Die Berliner Comic-Zeichner Flix und Reinhard Kleist haben die Brüder Grimm und Lucky Luke zusammengebracht zu einem Abenteuer im Wilden Westen.
Manchmal, sagt Felix Görmann, fallen ihm einfach Sachen auf, Sachen, die offenbar nichts miteinander zu tun haben – außer dass sie gleichzeitig passiert sind oder einfach da waren. Diese „Gleichzeitigkeit“ fasziniert ihn – zum Beispiel, dass in Frankreich noch mit der Guillotine hingerichtet wurde, als in den USA bereits Microsoft gegründet war.
An einem warmen Sommerabend im Berliner Museum für Kommunikation geht es aber nicht um Hinrichtungen oder den Start in ein neues elektronisches Zeitalter. Es geht um einen Cowboy und zwei große deutsche Erzähler: um Lucky Luke und die Brüder Grimm. Felix Görmann kennen Freundinnen und Freunde der Comic-Kunst als Flix. Er ist einer der erfolgreichsten und renommiertesten deutschen Comic-Künstler. Das Märchenbuch der Brüder Grimm, erzählt er, „begleitet mich seit Kindertagen, mein Großvater hat mir daraus vorgelesen“. 2018 hat er für den Berliner Insel-Verlag „Grimms Märchen“ illustriert. Etwas später ist ihm dann aber erst aufgefallen: „Als man in Amerika vom Wilden Westen sprach, da lebten die Brüder Grimm noch.“ Der Wilde Westen falle so in etwa in die Zeit zwischen 1850 und 1890. Wilhelm Grimm starb 1859, sein Bruder Jakob Grimm 1863.
„Schneewittchen und die sieben Zwerge“, basierend auf einem Märchen der Brüder Grimm, war der erste große Zeichentrickfilm aus den Studios von Walt Disney – das war 1937. „Disney musste die Geschichte ja irgendwoher kennen“, sagt Flix. Irgendwie musste also das Märchenbuch aus Deutschland in die USA gekommen sein. Waren also Wilhelm und Jakob Grimm in den USA, im Wilden Westen?
„Die Faktenlage ist dünn“, räumt Flix ein, „aber dass wir nichts davon wissen, heißt ja nicht, dass da nichts gewesen ist“, raunt er. Aber was? „Das habe ich mir ausgedacht“, sagt Flix. Und da kam ihm ein anderer Held seiner Kindheit in den Sinn: Lucky Luke, der Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten. Den hat der belgische Comiczeichner Maurice De Bevere, der sich Morris nannte, im November 1946 in die Welt gesetzt. 80 Jahre Lucky Luke, das sei doch ein guter Anlass, den Cowboy zusammen mit den Märchenerzählern ein Abenteuer erleben zu lassen.
Die Geschichte, die sich Flix ausgedacht hat, führt die Brüder Grimm zu einer Lesereise in den Wilden Westen. Dort wären sie hoffnungslos verloren gewesen, wenn sich nicht dieser nette Cowboy ihrer angenommen und sie von Westernstadt zu Westernstadt begleitet hätte. Trotz der Begleitung durch Lucky Luke läuft es gar nicht gut für die beiden alten Herren aus Deutschland. Und als sie versuchen, sich auf das amerikanische Publikum einzustellen, indem sie einfach amerikanische Märchen erzählen, wird es plötzlich auch stressig und gefährlich für den Cowboy. Fans der Comic-Reihe werden es ahnen: Die Dalton-Brüder sind im Spiel.
Solch einen Comic kann man aber nicht einfach zeichnen und an den Verlag schicken, erklärt Flix. „Ich hatte die Grundidee der Gleichzeitigkeit und musste erst mal schauen, ob das funktioniert“, erzählt er. Dann musste er mit dem Verlag reden. Das ist in diesem Fall Egmont Berlin. Dort fand man die Idee gut. „Die mussten dann aber noch mit den Rechteinhabern in Paris reden, und die wiederum mit den Erben von Morris“, erklärt Flix das komplizierte Verfahren, dem man sich unterwerfen muss, wenn man eine Comic-Legende wie Lucky Luke in eine eigene Geschichten packen will. Was für Flix sprach: Er hat bereits zwei Hommage-Bände mit Figuren des legendären belgischen Zeichners André Franquin geschaffen: „Spirou in Berlin“ 2018 und „Das Humboldt-Tier – Ein Marsupilami-Abenteuer“ 2022. Beide Bände sind im Carlsen-Verlag veröffentlicht worden.
Die Pferde waren erst mal ein Problem
Als das alles erledigt und die Freigabe da war, musste Flix aber feststellen, dass er gerade gar keine Zeit hat, aus seiner Story einen Comic zu machen. Es gab zu viele andere Projekte, die er zugesagt hatte. Dann schlug das Schicksal zu. Auf der Rückfahrt von Erlangen, wo alljährlich der Comicsalon stattfindet, traf er im ICE-Speisewagen eine andere deutsche Comic-Größe: Reinhard Kleist.
Reinhardt Kleist hat sich unter anderem durch Comic-Biografien einen Namen gemacht. Er zeichnete unter anderem die Leben von Elvis, Johnny Cash, Mick Cave und David Bowie nach. Kleist sitzt an diesem Abend neben Flix und zeichnet nach Ideen aus dem Publikum auf einer Leinwand sichtbar eine Szene, in der US-Präsident Donald Trump Lucky Luke anbrüllt: „Wir hatten einen Deal!!!“ – während der Froschkönig mit der Kugel von dannen hüpft und im Hintergrund ein Flügel des Weißen Hauses in Trümmern liegt.
Er habe damals kein neues Projekt gehabt, erzählt Reinhard Kleist dann. Aber als Flix ihm angeboten hatte, seine Story zu zeichnen, habe er sich doch Bedenkzeit erbeten. Zum einen sei so ein humorvoller, manchmal klamaukiger Stil, wie er die Lucky-Luke-Hefte durchzieht, bisher nicht seiner gewesen. „Ich habe mich bisher eher mit ernsthaftem Stoff beschäftigt“, sagt Kleist. Aber da sei noch ein Problem gewesen: „Ich kann nicht so gut Pferde zeichnen.“ Das sei eine hohe Kunst – zumindest dann, wenn man die Sache ernst nimmt und sich nicht anhören will, dass die Proportionen und Bewegungen nicht stimmen.
Doch dann setzte er sich während einer Veranstaltung in einen Workshop des amerikanischen Zeichners Aaron Blaise. Der hat für Disney unter anderem an „Bernhard und Bianca im Känguruland“, am „König der Löwen“ und an den „Bärenbrüdern“ gearbeitet. Er habe viel gelernt bei Aaron, und der habe ihn ermutigt, sich an Jolly Jumper und Rantanplan, also das Pferd und den Hund von Lucky Luke, zu wagen.
Ganz ohne Musiker geht es im Comic aber dann doch nicht: Reinhard Kleist hat David Bowie ans Klavier in einem Saloon gesetzt und Nick Cave zum Revolverhelden gemacht. Zuvor fragte er aber bei Nick Cave nach, ob das für ihn in Ordnung sei. Die Antwort sei sehr schnell gekommen: Der Musiker fand das klasse. Genau hinzuschauen lohnt sich also beim Lesen von „Lucky Luke – Die Grimm Brothers“: Vielleicht entdeckt man ein bekanntes Gesicht. Zumindest „die Bösewichte aus dem Lucky-Luke-Universum“ seien alle versammelt, sagt Flix. Dabei sollte das Werk „nah an Morris dran sein“, erklärt Reinhard Kleist – vom Zeichenstil bis zum Zwölf-Bilder-pro-Seite-Raster. Und auch Märchenfiguren der Brüder Grimm haben die beiden Berliner Comic-Macher in die Geschichte eingebaut – es gibt eine Begegnung von Lucky Luke und Rotkäppchen. Das Ganze sei ein gutes Stück Arbeit gewesen, sagen Flix und Reinhard Kleist. „Comiczeichner müssen Sitzfleisch haben. Aber wir hoffen, dass wir mit diesem Band Menschen erreichen, die noch nicht wussten, dass sie Comic-Fans sind.“ Und so viel sei schon verraten: Im Oktober widmet das Kommunikationsmuseum Lucky Luke zum 80. Geburtstag eine Sonderausstellung. Kuratiert wird sie von Flix.