Die neu initiierte Reihe „Kunst Am Anger“ von Victor’s Servicewohnen in Dudweiler erlebt ihre Fortsetzung mit einer Ausstellung von Hanne Müller-Scherzinger.
Vor der offiziellen Eröffnung ihrer Ausstellung treffe ich die Künstlerin Hanne Müller-Scherzinger. Sie zeigt eine große Anzahl von Werken, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind. Man könnte meinen, die 77-Jährige lege Wert darauf, die großzügigen Räume für eine umfangreiche Werkschau zu nutzen, aber nein, sie hat anderes vor. Kaum lässt sie mir Zeit, anzukommen, schon fordert sie mich auf, die Kunst zu betrachten. Ein klein wenig wackelig erscheint sie, so legt sie, durch den Flur gehend, die Hand auf meinen Arm, und wir gelangen in einen Raum, in dem kleinformatige Werke zu Gruppen arrangiert sind. Die Bilder ziehen den Betrachter in den Bann. In den Bildern tut sich was, auch wenn es schwerlich in Worte zu fassen ist – das ist die Kunst.
Zahlreiche Ausstellungen
Schnell fällt auf, wie wohlüberlegt die Bilder gehängt sind. Hanne Müller-Scherzinger ist darin geübt, denn sie blickt auf zahlreiche Ausstellungen im Saarland und auf Beteiligungen an überregionalen Ausstellungen zurück. Bei einer Schau im Museum Haus Ludwig in Saarlouis verkaufte sie mehrere Werke, einige hängen heute in Philadelphia. Im virtuellen Raum bei Instagram zeigt sie ebenso ihre Werke und freut sich über die positiven Reaktionen. Die Werkauswahl für die Ausstellung diskutierte Müller-Scherzinger mit ihrem Mann Gerd Müller. Er tüftelt noch an den Seilzügen des Aufhängsystems, um die Höhe der Bilder auszutarieren, und bringt sich ins Gespräch ein. „Ich bin übrigens schuld, dass sie das Kunststudium nicht weitergemacht hat, sondern gearbeitet hat, weil, sie musste mich als Student ernähren“, erzählt er freimütig. Die Eltern von Johanna Elisabeth Scherzinger waren wenig angetan, dass die Tochter sich der Kunst widmen wollte. Also wurde sie Bürokauffrau. Gerd Müller berichtet: „Nachdem ich mit dem Studium fertig war, konnte sie wirklich ihren Neigungen und allem, was mit Kunst zu tun hat, nachgehen.“
In der Malerei erprobte Müller-Scherzinger Unterschiedliches, fand heraus, dass sie sich mit Aquarell nicht langfristig befassen wollte, und eroberte die Keramik, und zwar nicht bei irgendwem, sondern bei einer Künstlerin, die internationales Renommee in dieser Sparte genießt, bei Maria Geszler Garzuly. „Keramik muss man ja auch lernen, man muss ja wissen, wie das geht“, betont Müller-Scherzinger. Besonders die Dreidimensionalität habe sie interessiert. Anfang der Achtzigerjahre richtete sie eine Keramikwerkstatt in Ensdorf ein und bot Kurse an. Als Kunstdozentin und -referentin war Müller-Scherzinger über Jahrzehnte an mehreren Einrichtungen tätig. Die Keramik verfolgt sie heute aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter, aber die Dreidimensionalität bringt sie nach wie vor in ihre Acrylbilder ein, das erreicht sie unter anderem mit Fundstücken, die sie auch von Spaziergängen mitbringt, oder selbst geschöpftem Papier, das sie in ihre Kompositionen einsetzt.
Die Werke haben keine Titel, ganz bewusst
Man darf den Blick ruhen lassen, suchen und finden, was ins Bild collagiert worden ist. Man verspreche sich als Betrachter keinerlei Hinweise durch Titel. Die gibt es nämlich nicht. Das „o. T.“ wirft den Betrachter auf sich zurück. Warum keine Titel? Gibt die Künstlerin dazu Auskunft? „Wo arbeiten sie eigentlich?“, frage ich, „Ihr Atelier, glaube ich, nennen sie nicht Atelier, sondern Werkstatt.“ Müller-Scherzinger antwortet amüsiert: „Ja, das haben Sie richtig verstanden – ein totales Chaos!“ Müller-Scherzinger lädt mich dorthin ein. Farben, Papiere, Leinwände, Fundstücke befänden sich dort, was sich für mich nicht wirklich nach Chaos anhört. Jeden Tag arbeitet Müller-Scherzinger in ihrer Ensdorfer Werkstatt parallel an mehreren Arbeiten – trotz Parkinson. „Also komischerweise merke ich es beim Malen nicht. Das kann ich ganz gut, aber es gibt andere Sachen, die ich nicht mehr machen kann“, beschreibt sie die Situation. „Darf Gerd Müller in die Werkstatt hinein?“, möchte ich wissen. Er müsse öfter einen Kommentar abgeben, da sei seine Frau auch gar nicht böse, wenn er etwas nicht gut finde, erzählt Gerd Müller und gesteht: „Wir streiten uns wegen anderer Dinge, aber nicht wegen der Kunst.“ Interessiert betrachte ich ein Gemälde, auf dem mehrere Figuren in Bewegung, ineinander gefallen oder verschränkt sind. Um was für Figuren handelt es sich? Ich erfahre, dass das Bild im Nachgang eines Italienaufenthaltes entstanden ist, als Müller-Scherzinger dem Palio di Siena beiwohnte. Das Pferderennen wird auf dem zentralen Platz der Stadt, der Piazza del Campo, ausgetragen und findet zwischen den Stadtvierteln, die „Contrade“ genannt werden, statt. Ein hochgefährliches und hochemotionales Ereignis, das jedes Jahr viele Menschen sehen wollen. Künstlerisches Arbeiten ist für Hanne Müller-Scherzinger ein Erkundungsprozess der Biografie, der eigenen Geschichte, oder eines Erlebnisses. Hanne Müller-Scherzinger und ihr Mann Gerd reisen seit Jahrzehnten nach Siena und schlossen dort schon als junges Paar Freundschaften, die bis heute währen. Mit der Toskana-Leidenschaft steckt das Paar auch Freunde im Saarland an, ihr Sohn Florian studierte sogar in Siena. Dessen Haus beherbergt zahlreiche Kunstwerke der Mutter, sozusagen ein Privatmuseum. Müller-Scherzingers Tochter Regine hat für ihr Zuhause Schwarzweiß-Werke der Mutter ausgewählt.
Ich verleite die Künstlerin, Kommentare zu ihren Werken abzugeben: „Waldgeheimnisse, haben Sie gesagt, glaube ich, oder?“ „Baumgeflüster, oder wie auch immer sie das nennen wollen.“ Hanne Müller-Scherzinger bremst: „Ich will es gar nicht nennen, ich nenne es nicht. Ich möchte keine Titel unter die Bilder machen, sondern jeder soll für sich mit mir in Kontakt kommen und mit mir sprechen.“ Titel lenkten die Gedanken, und die könne man sich selber machen, meint die Künstlerin.
Die Laudatorin der Vernissage, Isabella Müller-Jacobs, eine langjährige Freundin von Hanne Müller-Scherzinger und Mitglied der Geschäftsleitung der Victor’s Group, zeigte sich ebenso überrascht über das Fehlen von Titeln. Sie thematisierte in ihrer Ansprache die Leerstelle und lädt uns alle ein: „Erforschen Sie gerne im Dialog mit der Künstlerin ihre Geschichten.“