Aus Anlass des 65. Jahrestags des Berliner Mauerbaus gestalten Kulturprojekte Berlin und die Stiftung Berliner Mauer vom 13. bis 16. August einen Erinnerungsort mit Installation und Ausstellung am Brandenburger Tor sowie stadtweite Veranstaltungen.
„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Der Satz war nicht nur eine Lüge, er ist inzwischen Kult und auch zum Meme geworden, also zu einer Kulturtechnik, die Bilder, Videos oder auch Texte in immer neuen Zusammenhängen, aber wiedererkennbar verwendet. Etwa so: „Niemand hat die Absicht, aus Anlass des 65. Jahrestags des Berliner Mauerbaus einen temporären Erinnerungsort mit Installation und Open-Air-Ausstellung am Brandenburger Tor sowie stadtweite Veranstaltungen zu gestalten.“
Über 28 Jahre lang teilte die Mauer Berlin
Genau das ist aber geplant, genauso wie die Mauer hochgezogen wurde, obwohl Walter Ulbricht, der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, zwei Monate zuvor am 15. Juni 1961 noch im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin das Gegenteil behauptet hat. Alles Weitere ist bekannt: In den frühen Morgenstunden des 13. August begann die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), West-Berlin mit Stacheldraht und Barrikaden abzuriegeln.
Mehr als 28 Jahre lang durchschnitt die Berliner Mauer danach den Stadtraum, trennte Familien, Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn und manifestierte die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Abriegelung der DDR.
Mit dem 13. August jährt sich in diesem Jahr der Beginn des Berliner Mauerbaus zum 65. Mal. Aus diesem Anlass organisieren Kulturprojekte Berlin und die Stiftung Berliner Mauer in Zusammenarbeit mit dem Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vom 13. bis 16. August ein Programm, das der Opfer gedenkt, die Geschichte veranschaulicht und zugleich die Gegenwart in den Blick nimmt, „indem Fragen nach Grenz- und Teilungsprozessen, nach Demokratie und Freiheit heute Betrachtung finden“, wie die beiden Organisationen ankündigen.
Kulturprojekte Berlin ist eine GmbH, die gemeinnützig arbeitet und deren „Hauptziel ist es, die Berliner Kultur weiter zu stärken und zu fördern sowie tiefere Verbindungen zwischen den verschiedenen Kulturakteuren der Stadt zu fördern“, wie das Team es selbst formuliert. Das Unternehmen erhält eine institutionelle Unterstützung vom Land Berlin und finanziert seine Projekte durch weitere Spenden und Zuschüsse, wobei betont wird, dass man „völlige Autonomie über den Inhalt der Projekte“ hat. Die Stiftung Berliner Mauer erinnert mit zentralen Gedenkveranstaltungen an die historische Teilung und Überwindung der Mauer. Jährlich finden am 13. August, dem Tag des Mauerbaus, und am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, Gedenkveranstaltungen in der Gedenkstätte Berliner Mauer statt.
Das ist nun geplant: Am Brandenburger Tor als zentralem historischen Ort laden eine Installation und die Ausstellung „Mauerblicke. Berlin 1961–1990“ zur Auseinandersetzung mit der Berliner Mauer ein. Auf dem Platz des 18. März, über den die Mauer verlief, entsteht eine „räumliche Intervention“. Sie verweist auf die physische Präsenz der Mauer und konfrontiert Besucherinnen und Besucher mit – wie es die Organisatoren formulieren – „der Brutalität der Grenzziehung“. Gleichzeitig lenkt die Durchlässigkeit des Materials, aus dem diese „räumliche Intervention“ sein wird, den Blick auf das Dahinter. Je nachdem, aus welchem Winkel der Betrachter die Installation anschaut, wird sie transparent. „Wo einst kein Durchkommen war, öffnet sich der Blick in die Weite, teils klar, teils verschwommen. Dann wieder verblendet die Installation den Blick und gibt nur ein punktuelles, scharf umrissenes Sichtfeld frei. So werden in der Interaktion im öffentlichen Raum Momente der Trennung und der Begegnung erfahrbar und der eigene Standpunkt sowie die damit verbundene Perspektive spielerisch zur Disposition gestellt“, erklären die Veranstalter.
Die Open-Air-Ausstellung am Brandenburger Tor widmet sich dem Bau der Berliner Mauer und dessen Auswirkungen. Dabei stellt sie historische Fotografien der voranschreitenden Abriegelung der Sektorengrenze und der Berliner Mauer in den Mittelpunkt. Die Fotografien veranschaulichen, welchen massiven Einschnitt die Abriegelung für die Menschen in der geteilten Stadt bedeutete und wie sie – im Laufe der Jahre – mit ihr umgingen. „Zugleich wird in den Bildern deutlich, wie die Mauer zu einem symbolträchtigen Ort wurde, einem Bild der Zeit. Der erstaunte, ungläubige Blick ist dabei Thema, aber auch der gewohnte, der touristische oder journalistische Blick auf das Bauwerk“, kündigen die Ausstellungsmacher an.
Die Schau widmet sich auch dem Blick der DDR-Staatsmacht, die die Mauer systematisch überwachte. Demgegenüber stehen westliche Einsatzkräfte, die die Grenzanlagen beobachteten, zu sehen in Bild- und Textmodulen und auf Elementen, die die Besucherinnen und Besucher herausfordern, selbst einen Blickwinkel zu finden. So wird die Geschichte der Berliner Mauer vermittelt. Führungen durch die Ausstellung, Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie künstlerische Beiträge ergänzen das kostenfreie Programm vor Ort.
Auch an die Mauer-Toten wird erinnert
In der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße sowie an vielen weiteren Orten in ganz Berlin sind Veranstaltungen geplant, die unterschiedliche Perspektiven auf Mauer und Teilung thematisieren. Die zentrale Gedenkveranstaltung findet am 13. August in der Gedenkstätte statt. Außerdem gibt es dort Sonderführungen und Workshops sowie eine Sonderausstellung, die sich mit dem Thema Flucht aus der DDR über die Ostsee beschäftigt.
Verbunden wird das Programm zwischen Brandenburger Tor und der Gedenkstätte Berliner Mauer, indem einst stillgelegte sogenannte Geisterbahnhöfe auf der S-Bahnlinie vom Brandenburger Tor bis hin zur Oranienburger Straße und zum Nordbahnhof wie auch der Grenzbahnhof Friedrichstraße in ihrer historischen Bedeutung sichtbar gemacht werden. Mit großflächigen Hinweisen in den S-Bahnhöfen und Ausstellungstafeln am Bahnhof Friedrichstraße und am Nordbahnhof werden die Geschichten der Bahnhöfe neu erzählt. So wird die Strecke zwischen den zentralen Gedenkorten von „65 Jahre Mauerbau“ zu einer „Einladung, der Geschichte zu folgen und alltägliche Wege innerhalb Berlins in ihrer historischen Dimension zu erkunden“.
Zu den künstlerischen Programmpunkten gehören unter anderem Konzerte von „hackedepiciotto“ (Alexander Hacke und Danielle de Picciotto), Masha Qrella sowie Katharina Kollmann und dem Chor der KulturMarktHalle. Die Lesung aus dem Buch „Mauerpogo“ von Sonja M. Schultz setzt sich mit Queerness, Punk und Widerstand in der DDR auseinander. Das vom Bundesarchiv veranstaltete Campus-Kino in der ehemaligen Stasi-Zentrale erzählt mit dem Dokumentarfilm „Tunnel der Freiheit“ die Fluchtgeschichte von 29 Ostberlinerinnen und Ostberlinern. Diverse Führungs- und Live-Speaking-Angebote in der Bernauer Straße, im Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt, der Gedenkstätte Günter Litfin, der East Side Gallery und an weiteren Orten in der Stadt vermitteln unterschiedliche Blickwinkel und historische Aspekte der deutschen Teilung. In der Ausstellung „Wo Kolibris schwimmen“ in der Gedenkstätte Berliner Mauer befasst sich die Künstlerin Marie Jeschke mit Fluchtversuchen über die Ostsee. Die Lesung „140 Menschen – 140 Namen“ erinnert an die 140 Todesopfer an der Berliner Mauer. Im Erzählcafé der Berliner Landeszentrale für politische Bildung werden die Lebenserfahrungen von Menschen mit Behinderung zu Zeiten der Berliner Mauer thematisiert. Das Asisi-Panorama ermöglicht eine immersive Auseinandersetzung mit dem Leben an der Mauer. Und mit den Berliner Unterwelten geht es in einen erhaltenen Fluchttunnel, geführt von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.