Drei Fragen
Der Erlkönig, die Angst und der Tod
Am 22. April, 20 Uhr, wird das Album „Erlkönig“ der Pianistin Doriana Tchakarova im Salon Christophori vorgestellt.
Was verraten die Vertonungen über den Zeitgeist ihrer Entstehungszeit?
Die frühen Fassungen, wie etwa von Schröter oder Reichardt, orientieren sich stark am damaligen Liedideal: Der Text steht im Zentrum, die instrumentale Begleitung bleibt relativ schlicht. Mit Komponisten wie zum Beispiel Loewe oder Schubert tritt dann die romantische Dramatisierung stärker in den Vordergrund. Das Klavier wird zu einem eigenständigen Erzähler, der die vier Rollen der Ballade eindrucksvoll illustriert. In späteren Vertonungen, wie denen von Mathieu oder Schulzki, ist die Musik das zentrale Ausdrucksmittel. Sie zeugt von großer Freiheit im Umgang mit Harmonik, Rhythmik, Form und Klangfarben. In der musikalischen Komposition wird deutlich, wie jede Epoche verschiedene Aspekte der Ballade – etwa das bildhaft-atmosphärische, dramatische, psychologische Geschehen – in den Vordergrund stellt.
Welche der 13 Fassungen hat Sie am meisten gefordert?
Als Pianistin war für mich die Vertonung von Carl Czerny sehr anspruchsvoll. Der Klaviersatz ist nicht nur äußerst virtuos, sondern auch musikalisch komplex. Auch Schuberts „Erlkönig“ stellt durch die durchgehende Triolenrepetition (Wiederholung desselben Tons in einer Dreier-Rhythmusgruppe; Anm. d. Red.), welche eine enorme Spannung erzeugt, eine besondere pianistische Herausforderung dar.
„Erlkönig“ erzählt von Verführung, Angst und Tod. Hat diese düstere Atmosphäre Ihr Spiel beeinflusst?
Bei der Suche nach der authentischen klanglichen Umsetzung wuchs in mir das Verlangen, dieses Lied auf verschiedenen historischen Instrumenten auszuprobieren. Dabei eröffnete sich mir eine weitere Klangwelt, die meine Fantasie anregte. Es war herausfordernd, diese verschiedenen dramaturgischen Perspektiven im Klavier hörbar zu machen. Mein Spiel hat sich durch diese Aufgabe stilistisch und klanglich verfeinert. Interview: Katharina Rolshausen
Kulturverführung vom 10.04.2026
Konzert: Ursli Pfister alias Christoph Marti verbrachte seine Kindheit und Jugend in der Schweiz der 70er-Jahre. Sein Programm über Peggy March reflektiert diese Zeit. Die Amerikanerin Peggy March gehörte zwischen 1965 und 1980 zu den erfolgreichsten Schlagersängerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie hat eine ganze Generation von der Kindheit in die Erwachsenenwelt begleitet mit Liedern wie „Mit 17 hat man noch Träume“, „Carnaby Street“ oder „Memories of Heidelberg“. „Peggy March, Frau Huggenberger und ich“ heißt das Programm, das Ursli Pfister mit Chiara Cook, Joana Henrique-Jacobs und der Jo Roloff Band vom 21. April bis zum 3. Mai und dann wieder vom 8. bis zum 13. September in Berlin spielt. Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, 10719 Berlin, Karten und Informationen: www.bar-jeder-vernunft.de
Theater: „Spooky Paradise“ steht in Leuchtbuchstaben auf einem Gerüst, als grelles Überbleibsel einer verschwundenen Attraktion, inmitten eines Brachgeländes. In Philippe Quesnes gleichnamiger Produktion stellt der Regisseur und bildende Künstler eine Reihe eigenartiger Gestalten vor: die letzten Erben einer Zirkusfamilie. Ohne ihre Tiere und bar jeder akrobatischen Virtuosität bemühen sie sich darum, ihr Geschäft am Leben zu erhalten. Befinden sie sich auf einem verlassenen Jahrmarkt, in einer Geisterbahn oder auf einem Filmset? Sind diese Menschen nur erschöpft, kurz vor dem Verschwinden, oder stehen sie am Beginn einer möglichen Wiedergeburt? Antworten auf diese Fragen gibt es – womöglich – bei der Uraufführung von „Spooky Paradise“ am 30. April. 2003 gründete Philippe Quesnes seine Kompanie Vivarium Studio, einen losen Zusammenhang aus bildenden Künstlerinnen und Künstlern, Schauspielerinnen und Schauspielern, Musikerinnen und Musikern. Er avancierte zu einer der wichtigsten künstlerischen Stimmen Frankreichs. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 10178 Berlin, Karten und Informationen: www.volksbuehne.berlin
Kabarett: Im Laufe eines jeden Lebens stellt sich die Frage nach Recht und Unrecht. Was ist gut, was ist böse? Die Entscheidung ist schwerer, als man denkt, sagt der Kabarettist Johannes Hallervorden. Denn, nur so als Beispiel, wer seine Großmutter mit einem Gewehr aus 500 Meter Entfernung erlegt, der ist zwar ein guter Schütze, aber kein guter Enkel. Thema sind auch einleuchtende Urteile wie jenes des Sozialgerichts Berlin: „Ein in die Außentür des Hauses eingeklemmtes Knie ist unfallversichert, weil es sich bereits auf dem Weg zur Arbeit befand.“ „Einer flog übers Ordnungsamt“ nennt Johannes Hallervorden sein neues Programm, mit dem er zeigt: Deutsches Recht ist oft auch große Komik. Theater am Frankfurter Tor, Karl-Marx-Allee 133, 10243 Berlin, Termine und Karten: www.theater-am-frankfurter-tor.de Martin Rolshausen