Zauberkünstler Manuel Muerte wird beim Internationalen Wettbewerb der Straßenzauberer vom 8. bis zum 10. August in St. Wendel das Publikum in Staunen versetzen. Im Interview erklärt er, warum Zauberei eine Kunstform ist und wie die perfekte Illusion gelingt.
Herr Muerte, Sie sind Deutscher Meister in der Sparte Parlor Magic, also Salonmagie. Was genau ist das eigentlich, Salonmagie?
Es ist Zauberkunst, die nicht auf einer riesigen Bühne, sondern in kleinerem, fast familiärem Rahmen vorgeführt wird, vor etwa 100 bis 200 Menschen. Die Tradition stammt aus der Zeit um 1800, als Zauberkunst in den bürgerlichen Salons en vogue wurde. Da saßen Damen mit weiten Kleidern auf gepolsterten Stühlen, es gab Champagner, Applaus, und zwischendrin hat der Magier für Staunen gesorgt.
War das damals schon eine Männerdomäne, wie es heute noch ist?
Leider ja. Frauen waren fast immer dabei, aber eben nur als Assistentin. Das zieht sich bis heute durch, auch wenn sich viel tut. Wir in der Szene würden uns sehr über mehr Zauberkünstlerinnen freuen. Und ich meine Künstlerinnen, nicht „Assistentinnen mit Glitzerkleid“ oder im Harems-Kostüm.
Sie arbeiten aber immer ohne Assistentin und auch ohne Tiere …
Richtig. Tiere auf der Bühne sind immer ein schwieriges Thema. Zaubern mit Tauben ist für mich Tierquälerei, weil sie so trainiert werden, dass sie kaum flattern, und oft in kleine Käfige gesperrt werden. Hasen wiederum mögen das Reisen nicht, und ich bin nun mal ständig unterwegs. Hunde eignen sich eher, aber ich habe mich entschieden, komplett ohne Tiere zu zaubern. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Publikum zu begeistern,da muss kein Kaninchen aus dem Hut gezogen werden.
Wie kamen Sie überhaupt zur Zauberei?
Ganz klassisch: Mein Opa hat mir als Kind einen Zauberkasten geschenkt. Ich war völlig fasziniert, habe jeden Trick hundertmal geübt und bin bis heute dabeigeblieben.
Was hat Sie denn so daran gefesselt?
Viele glauben, es geht beim Zaubern um Tricks. Aber das stimmt nicht. Mich hat fasziniert, dass es um Geschichten geht. Tricks sind nur das Werkzeug, um Geschichten zu erzählen, Menschen zu berühren, sie zum Staunen oder Lachen zu bringen. Dieser Zauberkasten hat mir eine Tür in eine andere Welt geöffnet.
Woher bekommen Sie Ihre Tricks?
Es gibt einen großen Zaubermarkt und einen sehr regen Handel. Früher war Zaubern ja fast etwas Geheimbündlerisches, heute kann man in Shops weltweit einkaufen. Dabei sieht man auch die Entwicklung der Kunstform: Anfang des 20. Jahrhunderts spielte Mechanik eine große Rolle, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde viel mit Zigaretten gezaubert, heute ist Elektronik angesagt. Ich beginne aber immer mit einer künstlerischen Idee. Wenn ich dazu nichts Passendes finde, muss ich mir das Equipment anfertigen oder bauen lassen.
Verraten Sie Ihre Tricks?
(lacht) Natürlich nicht. Es gibt mittlerweile viele Internetseiten, auf denen alles erklärt wird. Ich finde das schade. Zauberkunst lebt von Magie und nicht vom Entlarven. Wenn ich zaubere, möchte ich, dass die Menschen sich nicht fragen „Wie geht das?“, sondern sich unterhalten und verzaubern lassen. Darum geht es doch: Staunen, ohne zu analysieren.
Wie werden Sie Ihr Publikum in St. Wendel zum Staunen bringen?
Straßenzauberei ist besonders herausfordernd. Es gibt unzählige Ablenkungen, jeder kann einfach weitergehen. Die Kunst liegt darin, Menschen für ein paar Minuten in seinen Bann zu ziehen. In St. Wendel werde ich barfuß mit verbundenen Augen über einen gefährlichen Parcours gehen. Das ist Nervenkitzel pur – auch für mich selbst. Diese Spannung und das Mitfiebern gehören unbedingt dazu.
Sie müssen dafür geistig und körperlich topfit sein. Wie schaffen Sie das?
Ich mache seit 30 Jahren Yoga und gehe regelmäßig joggen. Ein Auftritt dauert meist nur zehn Minuten. Aber diese kurze Zeit hat es in sich: Da verdichtet sich alles, jede Bewegung muss sitzen, der Text fließen, die Wirkung stimmen. Dafür brauche ich nicht nur Fitness, sondern auch perfekte Planung. Für das Publikum sind es magische zehn Minuten– für mich oft Wochen der Vorbereitung.
Wie gelingt Ihnen die perfekte Illusion?
Das ist schwer zu erklären. Wenn Menschen während der Show vergessen, dass es sich um eine Illusion handelt, wenn sie nicht über Technik oder Täuschung nachdenken, sondern einfach staunen, dann ist es perfekt. Staunen ist wie Lachen: Es entsteht plötzlich, ist ein gutes Gefühl, ein emotionaler Moment, der befreit und sogar heilsam sein kann. Genau das möchte ich schaffen: Magie, die den Alltag für einen Moment vergessen lässt.
Was wünschen Sie sich für die Zauberkunst?
Gute Zauberei ist schwer, sie verlangt jahrelanges Training, Kreativität, Technik, Bühnenpräsenz. Auch deshalb wünsche ich mir, dass Zauberei endlich als das gesehen wird, was sie ist: eine echte Kunstform. Viele verbinden sie nur mit Jahrmärkten oder Vereinsfesten, dabei gehört sie genauso ins Theater wie Musik, Tanz oder Schauspiel.