Es ist eine fantastische Geschichte: Ein Niederländer stellt in Berlin eine Limo her, die in einem sowjetischen Labor entwickelt wurde. 2009 wurde so in Berlin Wostok geboren.
Werbeleute erzählen gern Geschichten, um Produkte interessanter zu machen. Joris van Velzen ist ein Werbemann. Diese Geschichte, versichert er und kann das auch belegen, ist allerdings wahr – so unglaublich sie auch klingt: 1972 schaffte es Pepsi, seine Cola in der Sowjetunion auf den Markt zu bringen. Das Konzentrat wurde aus den USA geliefert, in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken mit Wasser gemischt und in Flaschen abgefüllt. Das Ganze war wohl Teil eines Deals, der Sowjet-Wodka auf den US-amerikanischen Markt brachte.
Eine imperialistische Brause, die bei den Menschen in Moskau womöglich auch noch gut ankommt? Das habe das Politbüro trotz des Deals nicht begeistert, sagt Joris van Velzen und erzählt: „Forscher eines wissenschaftlichen Institutes machten es sich zur Mission, eine würdige sozialistische Antwort auf die imperialistische Pepsi zu entwickeln. Das Team scheiterte zwar kläglich daran, eine Cola nachzubauen, aber stattdessen entstand eine Kräuterbrause, die den Geschmack von Millionen von Menschen traf.“ Unter dem Namen „Baikal“ wurde das Erfrischungsgetränk in der Sowjetunion „ein Symbol für das Abenteuer und die Freiheit“, erklärt er.
„Symbol für Abenteuer und Freiheit“
Joris ist Niederländer, 57 Jahre alt und kennt sich mit der Sowjetunion sehr gut aus. 20 Jahre lang hat er dort als Pressefotograf gearbeitet. Als die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken unterging, machte sich Joris im neuen Russland selbstständig und gründete eine Agentur für Werbefotografie – die erste ihrer Art in Moskau, wie er sagt. Er hat unter anderem für Coca-Cola und Nestlé gearbeitet. Noch heute sind die Fotos auf der Werbung einiger Katzenfuttermarken in Russland von ihm, erzählt er. „Alles meine Katzen.“
Aber wir haben uns nicht in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei am Tempelhofer Berg in Kreuzberg getroffen, um über Tiernahrung zu reden. Auch nicht über Madonnen-Figuren – obwohl sich das anbieten würde. Im Büro von Joris im zweiten Stock hinten im Hof über der Laderampe stehen rund 150 Stück davon. Aber das ist eine andere Geschichte. An diesem frühlingshaften Vormittag geht es um Baikal beziehungsweise um das, was Joris daraus gemacht hat.
Dieser Teil der Geschichte beginnt 2009. Da kam Joris nach Berlin. Nicht unbedingt zum besten Zeitpunkt – zumindest wenn man es aus Sicht eines Werbefotografen betrachtet. „Weltwirtschaftskrise“, sagt Joris und erläutert: Wenn es Unternehmen schlecht geht, wird als Erstes bei der Werbung gespart. Er hatte also mehr Zeit als vermutet. Und weil er gleichzeitig diese Limonade aus Moskau vermisst hat, begann er, sich Fragen zu stellen: Warum macht hier niemand eine so ungewöhnliche Limonade? Und aus was besteht so eine Limonade überhaupt?
„Je mehr ich darüber gelesen habe, desto interessanter und klarer wurde es. Aber das Ganze war eher eine Nummer, um mich zu beschäftigen“, erinnert sich Joris. „Die Originalrezeptur gelangt auf abenteuerlichem Wege nach Berlin-Kreuzberg, wo wir uns ihrer annehmen. Es wird aufs Neue geforscht und experimentiert, bis die Brause von damals wieder aufersteht“, geht es in seiner Geschichte weiter. Bisher habe er als Fotograf in 2D gearbeitet, nun stieg er in die Kunst der 3D-Produktion ein, beschreibt er die Arbeit an dem, was er dann „Tannenwald“ nennen wird. Ein Kunstprojekt sei es gewesen. Der am Ende gelungene Versuch, das herzustellen, was er nach dem Weggang aus Moskau vermisst hat.
Natürliches Mineralwasser, Zucker, Kohlensäure, Karamellzuckersirup, Schwarztee-Extrakt, Aroma mit Sellerie, Yucca-Extrakt, Fichtennadelöl, Taigawurzel-Extrakt und Zitronensäure stehen auf dem Etikett von „Tannenwald“. Es kommt dem „Baikal“ aus russischer Produktion sehr nahe, sagt Joris. Wobei das, was er „Sophisticated Soda“ nennt, von den Zutaten her gesünder sei. Weniger Zucker zum Beispiel. „Wostok“ hat Joris die Marke genannt, weil das auf Deutsch „der Osten“ heißt.
Viel Aufmerksamkeit für die neue Brause
Und weil man, wenn man so etwas entwickelt hat, ja nicht nur kleine Mengen in der Küche zusammenmixt, sondern schauen will, ob das wirklich funktioniert, hat Joris eine kleine Menge bei einem Profihersteller in Auftrag gegeben.Klein war immer noch so groß, dass er es nicht alleine trinken konnte. So ist das Zeug in benachbarte Kreuzberger Kiez-Kneipen gelangt. Im linken Kreuzberg, erinnert sich Joris, kam eine Limo, die nicht aus einem amerikanischen Großkonzern stammt, schon gut an, bevor auch nur jemand einen Schluck probiert hatte. Aber offensichtlich hat die neue Brause auch geschmacklich Aufmerksamkeit erzeugt. Denn: „Plötzlich waren die Medien da“, sagt Joris. Das Fernsehen, Zeitungen. Ein niederländischer Fotograf, der aus Moskau kommt und den Berliner Getränkemarkt aufmischt – das war eine grandiose Geschichte. Nur dass Joris den Berliner Getränkemarkt gar nicht wirklich aufgemischt hat. Das kam dann etwas später, als sich ein großer Getränkehändler, bei dem sich Produzenten normalerweise anstellen und um Termine bitten müssen, von sich aus bei der von Joris für seine Marke Wostok neu gegründeten Baikal Getränke GmbH gemeldet hat.
„Ich habe etwas gemacht, womit ich einen Nerv getroffen habe, und bin so versehentlich Getränkehersteller geworden“, fasst Joris die Anfangsphase von Wostok zusammen. Aus dem kleinen Lohnabfüller wurde ein größerer Lohnabfüller. Weil „Tannenwald“ vielen Kundinnen und Kunden zu schräg war, kamen weitere Sorten dazu: Dattel-Granatapfel, Estragon-Ingwer, Pflaume-Kardamom, Birne-Rosmarin, Blaubeere-Salbei und Zitrone-Minze gehören zu den beliebtesten Sorten. In Russland hat „Tannenwald“ vor einigen Jahren bei einem Getränkewettbewerb eine Goldmedaille gewonnen. Eine französische Weinhandelskette hat Wostok-Limonaden ins Programm genommen, weil Kunden auch Getränke ohne Alkohol nachfragen und die Brause aus Berlin als ein „Getränk, das erwachsen ist“ gilt. Auch in den USA wird Wostok getrunken, sagt Joris.
Hierzulande ist die Nachfrage beschränkt. „Deutschland ist schon ein schwieriger Markt, sehr konservativ. Was der Bauer nicht kennt, trinkt er nicht“, erklärt Joris. Getränke, die in vielen Ländern auf der Welt gut laufen, fristen in Deutschland ein Schattendasein. „Kombucha zum Beispiel oder Cold Brew Coffee. Da reden die Deutschen einfach abschätzig davon, dass man ja keinen kalten Kaffee trinkt. Man kriegt es nicht hin, das Besondere dieser Getränke zu vermitteln“, bedauert Joris.
Er hat mit Wostok zwar in der Gastronomie angefangen, aber inzwischen sei das Unternehmen „handelslastig“. Die besonderen Limonaden sind vielen Wirten zu teuer – und das Personal kann sie nicht vermitteln, denn dazu gehört eine gute Kenntnis dessen, was da serviert wird. Am besten gehe seine Limonade in Läden, die Selbstbedienungskühlschränke mit Glastüren haben. Die Etiketten mit Menschen im Stil der sowjetischen Propaganda-Gemälde machen neugierig. Er hat sie – natürlich – selbst entworfen.
Brauereien schwemmen den Markt
Ein Trend kommt der „Sophisticated Soda“ entgegen: Immer mehr Menschen üben Zurückhaltung, wenn es um Alkohol geht. Auch wenn man mit Wodka und anderen Spirituosen aus der Limo faszinierende Cocktails machen kann: Kein Alkohol ist generell ein Vorteil. Der Nachteil sei: Viele Brauereien, denen der Bierabsatz wegbricht, fangen an, Limonaden zu machen – „die schwemmen damit regelrecht den Markt“, sagt Joris. Aber sie sind nicht so kreativ wie der Niederländer mit der Madonnensammlung.
Er weiß, wie er Wostok in Szene setzen muss. „Ich habe ja früher für Coca-Cola gearbeitet. Es ist also ganz einfach: Ich mache alles so, wie Coca-Cola es nicht macht.“ Was Coca-Cola nie machen würde: Ein VW-Käfer steht mit Wostok-Kisten beladen auf einer Waldlichtung. Ein Bär entert das Auto, während der Fahrer, ein junger Mann mit heruntergelassener Hose, an einen Baum uriniert. Als wäre das noch nicht genug, kommt von hinten ein Mann mit einer Axt auf ihn zu. Wer das alles verarbeitet hat, stellt sich dann womöglich die Frage: Wieso steht mitten auf der Lichtung auch noch eine altmodische Stehlampe?
Joris van Velzen lacht. Er ist zwar ein Getränkeverkäufer, aber er ist vor allem ein Werbemann. Und Werbeleute erzählen gern Geschichten. Die Geschichte vom VW-Käfer-Fahrer, dem Bär, dem Axtmörder und einer Stehlampe ist so komplex wie das „Sophisticated Soda“, für das sie wirbt.