Kabarett
Koch und Kanzler
Deutschland ist am Ende – anders kann es gar nicht sein, wenn sich im Restaurant zwei Menschen gemeinsam mit einer einzigen kleinen Flasche Mineralwasser begnügen und kaum noch jemand einen Nachtisch bestellt. Zu diesem Schluss kommt zumindest ein Berliner Koch und Restaurantbetreiber – und wenn er sich da so richtig reinsteigert, könnte man meinen: Deutschland schafft sich ab. Das Kabarett-Theater „Die Stachelschweine“ hat einen anderen Titel für sein neues politisches Endzeitstück gewählt: „Die letzten Tage von Deutschland“.
Darum geht es: Eine erfolglose Jazz-Sängerin bekommt die Chance ihres Lebens. Eine Aktivistin der Vulkangruppe, die das Stromnetz in Teilen Berlins lahmgelegt haben soll, steht nach drei Jahren Fahndung vor ihrer Festnahme, hat sich aber erstmal als Couchsurferin in die Wohnung der Jazzsängerin und des Kochs gerettet. Soweit klingt das zunächst mal nach einer wilden Komödie – wäre nicht gerade der Bundestag neu gewählt worden. Und gäbe es nicht einen bis auf eine einzelne Stimme genauen Patt zwischen der AfD auf der einen und allen anderen Parteien auf der anderen Seite. Und wäre nicht bekannt geworden, dass die Post einen einzelnen Briefwahlumschlag verschlampt hat – ja, Deutschland eben! Und wäre nicht in diesem Umschlag ausgerechnet der Wahlzettel dieses Kochs.
Er soll nun seine verschlampte Stimme erneut abgeben – und damit die Wahl und über die Zukunft Deutschlands entscheiden. Der Kanzler versucht in seinem unnachahmlichen Charme, den Koch zu umgarnen. Eine Internetpetition fordert, den Koch selbst zum Kanzler zu machen. Eine von Frank Lüdecke und Sören Sieg geschriebene wilde Geschichte, die phasenweise zu starkem Kabarett aufblüht, aber in einigen Teilen leider immer wieder wirkt wie eine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: krampfhaft ausgewogen, nach allen Seiten offen, das Publikum am Ende ratlos zurücklassend. Dennoch: Constantin Moll, Bianca Waechter und Jessica von Wehner legen auf der Bühne eine klasse Performance hin.
Karten: www.diestachelschweine.de
Kulturverführung
Ausstellung: Daniel Nikolaus Chodowiecki – nie gehört? Kein Problem, der Mann ist schon eine Weile tot. Im ausgehenden 18. Jahrhundert war Daniel Nikolaus Chodowiecki allerdings der Superstar unter den Berliner Künstlern. Zu seinem 300. Geburtstag widmet ihm das Kupferstichkabinett in Kooperation mit der Akademie der Künste und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin bis zum 10. Januar eine sogenannte Kabinettausstellung. „Daniel Chodowiecki 1726–1801. Berliner Bilder der Aufklärung“ heißt sie und zeigt gut 20 seiner bedeutendsten Werke. Im Zentrum der Ausstellung steht die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Justizskandal um Jean Calas. Jean Calas – okay, auch schon eine Weile her. Calas wurde als lutherisch-reformierter Christ im damaligen Frankreich unterdrückt. Als sich einer seiner Söhne 1761 das Leben nahm, versuchte die Familie zunächst, den Selbstmord als Mord darzustellen, um dem Sohn ein christliches Begräbnis zu ermöglichen. So geriet schließlich Jean Calas selbst in Verdacht, seinen Sohn erwürgt zu haben. Als Motiv sollen ihm die angeblichen Absichten des Sohnes, zum Katholizismus überzutreten, gedient haben. Obwohl es keine Beweise für diesen Vorwurf gab, führte der religiöse Fanatismus gegen den Protestantismus dazu, dass Jean Calas zum Tode verurteilt und am 10. März 1762 öffentlich hingerichtet wurde. Kulturforum Berlin, Gemäldegalerie, Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz/Matthäikirchplatz, 10785 Berlin, Infos unter: www.smb.museum/museen-einrichtungen/kulturforum
Konzert: Manche Kollaborationen entstehen im selben Studio. Duori, das Album von Heith und Tarawangsawelas, entstand über Kontinente hinweg. Seit ihrer Begegnung in der indonesischen Stadt Bandung 2017 entwickeln der italienische Produzent Heith (Daniele Guerrini) und das indonesische Duo Tarawangsawelas (Teguh Permana und Wisnu Ridwana) eine gemeinsame musikalische Idee zwischen Europa und Indonesien. Über Jahre wanderten diese Ideen zwischen den Kontinenten – gespeichert auf Recordern, alten Festplatten und längst deaktivierten Sim-Karten, verändert durch Zeit, Distanz und wiederholtes Weiterreichen. Ihr Ergebnis nennen sie „5th world music in low data mode“. Aus den Klangwelten Westjavas und Heiths fragiler Elektronik, digitalen Bearbeitungen und schattenhaften Texturen entstand eine Musik, die sich, wie die Künstler es formulieren, „bewusst zwischen Traditionen und geografischen Zuschreibungen bewegt“. Melodien, Feldaufnahmen, Stimmen und elektronische Fragmente überlagern sich; Klang wird zum Träger von Beziehungen zwischen Orten, Menschen und Erinnerungen. Ihr Duori-Album präsentieren Heith und Tarawangsawelas am 9. Oktober live in Berlin. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 10178 Berlin, Karten: www.volksbuehne-berlin.de • Martin Rolshausen