Wenn Motorsportteams der bekanntesten Rennserien quer durch Europa rollen, ist ein Familienunternehmen aus dem saarländischen Homburg mit seinen Trailern ganz häufig mit dabei. Seit einiger Zeit schickt sich „A6 Jung“ zudem an, den amerikanischen Markt zu erobern.
Wer an Motorsport denkt, der denkt an die Formel 1, die DTM, Langstreckenrennen, an die Rallye Dakar, unzählige Markenserien, vielleicht an Indycar und Nascar. Wer an Motorsport denkt, der denkt an schnelle Boliden, gewagte Überholmanöver, an Tausendstel, die über Sieg und Niederlage entscheiden, über Sekt oder Selters. Wer an Motorsport denkt, der denkt an Klassiker wie Monaco, Le Mans, die Nordschleife auf dem Nürburgring, an Daytona Beach. Wer an Motorsport denkt, der denkt an vieles. Doch Hand aufs Herz: Das beschauliche Städtchen Homburg im östlichen Teil des Saarlandes würde wohl den Wenigsten in den Sinn kommen.
Elf Gewerke unter einem Dach
Und doch hat hier ein Unternehmen seinen Firmensitz, das sich mittlerweile zu einem wichtigen Player im europäischen Motorsport und darüber hinaus entwickelt hat – und gerade dabei ist, auch den US-Markt für sich zu erobern. Die Rede ist von der A6 Jung. Im vergangenen Sommer feierte das Traditionsunternehmen seinen 100. Geburtstag. Was einst mit land- und forstwirtschaftlichen Fahrzeugen begann, wurde im Laufe der Zeit zu Transportfahrzeugen aller Art. Axel Jung, der das Unternehmen in dritter Generation führt, und Dennis Urgatz, der zweite geschäftsführende Gesellschafter in vierter Generation, kokettieren gerne damit, „dass wir schon immer schwere Jungs waren und eine Leidenschaft für Laster haben“.
Heute steht das Unternehmen auf mehreren Standbeinen. Eines davon ist der Nutzfahrzeug-Service für Lkw, Transporter, Vans und Anhänger aller Arten. Ob kleine Verkaufsanhänger, kleine Transporterlösungen, Feuerwehrfahrzeuge, Baustellenfahrzeuge, Busse, Transportfahrzeuge für Lebensmittel, Speditionsfahrzeuge oder schwere Fahrzeuge der Bundeswehr oder der US-Army und der Air Force – das Unternehmen ist nach Aussage Jungs eines der wenigen, das seinen Kunden eine Ein-Stopp-Strategie anbieten kann. Das bedeutet, dass hier vor Ort alles gemacht werden kann: von der einfachen Inspektion, also der Kfz-Mechanik, über Unfallschäden, Beschädigungen an der Karosserie, Lackierarbeiten bis hin zur Instandsetzung von Glas und Reifen. In den Reparaturwerkstätten und beim Gang übers Firmengelände entdeckt man eine gewaltige Anzahl der unterschiedlichsten oben genannten Fahrzeuge.
Ein weiteres Standbein ist der Karosserie- und Fahrzeugbau. Hier liegt der eigentliche Ursprung der Firma. Ob Koffer- oder Pritschenaufbauten, alle Arten von Anhängern, von Sattelzügen bis hin zu Pferde- oder Promotion-Shuttles mit ausfahrbaren Seitenteilen, sogenannten Slide-Outs – auf dem Firmengelände in Homburg entstehen nach Kundenwunsch komplett individualisierte Lösungen, vom ersten Stück Blech bis zum fertigen Trailer. Elf verschiedene Gewerke unter einem Dach – vom Metallbauer über Elektriker bis zum Schreiner und Lackierer entsteht alles aus einer Hand. Doch wo ist die Verbindung zum Motorsport? „Wir haben seit vielen Jahren einen Reparaturkunden, den mehrmaligen Weltmeister und Le-Mans-Sieger Timo Bernhard“, erklärt Axel Jung. „Irgendwann hat er mich gefragt, ob wir einen sogenannten Race Trailer für ihn bauen könnten. Wir haben uns zusammengesetzt, darüber gesprochen, was solch ein Trailer können sollte, und haben losgelegt.“ Jungs Interesse war geweckt – insbesondere nach einem Besuch am Hockenheimring. Und nicht nur seines, auch das von Dennis Urgatz, Jungs Schwiegersohn und zweiter geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. „Dann haben wir die wegweisende Entscheidung getroffen, in diesen Markt reingehen zu wollen. Mit einem eigenen Produkt, eigenen Ideen und eigenem Design“, erklären beide weiter. „Anschließend haben wir die Fahrerlager in Europa abgetingelt wie ein Vorwerk-Staubsauger-Verkäufer und haben Akquise betrieben. Und wir haben fünf Teams gefunden, die bereit waren, unsere Trailer vom Papier weg zu kaufen. Also haben wir diese fünf Trailer gebaut, und ab diesem Zeitpunkt war die Geschichte nicht mehr aufzuhalten.“
Inzwischen gehört A6 Jung nach eigenen Angaben zu den vier High-End-Herstellern der Branche, die es in Deutschland gibt und die auch in Europa zur Spitze zählen, von denen aber nur A6 Jung in den USA Fuß gefasst hat. Dabei sind die Anforderungen der Kunden an den Auflieger ganz unterschiedlich, wie Dennis Urgatz erklärt: „Ein Kunde ist etwa ein Luxusspediteur, der beispielsweise sechs Koenigsegg (exklusive Luxussportwagen; Anm. d. Red.) transportieren möchte. Ein anderer möchte zwei Rennwagen transportieren, wieder ein anderer drei oder vier. Wieder ein anderer hätte gerne etwas zum Transport von Gokarts. Wir können uns ganz individuell an die Wünsche unserer Kunden anpassen.“
Wünschen sind kaum Grenzen gesetzt
Wählen können die Kunden demnach aus fünf verschiedenen Grundmodellen, die alle weiter diversifiziert werden können. „Wir sind ja Fahrzeugbauer, und solange das Ganze statisch machbar und mit der Straßenverkehrsordnung vereinbar ist, bestimmt nur das Budget den Spielraum“, betont Urgatz. Alles andere ist machbar. In Homburg entstehen aber nicht nur reine Transport-Trailer für Fahrzeuge, sondern ganze Motor Homes – mit Fahrerlounge, Konferenzraum, Computer-Arbeitsplätzen für Renningenieure, um während der Trainingssessions und während der Rennen in Echtzeit Telemetriedaten überwachen zu können, und vieles mehr.
„Die Challenge besteht darin, die Transportaufgaben und die Fahrerlager-Aufgaben der Trailer miteinander zu kombinieren“, ergänzt Jung. „Unsere Kunden möchten kein Transportvolumen verlieren, sich aber im Fahrerlager mit einem hochprofessionellen Innenausbau, der technisch und architektonisch höchsten Ansprüchen genügt, präsentieren.“
Kein noch so ausgefallener Kundenwunsch ist unmöglich, denn im Gegensatz zu Wohnmobilen beispielsweise, bei denen die Hersteller stets mit Gewichtsproblemen zu kämpfen haben und möglichst leichte Materialien wie Kunststoff oder Sperrholz verbauen müssen, ist im Schwerfahrzeugbau weitaus mehr möglich. Da darf es auch mal die Granitarbeitsplatte sein oder die Marmorrückwand in der eingebauten Dusche. Oder die allerfeinste Technik, die der Markt zu bieten hat.
Entsprechend gibt es auch finanziell nach oben kaum Grenzen. Ein einfacher Race Trailer startet heute bei etwa 300.000 Euro, der teuerste Trailer aus dem Hause A6 Jung liegt derzeit bei etwa zwei Millionen Euro.
Etwa 7.000 Arbeitsstunden stecken in diesem Trailer der Superlative. Aber auch das dürfte nach Angaben von Axel Jung nur eine Momentaufnahme sein, denn mit jedem neuen Superlativ kommen Kunden, die das auch so wollen – oder immer noch ein wenig mehr.
Irgendwann kommen hier alle vorbei
Flaggschiff des Unternehmens ist derzeit das 17 Meter lange sogenannte Sky Shuttle, das seit Herbst 2025 als Traum in Schwarz erstmals in den USA eingesetzt wird. Ein Trailer der Superlative, der sich vor Ort in ein 70 Quadratmeter großes, zweistöckiges Zentrum für Analyse, Wartung und Strategie verwandeln lässt. Das Untergeschoss bietet Platz für Werkzeuge, Equipment und Fahrerlounge, im ausfahrbaren Obergeschoss gibt es 24 vernetzte Arbeitsplätze für die Renningenieure, 58 EDV- und TV-Bildschirme sowie einen Besprechungsraum. Das Fahrzeug ist dank eines Generators, der drei Einfamilienhäuser mit Strom versorgen könnte, vollkommen autark.
Nach Jungs Aussage ist es der größte Race Trailer, der je gebaut wurde. Im Herbst vergangenen Jahres wurde er an Wayne Taylor Racing in die USA geliefert. Er ist einer von sieben Trailern, die A6 Jung bereits für den US-Markt gefertigt hat, vier weitere entstehen gerade. Tendenz steigend, denn auch dort hat sich das Unternehmen sehr schnell einen Namen gemacht und sich – trotz des amerikanischen Patriotismus – gegen die lokale Konkurrenz durchgesetzt. Das Homburger Unternehmen hat vor einiger Zeit ganz bewusst den Sprung über den großen Teich gewagt, um sich noch breiter als bislang schon aufzustellen. Zwar kommt da die unstete Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump zur Unzeit, doch Jungs Maxime ist es stets gewesen: „Jammern hilft nicht“, wie er betont. Also hat man sich den neuen Gegebenheiten angepasst, sich mit den amerikanischen Partnern zusammengesetzt und Lösungen erarbeitet, mit denen beide Seiten leben können. Entsprechend baut A6 Jung heute Spitzenprodukte auf gleich zwei Plattformen – nach amerikanischen und europäischen Maßen.
In Europa ist A6 Jung längst in allen wichtigen Rennserien vertreten. Wer mit offenen Augen durchs Fahrerlager der Formel 1 schreitet, wird auch dort Trailer des Homburger Unternehmens entdecken. Das Unternehmen ist allerdings zu Stillschweigen verpflichtet, um welche Teams es sich handelt. Verträge in und mit der Formel 1 sind naturgemäß sehr restriktiv.
Und auch wenn – wie eingangs erwähnt – beim Stichwort Motorsport die Wenigsten an Homburg denken würden, hat das kleine Städtchen in der saarländischen Provinz einen Standortvorteil, den ebenfalls kaum jemand auf dem Schirm hat. „Ohne dass mein Großvater das hätte ahnen können, haben wir uns natürlich perfekt positioniert. Wir liegen in einem Bermudadreieck von Spa im Westen, Nürburgring im Norden und Hockenheim im Osten. Und alle Motorsportteams kommen irgendwann in der Saison hier vorbei. Das ist dann der ideale Zeitpunkt, auch um hier einen Service-Stopp zu machen“, erklärt Axel Jung und lächelt. „Irgendwann müssen sie alle quer durch Europa, entweder von Ungarn nach Spanien oder von Spanien nach Holland oder egal wie.“
Wie gut, dass man da in Homburg neben dem Fahrzeugbau auch einen Rundum-Service unter einem Dach bieten kann.