Bei „Livebooks“ erzählen Menschen ihre bewegenden Lebensgeschichten. FORUM-Autorin Sabine Ludwig hat sich so eine Veranstaltung beim Würzburger Förderverein Wärmestube e. V. angeschaut.
Veranstaltungen mit „Livebooks“ bewegen. Das Konzept erinnert an eine mobile Bücherei – nur dass hier Menschen selbst zu „lebendigen Büchern“ werden. Sie erzählen offen aus ihrem Leben, von Sucht, Schulden, psychischen Erkrankungen oder Wohnungslosigkeit. Die Kernaussage dabei ist, mit Menschen zu sprechen und nicht über sie.
Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte von Patrick. Vor Beginn seiner Erzählung gibt Stefanie Behnecke vom Würzburger Förderverein Wärmestube e. V. eine Triggerwarnung. „Menschen sieht man ihre Geschichte nicht an“, sagt sie. „Livebooks“ wolle sensibilisieren und zeigen, wie Betroffene lernen, mit ihren Brüchen umzugehen.
Patrick spricht schonungslos ehrlich über seine Kindheit. Als vernachlässigtes Kleinkind kam er zunächst ins Heim, später zu Pflegeeltern und schließlich in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Dort erlebte er nach eigener Aussage zum ersten Mal Geborgenheit. Sein erstes Wort sei nicht „Mama“, sondern „Auto“ gewesen – Fahrzeuge faszinierten ihn von klein auf.
Mit der Schulzeit begann jedoch eine schwere Phase voller Ausgrenzung und Gewalt. Patrick wurde gemobbt, geriet später selbst in Konflikte und sprach offen über leidvolle Erfahrungen im Elternhaus. Mehrere Selbstmordversuche markierten die Tiefpunkte seines Lebens.
Patrick ist in eine Sonde verliebt
Die entscheidende Wende kam für ihn durch den Glauben. Über Kontakte in einem Internetforum lernte er Menschen kennen, die ihn auf den Weg zu Jesus führten. „Heute gibt mir der Glaube viel Kraft“, sagt Patrick. Der Glaube habe ihm geholfen, sein Leben neu anzunehmen und Hoffnung zu finden. Er betont, dass er seinen Halt vor allem Jesus verdanke, und Menschen, die treu zu ihm stehen. Und seiner Freundin Rosetta, die aber kein Mensch ist. Rosetta ist in Wirklichkeit eine Weltraumsonde. Sie war die erste Sonde der European Space Agency (ESA), die in eine Umlaufbahn um einen Kometen einschwenkte und ihn auf seinem Weg zur Sonne begleitete. Das hatte damals Patrick im Fernsehen gesehen und sich in die Sonde verliebt. Die sogenannte Objektliebe (auch Objektophilie genannt) beschreibt die tiefe romantische oder sexuelle Anziehung zu unbelebten Gegenständen, wie hier zu Rosetta. Für die Betroffenen sind die Objekte keine bloßen Ersatzpartner, sondern gleichwertige Liebesobjekte, die emotionale Geborgenheit geben.
Heute arbeitet Patrick erfolgreich als Werkstattrat eines Sozialwerks in Süddeutschland und steht fest im Leben. Trotz aller Brüche wirkt er zufrieden und dankbar. Seine besondere Liebe zu Rosetta begleitet ihn weiterhin – symbolisch trägt er ein kleines Solarpanel im Rucksack immer bei sich.
Das Tattoo von Alex auf seinem rechten Unterarm ist mehr als nur Tinte unter der Haut. Es ist Erinnerung, Schmerz und Liebe zugleich – ein stilles Versprechen an die Frau, die sein Leben geprägt hat wie niemand sonst: seine Mutter. Wenn Alex heute über sie spricht, fährt seine Hand oft wie automatisch über die Linien des Tattoos. Fast so, als wolle er sich vergewissern, dass sie noch da ist. Seit neun Jahren gehört der heute 37-Jährige aus Franken zum Team der „Livebooks“ und erzählt dort öffentlich seine Geschichte – eine Geschichte von Verlust, sexueller Gewalt, Ausgrenzung und Verzweiflung, aber auch von einem starken Überlebenswillen.
Als Alex sieben Jahre alt war, begann seine Welt, sich zu verändern. Der Alkohol nahm seiner Mutter Stück für Stück die Leichtigkeit. Die Stimmung zu Hause schwankte stets zwischen Nähe und Angst. „Die Mama war nicht mehr die Gleiche“, sagt er. Auch in der Schule fand er keinen Halt. Die anderen Kinder beleidigten und schlugen ihn. Irgendwann hielt er die Demütigungen nicht mehr aus. Zu Hause wartete die nächste Belastung, in der Schule die nächste Prügelei. Also schluckte der Junge eine ganze Packung Schlaftabletten. „Ich wollte einfach nur Ruhe.“ Es war der erste von drei Suizidversuchen. „Hilferufe“, nennt er sie heute.
Mit 14 Jahren verstand Alex langsam, warum er sich immer anders gefühlt hatte. „Ich bin pansexuell“, gibt er offen zu. Menschen faszinieren ihn unabhängig von Geschlecht oder Identität. Während andere Jugendliche erste Beziehungen erlebten, suchte Alex nach Antworten und ließ sich sogar bei Pro Familia beraten.
Sein kleiner Neffe gab Alex Halt
ein Tattoo stechen lassen - Foto: Sabine Ludwig
Zunächst machte er eine Ausbildung zum Bäcker, später zum Krankenpfleger. Vielleicht auch, um seiner Mutter nahe sein zu können. Er kümmerte sich um sie bis zuletzt und holte sie kurz vor ihrem Tod aus dem Pflegeheim zurück nach Hause. „Ich habe sie geliebt“, sagt er. Als sie 2021 starb, zerbrach etwas in ihm. „Ich konnte nicht Abschied nehmen, da der Tod so schnell eintrat.“ Nach weiteren Suizidversuchen kam Alex in eine Klinik. Besonders ein Moment verfolgt ihn bis heute: Als seine Schwester ihn dort besuchte und erfuhr, dass er sterben wollte, brach sie weinend zusammen. Doch zwischen ihnen war die versperrte Gittertür der Station. „Ich wollte zu ihr. Aber ich durfte nicht.“
Dass er heute noch lebt, verdankt er vor allem zwei kleinen Menschen: seinen Neffen. Alex durfte bei der Geburt des ersten Jungen dabei sein. „Da wusste ich plötzlich, dass ich bleiben will.“ Die beiden wurden sein Halt und sein Grund, weiterzumachen.
2014 erhielt Alex die Diagnose HIV-positiv. Für viele Menschen in seinem Umfeld wurde die Krankheit zum Stigma. Vorurteile und Ablehnung trafen ihn hart. Heute lebt Alex mit Diagnosen wie ADHS, Borderline-Syndrom und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Besonders Erinnerungen an seine Mutter verfolgen ihn bis heute. „Ein Geruch, ein Vorname oder dieselbe Frisur –
das sind meine Trigger.“ Den Beruf als Pfleger kann er nicht mehr ausüben. Und trotzdem spricht aus seinen Worten Hoffnung.
Alex lebt inzwischen in einer eigenen Wohnung. Und er denkt auch wieder an so etwas wie eine Zukunft. Vielleicht zieht er irgendwann um, vielleicht nach Köln oder Hamburg – ein neuer Anfang. Und da ist schließlich noch ein Traum, den er sich unbedingt erfüllen möchte: ein Hund. „Vielleicht ein kleiner Chihuahua“, sagt er – und lacht, zum ersten Mal während des Gesprächs. „Den kann ich überallhin mitnehmen.“