Militärische Aufrüstung und Kriege waren lange ein blinder Fleck in der Klimapolitik. Doch mit steigenden Verteidigungsausgaben wird die Rüstungsindustrie zusehends zu einem immer größer werdenden CO2-Emittenten.
Rund um den Globus explodieren die Rüstungsausgaben. Aus einem Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri geht hervor, dass die weltweiten Militärausgaben im Jahr 2024 mit 2.718 Milliarden US-Dollar (2,38 Billionen Euro) einen neuen Höchststand erreicht haben. Das bedeutet einen Anstieg von 9,4 Prozent gegenüber 2023 und ist der höchste Wert, den die Organisation je verzeichnet hat. Spitzenreiter sind weiterhin die USA, gefolgt von China und Russland. Deutschland nimmt nach Angaben von Sipri neuerdings den vierten Platz ein. Wie hoch der deutsche Wehretat ist, hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vor Kurzem verkündet: Er liegt bei mehr als 86 Milliarden Euro. Dieser historische Höchststand soll künftig noch steigen. Im Jahr 2029 sollen die Ausgaben für die Verteidigung bei knapp 153 Milliarden liegen. Argumentiert wird mit einem potenziellen Angriff Russlands auf einen Nato-Staat und einer angeblich „kaputt gesparten“ Bundeswehr. Was bei den meisten sicherheitspolitischen Diskussionen ausgespart wird, sind die Folgen für die Umwelt und das Klima. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge verursachen militärische Aktivitäten 5,5 Prozent der weltweiten Treibgas-Emissionen.
Allein zwischen 2019 und 2021 sind die Treibhausgase der Bundeswehr um 17,9 Prozent gestiegen. Dies ging aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der damaligen Bundestagsabgeordneten Sevim Dağdelen (BSW, zuvor Die Linke) aus dem Jahr 2022 hervor. Demnach hat 2021 die Bundeswehr insgesamt 1,71 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent ausgestoßen – gegenüber 1,45 Millionen Tonnen im Jahr 2019. Dabei ist die Energie- und Emissionsbilanz des bundesdeutschen Militärs nach wie vor unvollständig dokumentiert. Auslandseinsätze deutscher Soldaten, zivile Flüge von Bundeswehrangehörigen und die Klimabilanz der Rüstungsproduktion wurden in den veröffentlichten Zahlen nicht miteinberechnet.
Klimabilanz unvollständig
Militärische Emissionen wurden noch 1997 im Kyoto-Protokoll explizit ausgenommen – auf Drängen der US-amerikanischen Regierung unter Bill Clinton. Die offizielle Begründung waren Sicherheitsbedenken: Eine Offenlegung könnte laut Washington sensible Informationen über Truppenbewegungen oder Einsatzfähigkeit des Pentagons verraten. Als größte Militärmacht der Welt hätten die USA einen besonders hohen Anteil an militärischen Emissionen ausweisen müssen. „Keine einzelne Organisation stößt so viele Treibhausgase pro Jahr aus wie das US-Militär“, kritisierte Neta Crawford in einer Studie der Boston University bereits im Jahr 2019. Die US-amerikanische Politologin untersuchte die Treibhausgas-Emissionen, die zwischen 2001 und 2017 durch das US-Militär freigesetzt wurden. Ihrer Studie zufolge erzeugte das Pentagon allein im Jahr 2017 etwa 58 bis 59 Millionen Tonnen Kohlendioxid – mehr als ganze Industrieländer wie Schweden, Dänemark, Finnland oder Portugal.
ärztliche Friedensorganisation - privat
In der offiziellen Klimapolitik galten militärische Emissionen lange als blinder Fleck. Erst das Pariser Abkommen von 2015 brachte eine Wende: Seither müssen Staaten auch ihre militärbedingten Emissionen an die UNO melden, doch ob sie diese separat und transparent ausweisen, bleibt ihnen selbst überlassen. Die Offenlegung ist bis heute freiwillig. Das kritisieren auch Klimaexperten. „Die Art dieser Berichterstattung ist nicht umfangreich genug“, kritisiert Laura Wunder, Referentin für Klimagerechtigkeit und Globale Gesundheit vom Verein ärztliche Friedensorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung) im Gespräch mit FORUM. „Berechnungen wie von Stuart Parkinson und Lindsay Cottrell zu den Emissionen der Rüstungsindustrie werden in den nationalen Berichterstattungen an das UNFCCC in großen Teilen gar nicht als solche aufgeführt, sondern in anderen, zivilen Emissionen zusammengefasst“, so die Klimaexpertin.
Dass Kriege nicht nur Menschenleben zerstören, sondern auch immens der Umwelt und dem Klima schaden, lässt sich nachvollziehen, wenn man sich die ökologischen Folgen näher anschaut, die durch Aufrüstung und Kriegführung entstehen. Flugzeugträger, Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe und Panzer sind Schwerverbraucher fossiler Brennstoffe. Ein Kampfflugzeug schluckt je nach Typus und Größe 3.000 bis 12.000 Liter Treibstoff pro Stunde. Auch die Kampfhandlungen an sich, Zerstörung von Energieanlagen, Umleitungen von Flugrouten, Zerstörung von Energieanlagen und Brände vervielfachen die Emissionen. Zudem bleiben große Mengen an Müll und Schadstoffen zurück wie etwa ausrangierte Munitionslager, Ölfässer, Lösungsmittel, Reifen, Kabel und Schießpulver – eine giftige Mischung, die Böden und Gewässer belastet und nachhaltige Umweltschäden nach sich zieht. Die Klimabilanz sieht auch nach Kriegsende schlecht aus: Der aufwendige Wiederaufbau von Infrastruktur und zerstörten Städten bindet enorme Ressourcen und setzt erneut zahlreiche Treibhausgase frei.
Belastungen auch in Friedenszeiten
Auch zu Friedenszeiten werden in hochgerüsteten Staaten Umwelt und Klima belastet: Transporte und Truppenübungen benötigen fossile Energie; die militärische Ausrüstung muss in aufwendigen Wartungsarbeiten instandgehalten werden. Dabei kommen etliche toxische Chemikalien zum Einsatz, wie etwa spezialisierte Lösungsmittel, Korrosionsschutzmittel und Schmierstoffe.
Vor allem die Kampfhandlungen sind Kohlendioxidemittenten, die zudem die Lebensräume von Mensch, Flora und Fauna zerstören. Dazu zählen unter anderem die Kriege zwischen Russland und der Ukraine, zwischen Israel und dem Iran, die Bombardierung des Gazastreifens sowie Bürgerkriege in Myanmar, Sudan, Kongo und anderen Ländern.
„Allein der Krieg in der Ukraine hat laut aktuellen Studien zu zusätzlichen Emissionen von rund 175 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent geführt“, sagt IPPNW-Referentin Laura Wunder. Das entspricht den jährlichen Kohlendioxidemissionen von etwa 90 Millionen Pkw oder dem Ausstoß der gesamten Niederlande. Auch der Krieg in Gaza fordert außer der humanitären Katastrophe seinen Tribut für die Klimabilanz. „In den ersten 60 Tagen des Kriegs im Gazastreifen lagen die Emissionen höher als der Jahresausstoß von mehr als 20 der vom Klimawandel am stärksten gefährdeten Länder“, resümiert sie.
Hinsichtlich des oft von der Politik und einigen Medien verbreiteten Zustands einer angeblich maroden Bundeswehr verweist die Klimaexpertin auf eine Studie des Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC). Deutschland sei entgegen aller Behauptungen „nicht verteidigungsunfähig“, heißt es dort. Es unterhalte im Vergleich zu den Streitkräften Frankreichs und Großbritanniens hinsichtlich Bewaffnung, Personalstärke und Einsatzbereitschaft vergleichbare Streitkräfte. Gleichzeitig räumen die Forscher ein, dass es einen Reformbedarf im Beschaffungswesen des deutschen Militärs gebe.
Kritik übt Laura Wunder an dem Sondervermögen für die Bundeswehr. „Wir gehen davon aus, dass das auf jeden Fall den Gestaltungsspielraum für andere wichtige Bereiche wie für Gesundheitsversorgung, Klimaschutz, Bildung und Soziales massiv einschränken wird“, so Laura Wunder. „Wenn wir Sicherheit als menschliche Sicherheit begreifen, dann ist es verantwortungslos, dieses Geld in Rüstung zu stecken und nicht zum Beispiel in die Bekämpfung der Klimakrise“, so die Klima-Expertin. Auch andere Forschende warnen davor, dass explodierende Militärbudgets die Klimaziele aushöhlen. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Militärausgaben die Treibhausgas-Emissionen erhöhen, wichtige Finanzmittel von Klimamaßnahmen abziehen und einen Waffenhandel festigen, der Instabilität bei Klimazusammenbrüchen schürt“, heißt es in einem Bericht des niederländischen Thinktanks „Transnational Institute“ in Amsterdam.