Die „Radical Anti Smartphone Front“ versteht sich als „künstlerische Intervention“ für mehr echtes Leben und weniger Social Media.
Zu sagen, dass Benno Flügel eben jung und die Sache mit dem Manifest eine Partylaune war, wäre zu einfach. Ja, sagt er, „wir waren damals noch Studenten und haben gemerkt, dass auf Partys alle nur noch auf ihr Handy schauen, anstatt sich zu unterhalten“. Die Feststellung war: „Die Welt ist im Wandel. Die digitalen Medien verändern unser Leben so stark wie keine andere Innovation im vergangenen Jahrhundert. Vor allem das Smartphone ist in die entlegensten Winkel unseres Lebens vorgedrungen und hat unseren Alltag in vielen Bereichen auf den Kopf gestellt.“
Mit diesen Worten beginnt das RASF-Manifest. Die Abkürzung steht für „Radical Anti Smartphone Front“. Benno Flügel hat es vor zehn Jahren mit Freunden geschrieben. Es ging darum, sich kritisch auseinanderzusetzen mit diesem Ding, das nicht mehr nur zum Telefonieren da war – und mit der Welt, zu der Smartphones Zugang verschafften: der Social-Media-Welt, in der sich immer mehr Menschen zu verlieren scheinen. Und aus der Party-Erfahrung heraus stellte sich die ganz konkrete Frage: Wem schenke ich Aufmerksamkeit?
Und es sei schon paradox: Das Internet schaffe Zugang zu einem enormen Wissen, aber anstatt es zu nutzen, liefen Menschen Heilsbringern hinterher, die mit vermeintlich einfachen Antworten die Welt erklärten und den Anspruch erhoben, sie zu führen. „So können wir heutzutage problemlos zu entlegenen Orten navigieren, über Suchmaschinen auf das gesammelte Weltwissen zugreifen und in sozialen Netzwerken Kontakte zu unseren Bekannten pflegen, selbst wenn sie auf der anderen Seite des Planeten leben. Und auch für die Zukunft bleibt die Vernetzung der Welt der Ursprung des technischen Fortschritts und kein Problem scheint groß genug, als dass es nicht durch die neuen Propheten aus dem Silicon Valley gelöst werden könnte“, formulierten Benno Flügel es 2016 in ihrem Manifest.
Manifest verneint die Parallelkommunikation
Und sie stellten Fragen: „Steigert das Ansehen von Katzenvideos beim gemeinsamen Restaurantbesuch mit der Familie wirklich unsere Lebensqualität? Gehört man zur gesellschaftlichen Avantgarde, wenn man in sozialen Netzwerken die Illusion eines glücklichen und erfüllten Lebens inszenieren kann, obwohl sich dahinter nur ein wackliges Gerüst aus Lügen und Selbsttäuschung verbirgt? Wird unsere Gesellschaft zu einem lebenswerteren Ort, wenn unsere Öffentlichkeit sich immer weiter in einzelne Fragmente zersplittert, bis sich jeder Mensch in seiner personalisierten digitalen Blase bequem eingenistet hat und für die Probleme und Anliegen andersdenkender Menschen nicht mehr erreichbar ist?“
Die „Radical Anti Smartphone Front“ beantwortete die Frage mit Nein. „Nein zur Parallelkommunikation mit Abwesenden im Beisein anderer, nein zur Selbstdarstellung des eigenen Narzissmus und nein zum anhaltenden Auseinanderdriften unserer Gesellschaft!“ Das war, bevor Donald Trump zum ersten Mal US-Präsident wurde, und erst der Beginn der Zeit, in der überall auf der Welt rechtsextreme Parteien Social Media für sich nutzten. Als die RASF begonnen hat, auf diese Entwicklungen hinzuweisen, habe es oft geheißen: „Ihr solltet nicht so fortschrittsfeindlich sein.“ „Heute höre ich öfter, dass ich recht habe“, sagt Benno Flügel.
Er ist inzwischen der letzte übrig gebliebene Aktivist der RASF. Benno Flügel ist Ökonom, hat vier Bücher geschrieben, will aber als Künstler weiter seinen „kleinen Beitrag dazu leisten, Menschen zu inspirieren und zum Nachdenken anzuregen“, auch wenn sich das manchmal wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlt, wie er sagt. Die RASF sieht er dabei als eine „künstlerische Intervention“.
Die sieht so aus: Wann immer er Zeit hat, zieht Benno Flügel durch Berlin und klebt Zettel an Laternenpfosten. Die Aussagen sind dieselben, die er und seine Freunde vor zehn Jahren in ihrem Manifest formuliert haben: „Ficken statt Facebook! Lieben statt liken! Tanzen statt Twittern!“ Und auch sonst, sagt er, habe das Manifest auch ein Jahrzehnt nach seiner Entstehung nichts an Aktualität eingebüßt. „Wichtiger als eine Horde Abonnenten auf Facebook sind eine Handvoll Freunde, mit denen wir lachen, weinen und über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens reden können“, lautete bereits damals eine Erkenntnis.
Klar, es sei gut, dass man mithilfe von Whatsapp, Facebook, Instagram und anderen Medien auch mit Freunden in aller Welt in engem Kontakt bleiben kann, aber dabei bleibe es eben nicht. „Egal ob das Checken von Whatsapp-Nachrichten, Fußballergebnissen, aktuellen Modetrends oder den neuesten Verschwörungstheorien, es gibt immer etwas, das unsere Aufmerksamkeit beansprucht. Sobald wir nur mit dem kleinsten Anflug von Langeweile konfrontiert sind, greifen wir routiniert in die Hosentasche und lesen etwas nach, das wir nach fünf Minuten wieder vergessen haben. Dadurch verfolgen wir das Leben anderer passiv aus der Zuschauerrolle, anstatt aktiv zu werden und die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen“, heißt es im Manifest.
Das Leben werde „durch die sozialen Netzwerke schleichend zu einem Schaufenster degradiert“ – man lebe nicht einfach, man giere nach Likes, nach „Daumen hoch“ für das, was man von seinem Leben zeigt oder auch einfach simuliert. Dinge, die auf den Social-Media-Profilen passieren, definieren für viele Menschen inzwischen den „sozialen Status, bestimmen unser Wohlbefinden und entwickeln sich in manchen Fällen sogar zur Sucht“, warnte die RASF vor zehn Jahren. Und spottete: „So bekommen nicht wenige von uns bereits schwitzige Hände, sobald der Akku des eigenen Smartphones zu Neige geht und kein Ladegerät in Sicht ist.“
Auch diese Analyse klingt erschreckend aktuell: „Diese medialen Echokammern führen darüber hinaus zu einer sinkenden Toleranz gegenüber anderen Meinungen und somit auch zu einer erhöhten Aggressivität in der politischen Auseinandersetzung. Diese Tatsache lässt sich vor allem anhand der inflationären Verwendung des Begriffs ,Lügenpresse‘ beobachten, denn für viele Menschen mit rechter Gesinnung deckt sich die Berichterstattung der sogenannten Mainstream-Medien nicht mehr mit der virtuellen Realität in den sozialen Netzwerken. Wer gegen die Aufnahme von Geflüchteten ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine hohe Zahl von Menschen in seinem Facebook-Stream sehen, die sich ebenfalls gegen die Aufnahme von Geflüchteten aussprechen. Die Berichte über die positiven Beispiele von Integration können also nur Propagandamaßnahmen der Regierung sein.“
„Ein Instrument in einem großen Orchester“
Der Name „Radical Anti Smartphone Front“ sei gewählt worden, um Aufmerksamkeit zu erzielen, versichert Benno Flügel. Es sei nie darum gegangen, „Smartphone unverzüglich dem Feuer hinzugeben oder einen Terroranschlag auf den nächstgelegenen Apple-Store zur verüben“. Radikal sei es aus Sicht des Freundeskreises damals gewesen, „nicht bereit zu sein, eine Entwicklung hinzunehmen, die weithin als alternativlos angesehen und nur unzureichend hinterfragt wird“. Im Manifest heißt es dazu: „Ein Mensch, der in den 1980ern ins Koma gefallen wäre und heute wieder aufwachen würde, könnte denken, es sei eine Seuche ausgebrochen, die unsere Öffentlichkeit bis in den letzten Winkel infiziert hat, da überall und an jeder Ecke Menschen nur noch in ihren elektronischen Spiegel starren. Wir wollen stattdessen Smartphones zu dem machen, was sie eigentlich sind: Ein nützliches Hilfsmittel zur Bewältigung des Alltags, mit dem wir Zeit sparen und nicht verschwenden.“
Klar, sagt Benno Flügel, er könne mit der RASF nicht wirklich viel erreichen, aber sie sei „ein Instrument in einem großen Orchester“, zu dem viele kleine Initiativen gehören, aber eben auch die große Europäische Union, die sich zum Beispiel mit dem Social-Media-Suchtfaktor auseinandersetzt und versucht, den großen Tech-Konzernen Grenzen zu setzen. Benno Flügel ist inzwischen 35 Jahre alt und er wirkt auch nicht wie ein Partylöwe – aber wenn er sieht, wie rasant sich die digitale Welt ausgebreitet hat, kann er offenbar nicht anders, als weiterhin „künstlerisch zu intervenieren“.