Der elektrische DS N°4 ist eng mit dem Opel Astra verwandt. Durch edlere Materialien will sich die Premiummarke vom „Bruder“ absetzen. Das klappt so lange, bis die Ladestation auftaucht.
So fühlt sich also Emmanuel Macron! Der französische Präsident wird seit diesem Jahr in einem für ihn gefertigten DS kutschiert. So heißt die Premium-Automarke des Stellantis-Konzerns, zu dem – neben vielen anderen Marken – Peugeot und Citroën gehören. Der „DS présidentielle“ verfügt nicht nur über eine geheime Panzerung, sondern auch über ein spezielles Klappdach, wodurch Macron stehend aus dem Fahrzeug winken kann. Die größte Besonderheit sieht man von außen jedoch nicht: Der DS hat keinen Benzintank, sondern eine Batterie. Womit Macron einer der wenigen Staatschefs ist, die ein Elektroauto als Dienstfahrzeug nutzen.
Der DS, der vor meiner Haustür steht, hat nur wenig von dem präsidentiellen Glamour. Es handelt sich nämlich nicht um die Limousine, sondern um den Kompaktwagen, genannt: DS N°4 E-Tense. Dieser erinnert vom Aussehen her deutlich an seinen „Bruder“, den Opel Astra, mit dem er in Rüsselsheim auf derselben Plattform gebaut wird. Die Grundtechnik ist also dieselbe. Doch die Details machen den Unterschied. Eine breite Lichtleiste zieht sich über die Front des DS N°4, umrahmt von „LED-Stoßzähnen“, die an Peugeot erinnern. In der Mitte des Kühlergrills schillert das Markenlogo. Alles sehr schick, alles erleuchtet. Oder besser gesagt: lumineuse.
Die Innenraum-Alarmanlage nervt
Der Blick in den Innenraum ist ebenfalls erfreulich: Oh là là! Wo beim Opel Astra nur Hartplastik und Klavierlack regieren, zeigt sich im DS4 eine beinahe wohnliche Landschaft. Armaturenbrett und Sitze sind mit Leder bezogen, die Armauflagen in den Türen weich gepolstert. Die Beine haben überall ausreichend Platz, nur hinten wird es für Menschen, die größer als 1,80 Meter sind, eng am Kopf.
Unter dem 10-Zoll-Touchscreen zieht sich eine Bedienleiste mit geriffelten Knöpfen entlang. Dieses charakteristische Hufnagelmuster findet sich auch an anderen Stellen, zum Beispiel bei den Fensterhebern oder beim Start-Stopp-Knopf. Der blinkt rot auf, sobald ich auf dem Fahrersitz Platz nehme: Fahr endlich los, allez, allez! Dann wird’s persönlich, denn der DS N°4 hört sogar auf einen Namen: „OK, Iris“, sage ich, während der Stromer durch den Bonner Stadtverkehr rollt. „Wie wird das Wetter in Bonn?“ Dank Chat-GPT-Integration sollte Iris diese Frage problemlos beantworten können. Doch, quel malheur, sie kann es nicht! Erst als ich nach dem Wetter für morgen frage, plaudert sie los: 14 Grad und bewölkt.
Jetzt aber genug des Vorgeplänkels, ab auf die Autobahn! Erneut wende ich mich an Iris, diesmal wegen der Navigation. Bis zur polnischen Grenze in Frankfurt an der Oder sind es fast 600 Kilometer. Iris greift aufs integrierte TomTom-Navi zurück, das eine Route mit zwei Ladestopps ausspuckt. Nicht schlecht, denn diese für E-Autos so wichtige Ladeplanung können viele Stellantis-Fahrzeuge bis heute nicht. Doch auch beim DS N°4 entpuppt sich die Funktion als eher rudimentär: So fehlen wichtige Einstellungsmöglichkeiten wie eine Filterfunktion nach Stromanbieter. Wer ein bestimmtes Abo hat, möchte in der Regel dort laden statt bei der doppelt so teuren Konkurrenz. Also nutze ich doch meine Handy-App, schade.
Gemütlicher Reisebegleiter
Und die Bedienung? „Ein bisschen wie Regierungsbildung in Frankreich: komplizierter, als es sein müsste“, behauptet ein Kollege der „Auto Zeitung“. Ich kann diese Kritik nicht ganz nachvollziehen, denn mehrere analoge Tasten bieten direkten Zugriff auf Klimatisierung, Fahrzeugeinstellungen und die Start-Stopp-Funktion. Außerdem gibt es eine „Home-Taste“, durch die man direkt im Hauptmenü landet. Bei einer Funktion muss ich dem Kollegen aber doch recht geben: Die Innenraum-Alarmanlage lässt sich partout nicht ausstellen. Dieses System soll verhindern, dass Kinder oder Haustiere im Auto vergessen werden, was im Sommer immer wieder zu tödlichen Unfällen führt. Doch jetzt, im Spätherbst, raubt mir der Alarm den letzten Nerv, wenn ich während einer kurzen Toilettenpause den Hund im Auto lasse. Mehrfach ertönt ein lautes Gejaule – nicht vom Hund, sondern vom DS. In den diversen Untermenüs lässt sich die Funktion nicht finden. Selbst eine Internetsuche hilft nicht weiter, weil dort nur die Handbücher der Verbrenner-Variante auftauchen. Den genannten Knopf, um die Alarmanlage zu deaktivieren, sehe ich in meinem Testauto nicht.
Zurück auf der Autobahn lässt der DS mit seinen 213 PS die Lkw-Kolonnen links liegen. Es gibt durchaus Kompaktwagen, die schneller durchziehen, aber für den Alltag auf der Autoroute genügt die Motorisierung allemal. Zumal der DS N°4 ohnehin ein gemütlicher Reisebegleiter ist: Die „Komfortsitze“ – so nennt sie der Hersteller – sind tatsächlich sehr bequem. Die Sitzheizung ist vorne serienmäßig, genau wie eine Lendenwirbelstütze. Aus der Reihe schert nur die Bedienung der Sitze: Während sich ansonsten fast alles elektrisch einstellen lässt, muss man sie per Hand vor- und zurückschieben, nicht gerade ein Paradebeispiel für französisches Savoir-vivre.
Bei den Assistenzsystemen ist der Hersteller auch etwas knauserig. Lediglich eine Rückfahrkamera, eine Verkehrszeichenerkennung, ein adaptiver Tempomat (ACC) und ein Spurhalteassistent sind serienmäßig an Bord. Andere Helfer gibt es erst in den teureren Varianten, zum Beispiel den Totwinkel-Assistenten (Warnlämpchen im Außenspiegel) oder den Querverkehrswarner (schlägt Alarm, wenn sich Verkehrsteilnehmer beim Ausparken nähern).
DS n°4 Bleibt hinter Standard zurück
In meinem Testfahrzeug befinden sich diverse Zusatzpakete, unter anderem eine 360-Grad-Kamera und ein Spurwechsel-Assistent. Letzteren gibt es üblicherweise nur bei teuren Herstellern wie Mercedes-Benz oder Tesla – eine beeindruckende Vorstufe zum autonomen Fahren! Doch darin liegt die Crux: Noch ist es eben nicht wirklich autonom. Damit das Auto überholt, muss man den Abstandstempomaten aktivieren, den Blinker setzen und die OK-Taste auf dem Lenkrad drücken. Ruht die Hand dabei nicht auf dem Lenkrad, passiert nichts. Und wenn doch, bremst der DS bisweilen abrupt ab, falls sich von hinten ein Fahrzeug nähert. Eine nette Spielerei, aber mehr auch nicht.
Die Reichweite? Knapp 300 Kilometer auf der Autobahn. Das ist natürlich kein Rekordwert, sollte aber im Verhältnis zur Akkugröße gesehen werden. Diese entspricht mit 58 Kilowattstunden einem Kia EV3 oder einem VW ID.3 Pro, die beide ähnliche reale Reichweiten haben. Was aber auch bedeutet, dass sich DS in diesem Punkt nicht groß von der Konkurrenz unterscheidet. Was ist daran Premium?
An der Ladestation schneidet der DS sogar schlechter ab. Beim ersten Stopp braucht er 45 Minuten, um von 30 auf 85 Prozent aufzuladen. In dieser Zeit reift ja ein Camembert zur Vollendung! Beim zweiten Ladestopp, nachdem die Batterie warmgefahren wurde, geht es schon schneller: 37 Minuten von acht auf 80 Prozent. Ein Spitzenwert ist es trotzdem nicht; mit dem deutlich günstigeren MG4 hat es sogar im tiefsten Winter weniger als eine halbe Stunde gedauert. Auch beim Tesla Model 3 kommt in der Regel weniger „Ladeweile“ auf.
Statt neue Maßstäbe zu setzen, bleibt der DS N°4 leider hinter dem aktuellen Standard zurück. Das gilt auch für zusätzliche Transportmöglichkeiten: Anders als bei seinen Verbrenner-Geschwistern wird für den elektrischen Numéro 4 im Datenblatt keine Anhängelast ausgewiesen. Er darf also keinen Anhänger ziehen, nicht mal einen leichten. Also lieber nicht kaufen? Kommt darauf an. Wer „nur“ einen komfortablen Kompaktwagen sucht und hauptsächlich im heimischen Umfeld verkehrt, kann mit dem DS N°4 nicht viel falsch machen. Wer aber regelmäßig lange Strecken fährt, sollte eine gute Portion Geduld mitbringen. Oder gleich nach einem anderen E-Auto suchen. Désolé.