Drei Fragen
Wetterwechsel als Metapher
Vom 13. bis zum 29. August findet zum 38. Mal „Tanz im August“ statt. Bereits im vierten Jahrgang ist Ricardo Carmona künstlerischer Leiter.
Herr Carmona, voriges Jahr verglichen Sie das Festival mit einer tektonischen Landschaft, diesmal mit einer Wetterkarte. Einmal mehr also mit natürlichen Phänomenen.
Gesellschaft und Welt verändern sich rapide, der Klimawechsel führt zu Instabilität. Natur und Technologie spiegeln sich auch im Tanz wider, niemand weiß, was als nächstes passieren wird. Das Wetter in seinen ständigen Veränderungen ist zugleich Synonym für die politischen Unwägbarkeiten in unseren komplexen und komplizierten Zeiten. Das ist der Grund für einige sehr politische Stücke im Programm, so zu den Ereignissen in der Ukraine, in Gaza, über ökologische Aspekte und den menschlichen Körper im Verhältnis zu Natur, Wasser, Feuer, Licht und Tieren wie Vögeln und Fledermäusen. Künstler leben nicht isoliert, sie reflektieren das Geschehen um sie herum.
Wie viele Produktionen erwarten uns in den 18 Festivaltagen?
19 an zehn Spielorten, vom gastgebenden Theater Hebbel am Ufer, dem HAU, über das Haus der Berliner Festpiele, das Radialsystem und die Sophiensæle bis zur St.-Elisabeth-Kirche und zum Becken eines Stadtbads. Neben öfter eingeladenen Kompanien stehen wieder in guter Balance neue, hier unbekannte Künstler, damit das Festival frisch bleibt. Gäste aus ganz Europa und etwa Kanada werden dafür sorgen. Dass der „Tanz im August“ außer der finanziell gesicherten Ausgabe im nächsten Jahr auch weiterlaufen wird, sehen wir zuversichtlich.
Auf welche Gastspiele möchten Sie hinweisen?
Im Eröffnungsprojekt „Trapicana“ entwerfen drei internationale Choreografen gemeinsam mit der Malpaso Dance Company aus Kuba eine albtraumhafte Revue um Authentizität und Exotisierung. Das renommierte Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan thematisiert auf poetische Weise den Alltag des Waldes, Regenschauer, Sonnenstrahlen. Bei En-Knap aus Ljubljana schließlich setzen sich zwei ungarische Choreografen witzig mit der Bauhaus-Ästhetik auseinander.
Interview: Volkmar Draeger
Infos unter: www.tanzimaugust.de
Kulturverführung
Ausstellung: Haben Fahrradkurierinnen und Fahrradkuriere etwas mit Kultur zu tun? Ja, zum Beispiel wenn sich Alicja Rogalska mit ihnen beschäftigt. In ihrer aktuellen Ausstellung im Studio der Galerie Nord geht es um die Arbeitsbedingungen der Menschen, die für Internetplattformen von der Pizzabestellung bis zu Dingen, die im Kühlschrank fehlen, schnell nach Hause liefern. „Counterplay“ nennt die Künstlerin die Ausstellung, in der sie die Betroffenen auch mit Ideen zu einer zukünftig besseren Arbeitswelt zu Wort kommen lässt. Alicja Rogalska ist eine polnisch-britische Künstlerin, die sich mit gesellschaftlichen Strukturen und den politischen Bedeutungen des Alltags beschäftigt. Für Ausstellungsräume wie das Studio der Galerie Nord entwickelt sie Performances, Videos und Installationen oft in Zusammenarbeit mit anderen und untersucht dabei mit ihnen „emanzipatorische Zukunftsentwürfe“, wie es die Kuratorin der Ausstellung, Jorgina Stamogianni, formuliert. Alicja Rogalskas Arbeiten wurden zuletzt in der Zachęta National Gallery of Art, auf der Matter of Art Biennale, bei Videobrasil, der Jogja Biennale und bei Urbane Künste Ruhr gezeigt. „Counterplay“ ist bis zum 20. September zu sehen. Der Eintritt ist frei. Galerie Nord, Turmstraße 75, 10551 Berlin, Informationen: www.galerienord.berlin
Konzert: Romanzen und virtuose Werke für Flöte, Klarinette und Gitarre von der Klassik bis zur Romantik präsentieren Susanne Ehrhardt und Karin Leo am 8. August um 16 Uhr. Sie spielen Musik von Mozart, Paganini, Rossini und anderen. Umfangreiche Konzertreisen führten Susanne Ehrhardt in die USA, nach Japan, Australien und durch Europa. 2007 erhielt sie eine Professur für Blockflöte, Klarinette und deren historische Vorläufer und ist zudem als Dozentin für Alte Musik tätig. Karin Leo studierte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und schloss mit dem Solistenabschluss ab. Als Gitarristin ist sie in verschiedenen Kammermusikformationen regelmäßig in Berlin und Brandenburg zu hören. Bode-Museum, Am Kupfergraben, 10117 Berlin, Karten: www.berliner-schlosskonzerte.de
Theater: Ihre leidenschaftliche Liebe zu Franz, mit dem sie Zukunftspläne hat; das veränderte Verhalten der Menschen, die ihr nahestehen; das Leben mit den „Rassegesetzen“; überhaupt die neue Normalität, der Alltag während der Naziherrschaft. Die 19-jährige Susanna beschreibt – zunächst mit überschäumender Lebenslust und Humor – die Geschehnisse um sich herum. Irmgard Keun schrieb den Roman „Nach Mitternacht“ während ihrer Zeit im Exil. Er wurde 1937 in den Niederlanden veröffentlicht. Nun wird die Geschichte in Berlin von Johanna Marie Bourgeois auf der Bühne erzählt – an sieben Abenden zwischen dem 2. August und dem 11. Oktober. Theater am Frankfurter Tor, Karl-Marx-Allee 133, 10243 Berlin, Karten: www.theater-am-frankfurter-tor.de • Martin Rolshausen