Die Glasgestalterin Alkie Osterland kommt aus Schwäbisch Gmünd, um an den 19. Internationalen Glaskunsttagen in Sulzbach teilzunehmen, die der Kunstverein Sulzbach organisiert.
Frau Osterland, in Ihrer eigenen Werkstatt entsteht Unglaubliches, und man kann es sogar erwerben (Alkie Osterland lacht): Ein Stück vom Himmel! Ja, was bekomme ich da?
Das ist vermessen (lacht).
Ja, ja, das ist vermessen. Was bekomme ich da?
Was bekommen Sie, wenn Sie bei mir ein Stück Himmel kaufen? Sie bekommen den Himmel in einem Päckchen. Der besteht aus vier unterschiedlichen Glasplatten, die reliefartig uneben geschmolzen und zu einem kleinen Geschenk verpackt sind. Man kann dieses Stückchen Himmel hinstellen oder ungefähr zehn auf zehn Zentimeter groß an die Wand hängen, dann schimmert das Licht auch durch. Die Farbe verändert sich auch je nachdem, wie man es anschaut. Ich habe ja schon gesagt, dass das vermessen ist: ein Stück Himmel, das man verschenken kann. Die Unendlichkeit des Himmels in ein kleines quadratisches Paket packen zu wollen, hat auch etwas Selbstironisches. Ja, ich glaube, das muss man selbstironisch nehmen, sonst ist es Vermessenheit. Ein Stück Himmel verschenken zu wollen gleichzeitig mit dem Wissen, dass man das nicht machen kann, ist eine wunderschöne Geste, oder?
Unbedingt. Zunächst formbares Material wird fest und erstarrt. Wie viel Plan, wie viel Zufall ist bei der Entstehung eines Objektes im Spiel?
Zufall vielleicht in der Experimentierphase, wenn ich mich einem neuen Thema zuwende und ausprobiere, dann muss ich Erfahrungen machen. Ich versuche ja auch, diesen flüssigen Zustand, der mich an meinem Material so fasziniert, den in die erstarrte Form – wie Sie das gesagt haben – zu transportieren. Meine Arbeiten werden in einer Negativform geschmolzen, das bedeutet, ich könnte sie genau wiederholen, was ich nicht mache, weil jedes ein Unikat bleiben soll. Aber die Arbeit ist geplant: Ich schneide das Glas in Stücke, legt es an- und übereinander. Es ist fast wie eine malerische Arbeit. Ich lege die einzelnen farbigen Gläser nebeneinander, und schau mir das mehrmals an. Verbessere, nehme etwas weg, lege etwas hinzu. Erst wenn es für mich stimmt, nehme ich die äußere Form ab und baue die Negativform. Ich lege dann wieder diese einzelnen Glasstücke ein und schmelze sie in der Form.
Stichwort malen: Mein Eindruck ist, dass Sie mit dem Werkstoff Glas versuchen, zu malen. Ist das die Ausgangsidee?
Ja, unbedingt. Das hat bisher noch niemand so formuliert, aber ich finde mich da. Die Malerei, die Malerei der Romantik ist meine Herangehensweise, mein Ausgangspunkt. Gerade bei diesen Landschaftsbildern, bei den Wandreliefs, findet sich ein großer malerischer Aspekt. Mit Glas zu arbeiten heißt malen mit Farben und mit Licht – mit farbigem Licht. Das ist eine Qualität, die nur mit dem Glas, mit transparentem Glas möglich ist.
Sie erschaffen Landschaften in Glas. Eine trägt den Titel „Wird alles wieder gut?“. Das ist vieldeutig, vor allem für ein Kunstwerk aus Glas. Glas kann zerspringen. Mögen Sie einen Hinweis geben, wie der Titel entstanden ist?
Ja, gerne. Tatsächlich ist es eine Serie von Landschaften. Jedem Landschaftsbild, das ich geschaffen habe, liegt ein Interview zugrunde. 2020 habe ich angefangen, Menschen, die in einer krisenhaften, schwierigen Situation sind, zwei Fragen zu stellen: Wo fühlen Sie sich ohnmächtig oder wo sind Sie ohnmächtig? Wie wird diese Situation in 20 Jahren aussehen? Was wird an Verwerfungen und an Verletzungen bleiben, habe ich meine Interviewpartner gefragt, und aus ihren Antworten, die sehr berührend und tief waren, Landschaftsbilder gemacht. Die Qualität meines Materials, dieses Zerbrechliche, die schätze ich. Klar ist, dass man immer die Fragilität mitdenkt – die Verletzlichkeit. Das ist mir wichtig, ich finde schön, dass das Material an sich die Botschaft mitgibt und dass jeder Zustand, jede Beschreibung fragil und auch veränderlich ist.
Sie lassen sich von der Oper inspirieren. Sie bringen eine Figaro-Figur nach Sulzbach mit, die mit „Son qua. Dov’è?“ (Ich bin hier. Wo ist er?) betitelt ist und ihrer Verwirrung Ausdruck verleiht. Der Kopf ihrer Schöpfung scheint verrückt zu sein. Inspiriert Sie ein Libretto mehr als ein Charakter?
Mich interessieren echte Menschen mehr. Aber: Die Haltung gibt auch den Charakter wieder. Wenn diese Figur in einem häuslichen Umfeld allein steht und den Satz sagt, dann erhält er eine andere Bedeutung. Ja, es hat etwas Verwirrtes, es hat aber auch dieses: Ich bin da. Wo sind die anderen? Wo ist er? Wo ist sie?
Kann ein Opernfreund bei Ihnen auch seine Lieblingsopernfigur bestellen?
Was für eine schöne Frage. Eine Figur mit einem Satz aus einer Lieblingsoper oder vielleicht sogar aus einer Lieblingsarie zu machen – das wäre meine Lieblingsaufgabe! Einen Begleiter oder eine Begleiterin für jemanden zu machen, das wäre ganz wunderbar – auf diese Aufgabe würde ich mich freuen.
Sie gestalten auch Schmuck. Schon von Anbeginn an, seit Sie sich mit Glas als Werkstoff befassen?
Ja, tatsächlich. Meine erste Werkstatt habe ich mit drei Goldschmieden zusammen geteilt. Ich habe das tatsächlich immer parallel gemacht, und beides befruchtet sich gegenseitig. Schmuck, so wie ich ihn mache, hat auch etwas wie von einer Skulptur, wie eine Plastik, die man am Körper trägt, und damit erhält er noch eine andere Dimension.
Seit zehn Jahren nehmen Sie an den Internationalen Glaskunsttagen in Sulzbach teil. Was zieht Sie dorthin?
In dieser Konzentration auf Glaskunst ist das die beste Ausstellung, die ich kenne. Zudem ist sie wie eine Messe aufgebaut, sodass man wirklich auch mit Kunden und Kundinnen ins Gespräch kommt. Beim Kunstverein in Sulzbach sind alle so engagiert, das ehrenamtlich auf die Beine zu stellen. Ich war selbst viele Jahre zweite Vorsitzende in einem Kunstverein, ich weiß, was das bedeutet. Dieses Programm finde ich großartig. Ich freue mich jedes Jahr darauf. Wir haben unter uns Künstlerinnen und Künstlern einen sehr guten Austausch – also ich finde, es ist ein ganz tolles Format und wirklich einzigartig.