Die Gewalt gegen Bahnmitarbeiter hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Eine Zugbegleiterin erzählt von Beschimpfungen, Aggressionen und Angriffen.
Auch wenn sie mal einige Tage nicht mit dem Zug durch halb Deutschland fährt, ist Alexa Koidula, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, mit dem Kopf häufig bei der Arbeit. Da ist so vieles, was sie beschäftigt. Dabei liebt sie ihren Job und den Kontakt mit Menschen. Seit vier Jahren ist Alexa für private Eisenbahnverkehrsunternehmen vor allem in Nord- und Ostdeutschland unterwegs. Als Zugbegleiterin kontrolliert sie nicht nur Fahrkarten, sie macht auch Ansagen. Etwa zum Schienenersatzverkehr. Und sie ist für die Sicherheit der Fahrgäste verantwortlich. Manchmal muss sie die Polizei rufen, Erste Hilfe leisten oder einen Arzt organisieren.
Bei ihren Rundgängen stellt die 40-Jährige sich den Fahrgästen vor und beantwortet ihre Fragen zu Bauarbeiten auf der Strecke oder zu Anschlusszügen. „Egal, was passiert. Ich versuche es immer mit einem Lächeln.“ Doch das vergeht ihr manchmal. Etwa, wenn sie eine Mutter bittet, ihren Kinderwagen auf einen dafür vorgesehenen Platz zu stellen. Denn Fluchtwege müssen immer frei sein. Eine typische Situation: Die Mutter hat keine große Lust, sich zu erheben. Ein Betrunkener in der Ecke lallt: „Bist du Nazi?“
Immer wieder muss die zierliche Frau aus Estland sich auch blöde Sprüche anhören im Stil von: „Hey Schwester, ich könnte Dich mal …“ 95 Prozent von sexueller Anmache kämen von Männern zwischen 20 und 35. „Viele haben Migrationshintergrund“, sagt Alexa und entschuldigt sich gleich. Sie sei ja selbst Ausländerin.
Allgemein vermisst sie Respekt und Rücksicht. Das Gepäck steht auf den Sitzen oder mitten im Gang. Von deutscher Ordnungsliebe keine Spur. Überall auf den Tischen, Sitzplätzen und am Boden liegen Essensreste, Verpackungen, Flaschen, Bierbüchsen. „Eine Zugbegleiterin ist doch keine Reinigungskraft“, ärgert sie sich. „Ist mir doch scheißegal“: Den Satz hört sie immer wieder. Sie sieht Menschen seelenruhig rauchen, trotz Verbot. Über dem Rauchmelder hängt ein nasses Handtuch. Manchmal riecht das ganze Abteil nach Cannabis.
Die Schichtarbeiterin, die ihren Dienst oft mitten in der Nacht antritt, muss die Nerven behalten und freundlich bleiben. Auch wenn zum Lieblingsvokabular ihrer Fahrgäste das Wort „Scheiße“ in allen Variationen gehört. Sie selbst wird wahlweise als „Scheiß-Ausländerin“ oder „Scheiß-Nazi“ tituliert.
Freiheit findet sie schön. Aber in Grenzen. In ihrer Heimat Estland habe man mehr Respekt vor Menschen in Uniform. Und die Polizei greife härter durch. In Deutschland machten sich regelmäßig Fahrgäste über sie lustig und sagten: „Hol doch die Polizei.“ Wohl wissend, dass an bestimmten Streckenabschnitten keine Polizei gerufen werden kann.
Einmal „diskutiert“ sie mit zwei Reisenden ohne Fahrkarte, Ausweis und ausreichende Deutschkenntnisse. Sie sagt etwas von erhöhtem Beförderungsentgelt, bittet die beiden, sich online eine Fahrkarte zu kaufen oder auszusteigen. Auch hier wird sie wieder als Nazi beschimpft. „Sie wissen nicht, wovon sie reden“, glaubt Alexa, deren Familie einst selbst Opfer der Nationalsozialisten war.
„Reisen Sie mit Zügen in Ihrer Heimat?“, fragt sie die Schwarzfahrer. „Nein, mit Kamelen“, bekommt sie als Antwort. Sie kontert: „Ihre Fahrt ist hiermit unterbrochen. Steigen Sie aus und reisen Sie mit Kamelen weiter.“ Sie weiß, dass sie so nicht mit den Fahrgästen reden darf. Aber was zu viel ist, ist zu viel.
Beim Arzt bricht sie zusammen
Manche lassen auch einfach ungefiltert ihre Aggressionen raus und pöbeln: „Der Zug ist dreckig und Du bist eine alte F…“ Daneben sitzen ungerührt „Zeugen“, die keine Reaktion zeigen. Hilfe erhält Alexa meist nur von anderen Frauen. Sie informiert die Bundespolizei, weiß aber, dass eine Anzeige zu erstatten Zeit braucht. Sie weiß auch, dass das Security-Personal in der Nacht, an Feiertagen und Wochenenden teuer ist. Aber gerade dann ist besonders viel los.
Bei Fahrkartenkontrollen ist die Gefahr einer Eskalation besonders groß. Hat jemand eine ungültige Fahrkarte, versucht Alexa zu klären, woran das liegt. Ein Fahrgast schrie sie an, schubste und kratzte sie. Dieses Mal halfen ihr die Fahrgäste. Die Bundespolizei wurde gerufen, Anzeige erstattet. Die Ausweiskontrolle zeigte, der Angreifer war ein Syrer. Nach dem Vorfall wollte sie ihre Schicht zu Ende arbeiten. Beim Gespräch mit einem Arzt aber brach sie zusammen, weinte und zitterte. „Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte sie sich immer wieder. „Wir sind doch auch nur Menschen.“
Nach dem Tod eines Kollegen fühlt sie sich noch unsicherer. Die Zahlen zeigen, dass es nicht nur ein Gefühl ist. Die Bundespolizei stellt eine kontinuierliche Zunahme der Gewalt gegen Bahnmitarbeiter fest. Von 2.497 Gewaltdelikten 2023 auf 3.202 Delikte im Jahr 2025. Die Zahl der Delikte, bei denen Messer eingesetzt wurden, stieg im gleichen Zeitraum von 38 auf 58. Die Menge eingesetzter Reizstoffe hat sich in zwei Jahren mehr als verdoppelt. Die Zahl „sonstiger gefährlicher Werkzeuge“, die zum Einsatz kamen, kletterte von 2023 bis 2025 von 144 auf 229. Statistische Daten zu „verbalen Aggressionen“ wie etwa Beleidigungen liegen der Bundespolizei nicht vor.
Obdachlose sind eine Herausforderung
Ausreichend Schutz gibt es nicht, findet Alexa. Weder für Bahnmitarbeiter noch für Zugreisende. Sie kann nicht immer den Überblick haben, was im Zug gerade passiert. Regelmäßige Ausweiskontrollen durch die Bundespolizei und das Sicherheitspersonal hält Alexa deshalb für sinnvoll. Dann wissen „die“, dass sie sich nicht alles erlauben können. Fahrkartenkontrollen zu zweit fände sie auch toll, glaubt aber nicht daran: „Die Bahn muss sparen.“
Eine weitere Herausforderung: Obdachlose. Einige dieser „Stammgäste“ besitzen ein gültiges Ticket. Wenn sie fragt: „Wie weit fahren Sie?“, bekommt sie regelmäßig zur Antwort: „Bis zur Endstation.“ So leid ihr die Menschen tun, die Geruchsbelästigung, die von ihnen ausgeht, ist mitunter erheblich. Einige übergeben sich, andere verrichten ihre Notdurft auf den Sitzen. Doch bei Minustemperaturen dürfen hilflose Personen, selbst ohne Fahrkarte, nicht aus dem Zug gesetzt werden. Erfriert die Person im Anschluss oder fällt unter Alkoholeinfluss auf die Gleise, wird möglicherweise das Bahnpersonal zur Verantwortung gezogen.
Apropos Alkohol: Dass auf einigen Strecken Alkoholkonsum im Zug verboten ist, findet sie gut. Besser wäre es, das Verbot bundesweit anzuwenden. Vor allem am Wochenende oder nach Fußballspielen sind einige zu betrunken, um ihre Fahrkarte aus dem Portemonnaie zu holen oder die App zu öffnen. Manche wissen nicht mehr, wohin sie überhaupt fahren. Dann muss Alexa einen Arzt rufen. Andere sind auf Drogen und aggressiv. Dann hält sie Abstand: „Man weiß nicht, was kommt.“ Die Partystimmung ist endgültig vorbei, wenn die Toiletten verstopft sind, oftmals durch Fahrgäste selbst verursacht. Auch das Frühjahr hat seine Tücken. Dann kommen wieder die Radfahrer. „Die quetschen sich in übervolle Abteile und verletzen dabei manchmal andere Fahrgäste.“ Bisweilen kommt es zum Streit untereinander. Dann muss sie wieder schlichten.
Sie hat eben einen sehr abwechslungsreichen Job. Der hat auch schöne Seiten. Etwa, wenn sie eine Gruppe von Jugendlichen ermahnt: „Ihr Lieben, könnt ihr etwas leiser sein!“ Und diese antworten: „Ja, natürlich! Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag!“ Für Alexa ist alles eben eine Frage der Erziehung. Manchmal muss sie auch trösten. Ein junges Mädchen mit Liebeskummer in den Arm nehmen und sagen: „Mach keinen Blödsinn. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir!“ Die besten Komplimente machen ihr übrigens die Frauen. Sie loben ihre tolle Frisur, ihre schönen Augen oder ihre gute Laune.
Alexa holt ihre schmucke Uniform aus dem Schrank. Morgen früh muss sie wieder los. Fast zärtlich streicht sie über den Stoff und lächelt. „Trotz alledem, ich liebe meinen Job!“