Das „Schnokeloch“ am St. Johanner Markt ist einer der letzten echten, urigen Kneipen. Da Benjamin Hornung verhindern wollte, dass sich dieser Charme nach dem Weggang des Vorpächters ändert, übernahm der Stammgast den Laden zu Jahresbeginn einfach selbst.
Im Herzen von Saarbrücken, am St. Johanner Markt, liegt das „Schnokeloch“. Ein Ort, der seit Jahrzehnten als echte Kultkneipe gilt. Ich kenne das „Schnokeloch“ bereits seit mehr als 40 Jahren. Inhaber sind Benjamin Hornung und sein Sohn Maurice. Vorpächter war Thomas Caldwell, von dem die beiden das Grundkonzept übernommen haben. Benjamin Hornung erzählt: „Wir haben am 2. Januar dieses Jahres hier übernommen. Ich war Stammgast bei Thomas und habe ihn lange begleitet. Ich wusste, dass er aufhören wollte. Und so war dies für mich die einzig logische Lösung – den Laden selbst übernehmen, damit ich weiß, wo ich noch weiter hingehen kann. Denn am St. Johanner Markt sterben die urigen Kneipen ja immer mehr aus.“ Und bevor auch diese Kultkneipe verloren geht, betreibt er sie lieber selbst.
Echt, bodenständig und voller Leben
In den 1970er-Jahren hatte Saarbrücken eine lebendige Musikszene. Livemusik gab es beispielsweise in der „Steckdose“ im Nauwieserviertel und besonders abwechslungsreich – von Folk bis Chanson mit internationalen Künstlern – im „Barrelhouse“ in der Dudweilerstraße. Dort trat auch der Elsässer Roger Siffer auf. Siffer ist nicht nur Sänger, sondern auch Kabarettist, Humorist und Radiomann. Er singt oft auf Elsässisch und greift Themen wie Identität, Alltag und Kultur im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland auf. Zudem leitet er in Straßburg das bekannte Kabarett-Theater „La Choucrouterie“, das bis heute ein Zentrum der elsässischen Kleinkunst ist. Ein wichtiger Bestandteil seines Repertoires ist das Volkslied „D’r Hans im Schnokeloch“, das er unter anderem 1976 auf einem Album interpretierte.
Dieses Lied ist jedoch viel älter: Es entstand bereits im 19. Jahrhundert und wurde erstmals 1842 schriftlich erwähnt. „Hans im Schnokeloch“ erzählt von einer Figur, die nie zufrieden ist: Was er hat, will er nicht – und was er will, hat er nicht. Die Figur basiert vermutlich auf einem realen Wirt aus einem Straßburger Vorort, dessen Verhalten verspottet wurde. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Lied zu einer Art inoffiziellen „Hymne des Elsass“ und symbolisiert die zwiespältige Identität der Region. Viele Künstler haben das Lied interpretiert, doch Roger Siffer machte es durch seine humorvolle und moderne Version einem breiten Publikum zugänglich. Besonders typisch für Siffer ist, dass er traditionelle Stoffe wie dieses Lied mit Ironie und zeitgenössischem Blick neu deutet. Auch in späteren Jahren blieb er aktiv, etwa indem er 2007 sogar Ansagen für die Straßburger Straßenbahn aufnahm. Zusammenfassend steht Roger Siffer für die Verbindung von Tradition und moderner Kleinkunst im Elsass, während „Hans im Schnokeloch“ ein zeitloses Symbol für menschliche Unzufriedenheit und regionale Identität ist.
Und was geschah in den 1970ern in Saarbrücken? Kurze Zeit nach Siffers Auftritt eröffnete damals in der Kappenstraße eine Kneipe mit dem Namen „Schnokeloch“. Sie wurde schnell bekannt für ihre Pizza und ihre Spaghetti und als idealer Ort für ein gemütliches Gespräch unter Freunden. So ist es bis heute geblieben, nur dass die Speisekarte heutzutage sogar noch viel mehr bietet. Früher wie heute zieht es die Menschen immer wieder hierher. Ich betrete den Laden, nachmittags in der Woche, linker Hand sind mehrere Tische besetzt von einer Gruppe, die wohl auf ein, zwei Feierabendbier hier ist. Rechter Hand entdecke ich einige Gesichter, die ich schon jahrzehntelang kenne.
Geschmack ohne viel Schnickschnack
Wer einmal da war, kommt selten nur ein zweites Mal, sondern immer wieder. Dabei ist das „Schnokeloch“ keine schicke Szene-Bar. Es ist echt, bodenständig und voller Leben. Genau das macht seinen besonderen Reiz aus. Hier trifft man Freunde, Nachbarn und Kollegen. Oft ganz zufällig – und genau das ist das Schöne daran. Ein kurzer Gruß, ein freier Stuhl, und man gehört dazu. Die Küche ist gutbürgerlich und mit Liebe gemacht. Man sollte nie vergessen: Zu den zehn Lieblingsgerichten der Deutschen gehören auch Pizza und Pasta! Wer hier sitzt, bleibt selten lange allein – und ganz sicher nicht hungrig. Ob für den gemütlichen Feierabend oder die launige Nacht am Freitag: Im „Schnokeloch“ zählt nur, dass es schmeckt und die Stimmung passt. Vom deftigen Schnitzel bis zu einfachen, originellen Gerichten. Man schmeckt: Hier wird noch selbst gekocht.
Salate, Pizza, Spaghetti und Hausmannskost finden ihren Platz auf der Karte. Ich blättere in der Karte und finde sechs Salate, mein Favorit: „Salat Brotgrumbeere – e bissje fit, e bissje fett – perfekte Balance. Salat mit saftigen Bratkartoffeln und Spiegelei.“ Dann komme ich zu den vier Saar-Klassikern. Da würde ich mir glatt einen „Dibbelabbes“ bestellen. „So heiß un fett, do brauchsch e Beichtzettel dezu.“ Das ursaarländische Kultgericht aus geriebenen Kartoffeln, dazu Apfelmus, steht auf der Karte. Dann gibt es ein Angebot von 18 Pizzen. Ich gehe vor, wie seit Jahrzehnten: Im „Schnokeloch“ esse ich Pizza oder Pasta. Und entscheide mich für „Pizza Seeblick – Schmeckt wie Urlaub, awwer halt dehemm.“ Tomatensoße, Käse, Sardellen, Oliven, Knoblauch. Für meinen Geschmack genau die richtige Wahl! Auch drei Flammkuchen bietet die Karte. Die Angebot an Spaghetti-Variationen haben sie auf vier vergrößert. „Spaghetti mit Hackfleischsooß – Do hat die Sooß mehr Charakter als manch Politiker. Spaghetti mit feiner Hackfleisch-Tomatensoße vom Rind und Schwein und Käse“ esse ich am nächsten Tag. Aber auch Liebhaber von Schnitzel und Nachos würden hier fündig.
Alles ohne viel Schnickschnack, aber mit viel Geschmack. Das „Schnokeloch“ war schon früher eine zuverlässige Adresse am St. Johanner Markt, und auch heute hat es nichts von seinem Charakter verloren. Die Stammkneipe ist mehr als nur ein Ort zum Essen und Trinken. Sie ist für viele ein Stück Zuhause außerhalb der eigenen vier Wände. Hier kennt man sich, hier wird man erkannt, oft schon an der Tür. Ein kurzer Blick, ein Nicken – und der Wirt weiß, was man bestellt. Die Einrichtung ist selten modern, aber genau das macht ihren Charme aus. Holztische, auch schon mal abgewetzt, erzählen Geschichten. An den Wänden hängen einmalige Erinnerungen und manchmal auch ein bisschen Staub. Doch genau das gibt dem Raum seine Seele. Hier trifft man Freunde, oft ganz spontan, ohne Verabredung. Man setzt sich dazu, bestellt ein Getränk und ist sofort mittendrin. Auch Kollegen werden hier zu Vertrauten, fern vom Arbeitsalltag. Gespräche werden ehrlicher, direkter und oft auch herzlicher.
Stammkneipe ist zweites Wohnzimmer
Das Essen ist bürgerlich, handgemacht und ohne Schnickschnack. Salat, Schnitzel, Bratkartoffeln – wie bei Oma. Es geht nicht um Trends, sondern um Geschmack und Tradition. Und genau das schätzen die Gäste. Die Stammkneipe ist ein Ort, an dem man bleiben kann. Man muss sich nicht verstellen oder besonders sein. Hier zählt nicht, wer man draußen ist, sondern wie man sich gibt. Ein Lachen, ein Prost, ein ehrliches Gespräch – das genügt. Mit der Zeit wird der Platz am Tisch fast zum festen Besitz. Man kennt die Geschichten der anderen und teilt seine eigenen. Freude und Sorgen haben hier gleichermaßen Platz. Man hört zu, man versteht sich, oft auch ohne viele Worte. „Meine Stammkneipe“, sagt man mit einem gewissen Stolz. Denn sie ist mehr als ein Lokal – sie ist ein Teil des Lebens. Ein Ort der Begegnung, der Wärme und der Vertrautheit. Ein zweites Wohnzimmer, in dem man immer willkommen ist.
Dann erzählt mir Benjamin Hornung noch etwas: „Wir haben den ,Bierkranz‘ – elf Gläser zum mitnehmen – eingeführt. Oder das ,Schnoke-Sixpack‘ für unsere treuen FCS-Fans als Wegzehrung auf dem Weg ins Stadion.“ Biere gibt es von Becker, Karlsberg und Licorne. Apropos Getränke: Auf der Weinkarte finde ich Weine vom elsässischen Kultwinzer Emile Boeckel aus Mittelbergheim, Weine von der Nahe aus dem Weingut Schmidt aus Obermoschel, aus der Pfalz vom Weingut Nauerth-Gnägy aus Schweigen. Dazu noch internationale Weine aus Frankreich und Italien. Genügend Gründe, bald wiederzukommen.