Aus bescheidenen Verhältnissen stieg der vor 25 Jahren verstorbene Alec Guinness in einer rund 60 Jahre dauernden Karriere zu einem der bedeutendsten Schauspieler des 20. Jahrhunderts auf. Dabei hielt er neben seinen rund 50 Kinofilmen dem Theater die Treue – vor allem als Shakespeare-Darsteller.
Der damals 19-jährige Alec Guinness hatte 1933 eine für ihn ernüchternde Einschätzung seines schauspielerischen Potenzials verkraften müssen: Die berühmte britische Mimin Martita Hunt hatte ihm in der letzten von insgesamt zwölf von Guinness bei ihr gebuchten Ausbildungssitzungen keinerlei Chancen für seine erhoffte Schauspieler-Karriere eingeräumt. Aber Alec Guinness ließ sich nicht entmutigen. Statt frustriert zu seinem ungeliebten und nur mit einem Hungerlohn honorierten Job als Texter in einer Londoner Werbeagentur zurückzukehren, konnte er dank eines Stipendiums das Schauspiel-Studium am „Fay Compton Studio of Dramatic Art“ aufnehmen und sich gleichzeitig erste Meriten auf den lokalen Theaterbühnen verdienen.
Machte schon früh von sich reden
Dabei war ihm die Protektion durch den renommierten englischen Theaterdarsteller John Gielgud ungemein behilflich, der schon früh das Talent des unterkühlten jungen Mannes erkannt und ihn daher in seine Schauspieltruppe aufgenommen hatte.
Daneben schaffte Alec Guinness, der damals vor allem den Komiker Stan Laurel bewundert hatte, schon 1936 den Sprung auf die Bretter des legendären Londoner „Old Vic Theatre“, wo er unter anderem mit einer modernen „Hamlet“-Interpretation von sich reden machte. Shakespeare-Rollen sollten denn auch ein wesentliches berufliches Standbein während seiner gesamten Karriere bleiben. Wobei zwischen seinem ersten Auftritt auf einer Theaterbühne am 2. April 1934 – seinem 20. Geburtstag – und seiner letzten Vorstellung am 30. Mai 1989 mehr als 55 Jahre lagen, in denen er es auf stolze 77 Engagements brachte. Trotz seiner frühen Erfolge versuchte Alec Guinness, sein Können weiter zu perfektionieren, weshalb er Ende der 1930er-Jahre auch noch Unterricht am „London Theatre Studio“ aufgenommen hatte.
Eine wichtige Weichenstellung für seine filmische Laufbahn nach dem Zweiten Weltkrieg, den er bei der Royal Navy als Kommandant einer Landungsboot-Infanterie verbracht hatte, war 1939 die von ihm adaptierte Bühnenversion des Romans „Große Erwartungen“ von Charles Dickens. Dabei sorgte Alec Guinness in der Rolle des Herbert Pocket für Furore, was vor allem einem besonderen Besucher nicht entgangen war: dem damals noch relativ unbekannten britischen Filmregisseur David Lean. Dieser griff die gleiche Vorlage 1946 in seinem Film „Great Expectations“ auf, der in den deutschen Kinos unter dem Titel „Geheimnisvolle Erbschaft“ lief. Damit verhalf er Alec Guinness zum Leinwand-Debüt in seiner Paraderolle – und ausgerechnet an der Seite von jener Martita Hunt, die ihm vormals sein Schauspiel-Talent in Abrede gestellt hatte.
Danach folgte 1948 unter der Regie von David Lean mit „Oliver Twist“ eine weitere Dickens-Verfilmung, in der Guinness den Juden Fagin spielte. Doch den Durchbruch als Filmschauspieler schaffte er auf der Insel zunächst vor allem als Komödienstar. Wobei es damals mit den Londoner Ealing Studios einen Spezialisten für schwarze Komödien mit dem typisch trocken-sarkastischen britischen Humor gab. Das Studio hatte die Begabung von Alec Guinness erkannt, sich problemlos in die dafür nötigen unterschiedlichsten Charaktere verwandeln zu können. Und betraute ihn daher mit den Hauptrollen für gleich vier Kassenschlager, beginnend 1949 mit „Adel verpflichtet“. In dem Streifen verkörperte der Schauspieler gleich acht exzentrische Mitglieder einer britischen Adelsfamilie, die im Verlauf von Erbschafts-Streitereien ermordet werden. Es folgten 1951 „Das Glück kam über Nacht“ und „Der Mann im weißen Anzug“ sowie 1955 „Ladykillers“.
1957 wurde er endgültig zum Superstar
Nachdem er im Komödienstreifen „Der Unwiderstehliche“ an der Seite von Petula Clark 1952 erstmals eine romantische Hauptrolle gespielt und vier Jahre später einen Abstecher gen Hollywood gemacht hatte, um in einem Liebesfilm in der Rolle des Prinzen Albert die schöne Grace Kelly zu umgarnen, gelang ihm 1957 unter der Regie von David Lean in der Rolle des prinzipientreuen Colonel Nicholson im epischen Kriegsfilm „Die Brücke am Kwai“ endgültig der Sprung zum Superstar. Das sollte ihm 1958 den Oscar als bester Hauptdarsteller und ein Jahr später die Erhebung in den Adelsstand durch die Queen einbringen. Seine überragende schauspielerische Wandlungsfähigkeit stellte er 1959 in der Rolle eines britischen Agenten in „Unser Mann in Havanna“, 1962 als Prinz Faisal in David Leans Klassiker „Lawrence von Arabien“, 1964 als römischer Kaiser Marcus Aurelius im Monumental-Epos „Der Untergang des Römischen Reiches“ oder 1965 als russischer General in David Leans Blockbuster „Doktor Schiwago“ eindringlich unter Beweis.
In der Branche wurde er fortan bewundernd als „Mann der tausend Gesichter“ bezeichnet, der seine jeweiligen Charaktere mit einer beherrscht-unterkühlten, schauspielerisch minimalistischen Art zu formen und mit einer kleinen Geste oder einem simplen Blick alles zu sagen verstand. Ab Mitte der 1960er-Jahre wurden Sir Alec Guinness immer weniger attraktive Rollen angeboten, weil dafür Mimen aus der jüngeren Generation bevorzugt wurden. Zu den bemerkenswerten Ausnahmen zählten 1970 sein Mitwirken in der Rolle von König Charles I. im Historienfilm „Cromwell – Krieg dem König“, 1972 als Papst Innozenz III. im Franziskaner-Historienstreifen „Bruder Sonne, Schwester Mond“, 1973 in der Titelrolle von „Hitler: Die letzten zehn Tage“, 1980 in seiner Interpretation des hartherzigen Earl of Dorincourt im zum Vorweihnachts-Evergreen gewordenen „Der kleine Lord“ sowie schließlich in der sechsten und letzten Zusammenarbeit mit Regisseur David Lean im Historienfilm „Reise nach Indien“, in dem Alec Guinness 1984 den indischen Mystiker Professor Godbhole darstellte.
Dabei hatte Alec Guinness, der im Thriller „Stumme Zeugin“ 1994 letztmals auf der Leinwand zu sehen war und sich zwei Jahre später komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, sein unerwartetes Comeback in der Filmszene 1977 einem gewissen George Lucas zu verdanken. Der Jungregisseur wollte für sein Weltraum-Märchen „Star Wars“ („Krieg der Sterne“) unbedingt Alec Guinness die Rolle des kapuzentragenden Krieger-Mönchs Obi-Wan Kenobi übertragen. Der sollte als Lehrmeister des jungen Helden Luke Skywalker zum heimlichen Star der ursprünglichen Trilogie werden und Alec Guinness eine neue Fangemeinde erschließen.
Mit 65 Jahren startete seine TV-Karriere
Wegen der aus seiner Sicht banalen Sprüche und dem Überangebot an Spezialeffekten konnte sich der Schauspieler mit dem Kultwerk nicht anfreunden. Allerdings sorgte seine ausgehandelte Tantiemenbeteiligung für einen finanziell sorgenfreien Lebensabend, weshalb er sich 1980 sowie 1983 auch zum Mitwirken bei den Sequels „Das Imperium schlägt zurück“ und „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ überreden ließ. Dem britischen Fernsehen hatte er abgesehen von einer guten Handvoll kaum erwähnenswerter Auftritte lange die kalte Schulter gezeigt. Im Alter von 65 Jahren schließlich trumpfte er 1979 in der siebenteiligen Produktion „Dame, König, As, Spion“ nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré in der Rolle des Meisterspions George Smiley ganz groß auf. Und legte drei Jahre später in der sechsteiligen Serie „Smileys Leute“ nochmal erfolgreich nach.
Alec Guinness de Cuffe wurde am 2. April 1914 im Londoner Stadtteil Maida Vale als uneheliches Kind geboren, genauer gesagt in dem Wohnblock „Lauderdale Mansions South“. Seine Mutter verheimlichte ihm zeitlebens den Namen seines Vaters und war in dem Armenviertel der Themse-Metropole mit ihrem Filius ständig auf der Flucht vor Gläubigern. „Ich wurde im Chaos geboren und versank darin viele Jahre“, so Alec Guinness in seiner 1985 veröffentlichten Autobiografie „Das Glück hinter der Maske“, der er noch zwei persönliche Tagebuch-Publikationen folgen ließ. Die schulische Ausbildung in der „Pembroke Lodge“ in Southborne und im „Roborough House“ in Eastbourne verdankte er der finanziellen Unterstützung durch den mit seiner Mutter befreundeten Bankier Andrew Geddes.
1938 heiratete Alec Guinness die Künstlerin und Schauspielerin Merula Silvia Salaman, zwei Jahre später kam der Sohn Matthew Guinness zur Welt. Seit den 1950er-Jahren besaß die kleine Familie, die 1956 zum katholischen Glauben konvertiert war, ein Haus in der Nähe von Steep Marsh in Hampshire und schirmte ihr von Skandalen freies Leben weitestgehend von der Öffentlichkeit ab. Im Februar 2000 war bei Alec Guinness Prostatakrebs diagnostiziert worden. Zwei Tage vor seinem Tod wurde bei einer Untersuchung auch noch Leberkrebs festgestellt, an dem er in der Nacht des 5. August 2000 in einem Krankenhaus in Midhurst/West Sussex im Alter von 86 Jahren verstarb. Seine Frau, mit der er 62 Jahre verheiratet gewesen war, erlag zwei Monate später dem gleichen Leiden.