Der Verein KulturLeben organisiert für Menschen mit wenig Geld kostenlose Karten fürs Theater, Kino, Museum und andere Kultureinrichtungen – gezielt auch für Wohnungslose.
Angela Meyenburg ist eine Kämpferin. Sie und ihr Team kämpfen, wie sie sagt, dafür, „dass Menschen teilnehmen können am kulturellen Leben, indem sie von uns Tickets bekommen, weil sie arm sind“ – „und wir fragen nicht, warum sie arm sind“, fügt die Gründerin und Geschäftsführerin von KulturLeben Berlin an. „Schlüssel zur Kultur“ nennt sich der Verein im Untertitel. Seit 15 Jahren setzt er sich „für kulturelle Teilhabe und soziale Inklusion“ ein. Durch die kostenlose Vermittlung nicht verkaufter Plätze im Theater, bei Konzerten, Kabaretts, Lesungen und anderen Kulturveranstaltungen können nach Angaben des Vereins aktuell rund 30.000 Berlinerinnen und Berliner mit geringen Einkünften am kulturellen Leben der Stadt teilhaben. Unterstützt wird die Arbeit von 600 Kulturpartnerinnen und -partnern sowie 700 sozialen Einrichtungen.
„Wir fragen nicht, warum sie arm sind“
In den vergangenen Jahren kam der Verein verstärkt in Kontakt mit obdach- und wohnungslosen Menschen – einer Gruppe, die in Berlin aktuell auf über 50.000 Personen geschätzt wird. Dabei, erklärt Angela Meyenburg, sei deutlich geworden: „Der Bedarf an kultureller Teilhabe ist in dieser Zielgruppe besonders groß. Viele Betroffene erleben im Alltag Ausgrenzung, Isolation und Unsichtbarkeit. Der Besuch eines Konzertes, eines Theaterstücks oder eines Fußballspiels kann Mut machen, Trost spenden und neue Perspektiven eröffnen.“ Mit einem im vergangenen Jahr gestarteten Projekt soll wohnungs- und obdachlosen Menschen gezielter als bisher „die Möglichkeit eröffnet werden, Kultur als Raum der Begegnung, Stärkung und gesellschaftlichen Teilhabe zu erleben“, sagt die Geschäftsführerin.
Das Projekt verfolgt das Ziel, Einsamkeit und Isolation von Menschen ohne Wohnung zu durchbrechen und ihnen die Chance zu geben, aktiv am kulturellen Leben teilzunehmen. Wobei Menschen ohne Wohnung nicht unbedingt obdachlos sein müssen, erklärt Daniela Radlbeck, die Referentin für Grundsatzfragen und Wohnungspolitik beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband in Berlin. Wohnungslos bedeutet: Jemand hat keinen eigenen Mietvertrag, was nicht bedeutet, dass er auf der Straße lebt. Manche Menschen ohne eigene Wohnung kommen zum Beispiel bei Freunden unter. „Wohnungslose sind sehr verschieden“, weiß Daniela Radlbeck.
Das Projekt wendet sich an alle Wohnungslosen. Geleitet wird es von Max Da Cruz, einem in Frankreich ausgebildeten Musikwissenschaftler, der 2017 nach Berlin kam. Sein Job ist es, die Kooperationen mit Einrichtungen der Obdachlosenhilfe, Frauenhäusern, der Suchthilfe, Wärmestuben und Suppenküchen auszubauen. Dadurch sollen Wohnungslose nicht nur als Gäste für Kulturveranstaltungen gewonnen werden, sondern auch als freiwillige Mitarbeitende bei KulturLeben Berlin. „So werden nicht nur Kulturangebote vermittelt, sondern auch Eigeninitiative unterstützt und Mitgestaltung gefördert“, heißt es in der Projektbeschreibung.
Das klingt einfacher, als es ist. „Es ist gefährlich auf der Straße“, sagt Max Da Cruz. Wer eine Wohnung hat, der könne sich das vermutlich nicht vorstellen: Der Tagesablauf sei dadurch bestimmt, etwas zu essen zu bekommen, abends einen Schlafplatz zu haben und zu schauen, dass man nicht von anderen beklaut wird oder einem sonst etwas passiert. Da sei es schwierig, Menschen für Kultur zu interessieren. Mehr noch: Es sei schwierig, überhaupt richtig miteinander ins Gespräch zu kommen, denn dafür müsse man erst Vertrauen aufbauen. Zusätzlich gebe es oft Sprachbarrieren. „Viele Obdachlose können kein Deutsch“, sagt Max Da Cruz. Es werde viel Polnisch gesprochen, auch andere osteuropäische Sprachen. Das erschwere es zusätzlich, den Menschen zu vermitteln, dass man ihnen wirklich Gutes tun will. „Vertrauen braucht Zeit“, sagt auch Uwe Mehrtens. Er war vor vier Jahren selbst wohnungslos und arbeitet inzwischen für Ufo. Das ist die Abkürzung der Union für Obdachlosenrechte Berlin. Sie verfolgt das langfristige Ziel, Wohnungslosigkeit zu überwinden und das Recht auf Wohnen durchzusetzen, unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse und selbstbestimmter Wohnformen.
Viele Gründe gegen Kulturabende
„Konzerte oder Kinoabend – da gehen diese Menschen nicht hin“, auch wenn es Freikarten gibt, sagt Uwe Mehrtens aus eigener Erfahrung. „Das überfordert diese Menschen. Es war für mich auch nicht einfach, oft nicht möglich. Es war auch schwierig, weil ich mich nicht immer waschen konnte“, erklärt er. Hinzu komme, dass „Menschen, die in Armut leben, oft den Reflex haben, sich zurückzuziehen“, ergänzt Angela Meyenburg. Als Beispiel nennt sie „eine Frau in Altersarmut, die nicht zu einem Geburtstag geht, weil sie kein Geld für den Friseur und ein Geschenk hat“.
KulturLeben wolle für solche Menschen ein „geschützter Raum sein“. Denn es koste „viel psychische Kraft, den Besuch wirklich zu machen, sich anzuziehen und ins Museum oder ins Theater zu gehen“, sagt Angela Meyenburg. Für Organisationen, die Angebote für Wohnungslose machen, sei es schwierig, die Menschen, um die sie sich kümmern, zu motivieren. Da sei noch viel zu verbessern – zum Beispiel müssten Möglichkeiten geschaffen werden, damit Obdachlose vor einem Theater- oder Kinobesuch ihre Kleidung waschen oder etwas zu essen besorgen können. Denn die Zeit, in der Kulturveranstaltungen stattfinden, sei meistens auch die Zeit, in der man sich um Nahrung kümmern müsse.
Wenn eine Einrichtung, die sich um Wohnungslose kümmert, es dann wirklich schafft, einen gemeinsamen Ausflug zu einer Kulturveranstaltung zu organisieren, tritt ein weiteres Problem auf: die Kosten für die Nutzung von Bussen und Bahnen. „Das geht nur, wenn man genug Spenden bekommt“, sagt Angela Meyenburg. Aber oft komme es gar nicht dazu wegen des „Mangels an Geld, Personal und Angeboten in der Wohnungslosenhilfe“, sagt Daniela Radlbeck. Dabei gehöre Kultur zum Leben und sei „ein Schlüssel zur Gemeinschaft“. Deshalb sei es wichtig, dass es Organisationen wie Ufo gebe, „die Orte schaffen, an denen Erfahrungen möglich sind, und die die Menschen auch mitnehmen zu Kulturveranstaltungen“.
„Wir sehen hier einen enormen Bedarf, den KulturLeben Berlin bisher nicht decken konnte. Aufgrund von Isolation sind wohnungs- und obdachlose Menschen schwerer zu erreichen als andere Zielgruppen. Aus der Spezifität ihrer tagtäglichen Schwierigkeiten ergeben sich auch andere Bedürfnisse für den Besuch von öffentlichen Veranstaltungen. Mit diesem Projekt möchten wir den betroffenen Menschen die Gelegenheit zur Begegnung mit der Stadtgesellschaft auf Augenhöhe bieten“, erklärt Angela Meyenburg – sie und ihr Team werden dafür weiterkämpfen.