Die deutschen Tischtennis-Teams sind bei der WM in London nur zwei Medaillenkandidaten unter vielen. Dank „Spätzünderin“ Sabine Winter erscheinen die Podestchancen der deutschen Damen besser als die Aussichten der Herren.
London calling: An der Wiege der Tischtennis-Weltmeisterschaften wollen die deutschen Asse eine sportliche Wiedergeburt feiern. Zwei Jahre nach der Enttäuschung von Busan durch ihre ersten Mannschafts-Titelkämpfe ohne eine Medaille seit 2016 machen sich die Teams des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) beim 100-Jahre-Jubiläum am englischen Schauplatz der WM-Premiere 1926 zumindest Hoffnungen auf ein Comeback in der absoluten Weltspitze.
„Wir hoffen“, sagte DTTB-Sportvorstand Richard Prause kurz vor dem ersten WM-Aufschlag seiner beiden Mannschaften auf der Insel am ersten Mai-Wochenende betont nuanciert, „wir hoffen, dass wir um die Medaillen spielen können.“
Die feinsinnige Differenzierung des ehemaligen Nationalspielers hat nach vielen Jahren geradezu obligatorisch wirkender Titel und Medaillen für DTTB-Mannschaften am Fließband zweierlei Gründe: Einerseits sind besonders im Herren-Bereich die ganz fetten Jahre der „Ära Timo Boll“ nach dem Rücktritt des deutschen Idols vorbei und dadurch die deutschen Europameisterinnen um „Spätzünderin“ Sabine Winter das heißeste DTTB-Eisen im Feuer, und andererseits ist die Weltspitze hinter den nicht mehr ganz so souverän wie gewohnt wirkenden Abonnements-Weltmeistern aus China so breit wie seit Jahrzehnten nicht mehr oder womöglich noch nie.
„Erwarte die wohl interessanteste WM seit ich dabei bin“
„Ich erwarte die wohl interessanteste WM, seit ich dabei bin“, meint denn auch Kapitän Patrick Franziska von Champions-League-Sieger 1. FC Saarbrücken-TT vor seinem insgesamt zwölften WM-Turnier mit Blick auf Chinas weitere Rivalen mit Europameister Frankreich, Südkorea, Japan, Schweden und Taiwan: „Es gibt bestimmt sieben Mannschaften, die theoretisch alle nach oben kommen können.“
Bundestrainer Jörg Roßkopf schätzt die Situation ähnlich ein: „Ich gehe zwar noch einmal von Chinas Titelgewinn aus, aber tatsächlich reisen durch die Entwicklungen der vergangenen Monate mehr Nationen mit der Einstellung an, vielleicht etwas ganz Großes reißen zu können.“
Schwerer Dämpfer nach Paris
Das taten Franziska und Co. noch mit Boll an der Spitze auch mehr als eineinhalb Jahrzehnte. Allerdings erscheint der Zenit der „goldenen Generation“ überschritten. Beginnend mit dem Verlust des EM-Throns 2023 folgten 2024 durch die Viertelfinal-Niederlagen in Busan sowie beim Olympia-Turnier in Paris und schließlich das verpasste EM-Endspiel eine Reihe mindestens schwerer Dämpfer, wenn nicht sogar wegweisender Rückschläge.
Von einem Muster will Roßkopf allerdings nichts wissen. „Zu einem Trend würden auch die vorherigen 20 Jahre gehören, in denen wir gut gespielt haben. Dass wir auf Weltebene zuletzt nicht auf dem Podium standen, heißt ja nicht automatisch, dass wir schlecht gespielt hätten. Man muss eben auch sehen, dass Nationen wie etwa Schweden oder momentan vor allem Frankreich nach langen Durststrecken derzeit einen Tick besser sind.“
Über allen thronten mehr oder weniger seit Mitte der 90er-Jahre Chinas Dauer-Champions. Auf dem Papier erscheinen die Schmetterkünstler aus dem Reich der Mitte in ihrer Volkssportart Nummer eins auch immer noch unangefochten, doch sind weder Rahmenbedingungen noch Kräfteverhältnisse nach dem Rücktritt von Rekord-Olympiasieger Ma Long und der alleine schon bemerkenswerten „Auszeit“ von Saarbrückens Superstar Fan Zhendong weiterhin die gleichen.
Im Gegenteil: „Der Tischtennissport ist vor allem bei den Herren so ausgeglichen wie nie“, beschreibt Altmeister Dimitrij Ovtcharov seine Beobachtungen: „Es gibt viele Weltklassespieler aus unterschiedlichsten Ländern, und fast jedes Turnier in der WTT-Serie hat einen anderen Sieger. Die Selbstverständlichkeit, mit der China früher Titel gewonnen hat, gibt es so nicht mehr.“
Für Prause stellt sich diese vor einigen Jahren kaum vorstellbare Erkenntnis als Konsequenz aus dem brutal engen Wettkampf-Kalender im Tischtennissport dar. „In China wächst hinter Spielern wie dem Weltranglistenersten Wang Chuqin oder auch Fan Zhendong wieder eine jüngere Generation heran, in der die Spieler noch Entwicklungsschritte machen müssen, die aber nicht mehr so einfach zu vollziehen sind, wenn man aufgrund der intensiven Wettkampfdichte nur reduziert trainieren kann. Das zeigt und heißt tatsächlich, dass China nicht unangreifbar ist, denn auch für die Chinesen fallen die Talente nicht von den Bäumen.“
Roßkopf weist auf einen weiteren Faktor im Zusammenhang mit den zahlreichen Wettbewerben der WTT-Serie hin. „Für die Chinesen sind es zu viele Turniere mit wechselnden Materialien, das sind sie nicht gewohnt. Auf der früheren World Tour waren Tische und Bälle bei jedem Turnier im Jahr gleich, das haben die Chinesen gewusst und damit haben sie dann auch trainiert. Heutzutage aber wird für jedes Jahr mit anderen Ausrüstern verhandelt, und darauf kann man sich fast nur noch erst vor Ort einstellen. Darum hat Fan Zhendong auch in seinem ersten Bundesliga-Jahr immer wieder Probleme, weil er nicht an wechselnde Materialien gewöhnt ist, die er an dann meistens auch überhaupt noch nicht kennt“, analysierte der frühere Doppel-Weltmeister.
„Mal bin ich stolz, mal erstaunt“
Zu den Umwälzungen im Tischtennis gehört bei den Damen, wo China wohl noch auf Jahre weniger angreifbar sein sollte, auch der geradezu märchenhafte Aufstieg von Sabine Winter bis in den exklusiven Kreis der Top-10-Spielerinnen in der Weltrangliste. Vor Olympia sogar für die abermalige Rolle als Reservespielerin ausgemustert, hat sich die 33-Jährige nach Paris durch die ursprünglich als Experiment durchgeführte Umstellung auf einen Antispin-Belag buchstäblich neu erfunden.
Aus der – trotz vereinzelter Erfolge – jahrelangen Mitläuferin ist binnen 20 Monaten die Anführerin der DTTB-Damen und ein international gefürchteter Favoritenschreck geworden. „Mal bin ich stolz, mal erstaunt und manchmal immer noch einfach nur ungläubig“, kommentiert Winter ihre atemberaubende Entwicklung.
An Selbstbewusstsein besteht bei der Rechtshänderin nach ihrem entscheidenden Beitrag zum EM-Gold mit der Mannschaft, ihrem ersten Triumph beim Europe Top 16 sowie besonders nach Bronze als erste Medaille beim wichtigen Weltcup für eine Europäerin seit 2015 vor dem WM-Trip in die Heimat ihres englischstämmigen Vaters kein Mangel: „Wir sind in Bestform ein Medaillenkandidat – und eine Medaille ist auch unser Ziel.“
Das neue Selbstverständnis ist Winter anzumerken. Die gebürtige Hessin hat zuletzt eben Ziele erreicht, die sie einst „kaum auszusprechen gewagt hätte“. Doch zufrieden gibt sich Winter damit nicht. Gegenüber Medien offenbarte die Materialspielerin „zwei neue Träume: von den Olympischen Spielen 2028 eine Medaille nach Hause bringen und Einzel-Europameisterin werden“.
Alleine schon die Qualifikation für die Sommerspiele in Los Angeles wäre dabei ein großer Erfolg. „Von allen Zielen, die ich mir in meiner Karriere gesetzt habe, ist die Teilnahme an Olympischen Spielen das einzige, das ich noch nicht erreicht habe“, sagte die Bundesliga-Spielerin des TSV Dachau.
Zwar war Winter schon 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro dabei, kam aber nicht zum Einsatz. „2021 in Tokio war schnell klar, dass ich es nicht schaffen würde. 2024 war ich sehr enttäuscht darüber, dass ich nicht nominiert wurde. Deshalb wäre es natürlich extrem schön, wenn es mit Los Angeles klappen könnte. Ich hatte mit Olympia eigentlich schon abgeschlossen.“
Ihre mutige Entscheidung zur Materialumstellung, die Winter „als beste Idee meiner ganzen Laufbahn“ bezeichnet, hat der mehrfachen Doppel-Europameisterin zwar nach Paris ungeahnten Erfolg beschert, dennoch warnt Winter vor verfrühten Olympia-Hoffnungen: „Zwei Jahre sind eine sehr lange Zeit. Ich muss verletzungsfrei bleiben und konstant auf hohem Level spielen. Dann aber sind Medaillen nicht komplett realitätsfern.“ Nun will Winter jedoch zuerst in London auf das Podest.