Der SC Freiburg genießt in der Fußball-Bundesliga immer noch den Ruf des Außenseiters. Doch der Verein ist längst ein Top-Club geworden. Die vergangene Saison brachte noch einmal einen Quantensprung.
Für viele ist und bleibt der SC Freiburg der Inbegriff des sympathischen Underdogs. Das Bild aus den 90ern, als eine vermeintliche Studenten-Truppe mit einem im Strandkorb am Spielfeldrand sitzenden Trainer die Bundesliga rockte, hat sich zwar etwas verändert. Doch für viele ist der SC einfach immer noch der Club ohne Stars, ohne Allüren, der nicht selbstverständlich in der Fußball-Bundesliga mitspielt.
Doch mit dem Abstiegskampf hatten die Freiburger schon sehr lange nichts mehr zu tun. Seit 2008 spielten die Breisgauer nur ein Jahr in der 2. Liga, die kommende Saison ist die elfte in Serie im Oberhaus. In den vergangenen sieben Jahren belegten die Freiburger in der Abschlusstabelle nie einen schlechteren Tabellenplatz als den zehnten. In einer Tabelle der zehn Jahre seit dem letzten Wiederaufstieg belegen sie Rang sieben, vor Clubs wie Mönchengladbach, Wolfsburg, Stuttgart, Bremen, Union Berlin oder Schalke.
Gehobene Mittelklasse
Und auch die aktuellen Zahlen sind Zeugnis eines gehobenen Mittelklasseclubs, wenn nicht gar eines Top-Vereins. Zum vierten Mal in den vergangenen fünf Jahren erreichten die Breisgauer den Europacup, in der Uefa-Clubtabelle belegen sie Rang 26. Direkt hinter Manchester United und vor Vereinen wie Juventus Turin. Die vergangene Saison kann ein wenig als der endgültige Durchbruch des Clubs aus dem ohnehin schon ehrwürdigen Mittelfeld betrachtet werden. Die Liga beendeten die Freiburger als Siebter, im Pokal erreichten sie das Halbfinale und in der Europa League das Endspiel. Ein Quantensprung bei der insgesamt sechsten Teilnahme, nachdem zuvor spätestens im Achtelfinale Schluss gewesen war. Beim 0:3 gegen Aston Villa war das Team von Julian Schuster zwar chancenlos, doch spätestens seit jenem Abend im Mai sollte fast jeder Fußball-Fan in Europa den SC Freiburg kennen.
In der Heimat empfingen 8.000 Fans das Team am nächsten Tag und feierten es, als sei der Titel gewonnen worden. „Es tut gut, euch alle hier zu sehen. Das hilft, den Schmerz zu verarbeiten“, sagte Trainer Julian Schuster: „Wie die Fans auch nach dem 0:3 immer noch hinter uns standen, das ist das Gesicht, das ich von diesem Verein kennenlernen durfte.“ Und Kapitän Christian Günter ergänzte: „In ein paar Tagen werden wir das alles realisieren. Das wird uns in Erinnerung bleiben. Dass wir heute hier stehen und auf so eine Entwicklung zurückblicken können, macht uns unglaublich stolz.“ Offensivspieler Vincenzo Grifo schwärmte: „Was diese Mannschaft auf den Platz gebracht hat, was für eine Entwicklung wir gegangen sind, ist unglaublich.“
Das Besondere: In Freiburg war es wirklich eine Entwicklung. Der Club und die Mannschaft sind Stück für Stück gewachsen. Die Konstanz, die alle immer predigen und erreichen wollen – Freiburg lebt sie. Und lebt sie den anderen vor.
Nur fünf Trainer seit 35 Jahren
In den 35 Jahren seit 1991 hat der Verein den gerade mal fünften Trainer. Nur einer der vorherigen vier wurde entlassen. Zum Vergleich: Schalke hatte in diesem Zeitraum 36 verschiedene Trainer. Volker Finke hatte den Club, der in der 2. Liga als graue Maus galt und in Freiburg stets mit dem FC um die Vorrangstellung in der Stadt rang, mit seinen modernen Methoden erstmals in die Bundesliga geführt und blieb insgesamt 16 Jahre. Sein Nachfolger Robin Dutt blieb vier Jahre, ging dann nach Leverkusen. Nachdem Marcus Sorg, der später als Assistent von Joachim Löw Weltmeister wurde, nach einem halben Jahr beurlaubt wurde, prägte Christian Streich mit fast 13 Jahren eine zweite riesige Ära. Wie Finke schafft er es dabei, den Verein auch in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu verankern.
Als Streich im Sommer 2024 Schluss machte, musste sich der SC gar nicht erst auf die Suche machen. Im Club befanden sich mit Schuster und Thomas Stamm gleich zwei Trainer, von denen man wusste, dass sie das Erbe gut weiterführen würden. Man entschied sich für Schuster, der zeigte, dass er sicher nicht die falsche Wahl war. Während Stamm Dynamo Dresden übernahm, in die 2. Liga und dort zum Klassenerhalt führte und zeigte, dass er sicher auch geeignet gewesen wäre.
Auch die sportliche Leitung steht für Konstanz pur. Und für Freiburg pur. Sportvorstand Jochen Saier (48) ist in Lahr unweit von Freiburg geboren. Er kam vor 24 Jahren während seines Studiums als Mitarbeiter zum SC, wurde ein Jahr später Nachwuchsleiter, 2013 Sportdirektor und 2014 zum Sportvorstand befördert. Sportdirektor Klemens Hartenbach (61) ist sogar gebürtiger Freiburger, spielte von 1986 bis 1990 als Torhüter für den Club und wurde 2001 Nachwuchstrainer. Als Assistent von Streich trainierte er die U19 und wurde mit dieser mehrfach DFB-Pokalsieger und Deutscher Meister. 2008 stieg er zum Scouting-Leiter auf, 2013 gemeinsam mit Saier zum Sportdirektor. Oliver Leki ist seit 2013 Finanzvorstand.
Gerüst steht seit Jahren
Hartenbach und Streich waren sogar WG-Genossen. „Wir haben mit zwei anderen Jungs, die nichts mit Fußball zu tun hatten, in einer richtigen WG gewohnt“, erzählte er mal bei DAZN: „Die Beatles und Stones liefen, es wurde gekocht. Mein Faible fürs Kochen, mein Musikgeschmack, das ist alles in dieser Zeit entstanden.“ Die Freundschaft, auch zu Saier, blieb über das Arbeitsverhältnis hinweg immer eng. „Es steht jetzt nicht jedes Mal, wenn wir reden, eine Flasche Wein in der Mitte. Das sind klare Abläufe“, sagte Hartenbach: „Aber man kennt sich schon so lange. Da werden keine Spielchen gespielt. Keiner versucht, seine Position durch eine Hintertür zu stärken, das gibt es bei uns nicht. Natürlich vertritt jeder seine Meinung, das wird diskutiert, aber ohne Schnickschnack. Und immer im Dienste des Vereins.“ Und kurioserweise hätte es bei ihnen dreien trotz der erfolgreichen Arbeit kaum jemand versucht, sie abzuwerben. „Natürlich habe auch ich Kontakte nach außen, Freiburg ist keine Blase. Aber ich glaube, dadurch, dass wir drei so gut und eng zusammenarbeiten, denken viele gar nicht erst daran, bei einem von uns nachzufragen“, sagte Hartenbach: „Weil sie wissen, die machen ihr Ding da unten in Freiburg, von denen bricht keiner aus. Unsere Arbeit wird von Fachleuten geschätzt, das merke ich. Aber wir sind so eng zusammen, da probiert es eigentlich keiner. So kann es auch gerne bleiben.“ Dass das System Freiburg funktioniert, zeigt dann eben der geräuschlose Übergang von Streich zu Schuster, dem statt des mancherorts befürchteten Einbruchs eine noch erfolgreichere Phase folgte. Auch weil das Gerüst der Mannschaft seit Jahren steht, viele Spieler extrem treu sind. Kapitän Günter spielt seit 14 Jahren ununterbrochen beim SC, Lukas Kübler seit elf, Luca Höler und Philipp Lienhart seit acht. Vincenzo Grifo und Weltmeister Matthias Ginter kehrten einst zurück. Grifo bringt es inzwischen auf insgesamt acht Jahre und ist Rekordtorschütze. Der gebürtige Freiburger Ginter trug inklusive der Jugendzeit schon 13 Jahre das SC-Trikot.
Doch gerade weil der Verein sich immer treu geblieben ist, kommt nun die vielleicht spannendste und schwierigste Phase auf den SC zu. Denn nicht nur das Erreichen des Europacup-Finals war ein Quantensprung, auch die Spieler sind dadurch in ein ganz anderes Fenster gerückt. Auch wenn Bundestrainer Julian Nagelsmann bei der WM auf Freiburger verzichtete, was in den Fällen von Noah Atubolu oder Ginter viele nicht verstanden. Spannend wird, ob es bei Nagelsmanns Nachfolger Jürgen Klopp anders wird, zum Beispiel gilt auch Rechtsverteidiger Philipp Treu als Kandidat. Und mit dem Erfolg und der Aufmerksamkeit steigen auch die Ansprüche, die Begehrlichkeiten und die Summen, über die gesprochen wird. Bis zum vergangenen Sommer hatte es mit Ritsu Doan 2022 nur einen Zehn-Millionen-Transfer gegeben.
Mit dem Japaner Yuito Suzuki folgte 2025 ein weiterer, in diesem Sommer mit dessen Landsmann Keisuke Goto ein dritter und dann wurde der Bremer Torhüter Mio Backhaus mit zwölf Millionen zum Rekord-Transfer. Auf der Gegenseite explodierten die Ablösesummen sogar. Der Schweizer WM-Teilnehmer Johan Manzambi ging für unglaubliche 63 Millionen zum Final-Gegner Aston Villa, zudem spülte die vorher vereinbarte Kaufpflicht des FC Everton für Eigengewächs Merlin Röhl 25 Millionen in die Vereinskassen. „Freiburg wächst an die Grenze“, schrieb der „kicker“.
„Die Saison 2025/26 war der bisherige Höhepunkt einer großartigen Gesamtentwicklung, die uns die wenigsten zugetraut haben. Wir blicken auf sehr erfolgreiche zehn Jahre und herausragende fünf Jahre zurück, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich“, sagte Finanzvorstand Leki dem Fachblatt. Mit fast 200 Millionen Euro Eigenkapital habe man nun „ein hohes Maß an Handlungsfreiheit auf dem Transfermarkt“.
Das Selbstbild des Vereins hat sich aber nicht groß geändert, versicherte Saier. „Es wirkt mir in der Rückschau etwas despektierlich, wenn es von außen heißt, die haben sich immer kleiner gemacht, als sie sind“, sagte er: „Man muss ja mit Realitäten arbeiten und schauen, wo wir herkamen. Letztlich haben wir uns einfach nicht größer gemacht, als wir waren. Diesen realistischen Blick auf die Gesamtsituation haben wir uns bis heute bewahrt.“