungen kompensieren zu müssen. Auch mit Blick auf die Wirtschaft ist Prävention das Gebot der Stunde.“
Die Arbeitskammer des Saarlandes hat die Ergebnisse ihrer für das Saarland repräsentativen Beschäftigtenbefragung „Index Gute Arbeit Saar“ vorgestellt. Auch darin zeigen sich Ursachen für Krankschreibungen. „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass es beim Thema Gute Arbeit im Saarland an vielen Stellen erheblichen Verbesserungsbedarf gibt“, so der Vorstandsvorsitzende der Arbeitskammer, Jörg Caspar.
Betrieblicher Gesundheitsschutz
So geben 59 Prozent der Befragten an, regelmäßig in ungünstiger Körperhaltung arbeiten zu müssen, 58 Prozent berichten von sehr häufigen Unterbrechungen ihres Arbeitsflusses. Für jeweils 45 Prozent der Beschäftigten sind Arbeiten unter Lärm sowie Arbeitshetze und Zeitdruck Alltag. „Was wir dringend brauchen, ist der Ausbau von Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsschutzes, die konsequente Einhaltung der geltenden Arbeits- und Gesundheitsschutzvorschriften sowie deren wirksame Kontrolle durch die Landesbehörden“, so Caspar. „Nur so lassen sich die Belastungen, unter denen viele Beschäftigte seit Jahren leiden, spürbar reduzieren.“ Alarmierend sei zudem, dass 47 Prozent der Befragten angeben, ihre derzeitige Tätigkeit nicht ohne Einschränkungen bis zum Renteneintritt ausüben zu können.
Sorgen bereitet der Arbeitskammer auch das rauer gewordene Klima in der Arbeitswelt. „Es ist ein ernst zu nehmendes Warnsignal, dass 14 Prozent der Befragten sehr oft oder häufig herablassende oder respektlose Behandlung durch Kunden, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte erleben“, so Caspar. Die vergangenen Krisenjahre hätten hier deutliche Spuren hinterlassen.
Untersuchungen wie jene der Arbeitskammer zeigen, dass es womöglich andere Gründe für die häufigeren Krankschreibungen gibt, nicht etwa eine vermeintlich einfacher handhabbare Krankmeldung per Telefon. Die Pandemie und das nachfolgende Klima wirtschaftlicher Unsicherheit trugen sicher ihren Teil dazu bei. Entscheidend: Jeder einzelne Arbeitgeber sollte entscheidend zu einem niedrigen Krankenstand beitragen, so die AOK – durch gute Führung, gute Fehlerkultur und individuelle unternehmensinterne Aufmerksamkeit beim Thema Krankheit.