Der japanische Hersteller hat die E-Mobilität lange skeptisch beäugt. Das merkt man dem Mazda 6e nicht an. Kann es das Langstrecken-Modell mit der teureren Konkurrenz aufnehmen?
Kann das wirklich stimmen? Ich reibe mir kurz die Augen, doch das Logo auf dem Lenkrad bleibt dasselbe. Mazda – das ist ein Hersteller, der mit Elektromobilität bislang nicht viel anfangen konnte. Sein letztes und bisher einziges E-Auto, der MX-30, wurde 2025 durch einen Plug-in-Hybrid ersetzt. Benzin statt Strom, so schien es lange. Doch jetzt ist Mazda zurück und baut plötzlich eine Elektro-Limousine – und was für eine! Elegant und windschnittig steht sie da, schmale LED-Scheinwerfer, flach abfallendes Heck, versenkbare Türgriffe. Sogar ein Panorama-Glasdach sowie einen Heckspoiler gibt es, der ab einer Geschwindigkeit von 90 km/h automatisch ausfährt. Ist das noch ein Mazda? Oder schon ein Mercedes?
Oberklasse-Feeling im Innenraum
Elektrische Limousinen sind im aktuellen SUV-Zeitalter eine Seltenheit. Da wären zum Beispiel der VW ID.7 (ADAC-Testsieger), der Mercedes EQE (mit Riesenbildschirm) oder der sportliche Polestar 2. Alles schöne Autos, die allerdings eines gemeinsam haben: Mit vernünftiger Ausstattung kosten sie mindestens 50.000 Euro, im Falle des Mercedes sogar fast 70.000 Euro. Was also bietet der Stromer-Neuling aus Japan? Sieht er nur stylisch aus oder kann er es tatsächlich mit der Konkurrenz aufnehmen, die schon lange Elektroautos baut?
Ich sitze in der günstigsten Variante, genannt „Takumi“. Übersetzt bedeutet das „Handwerker“, und das völlig zu Recht. Denn Mazda versteht hier offensichtlich sein Handwerk. Der mit Kunstleder bezogene Innenraum lässt Oberklasse-Feeling aufkommen, die Sitze sind bequem. Head-up-Display, Touchscreen, Navi – alles inklusive. Auch eine Sitzheizung für Fahrer und Beifahrer ist immer dabei, genau wie eine Ambientebeleuchtung und eine Handyablage, die induktives Laden ermöglicht. Diese Basisausstattung kostet 44.900 Euro. Damit enthält der Mazda 6e im Grunde alles, was man braucht.
Die teurere „Takumi plus“-Edition beinhaltet zusätzlich ein Sonnenrollo fürs Glasdach, ein Lederlenkrad und hochwertigere Sitzbezüge. Darüber hinaus lässt sich die Batteriegröße auswählen. Die Basisausstattung (mein Testfahrzeug) bietet eine Normreichweite von 479 Kilometern, die Langstrecken-Variante 552 Kilometer. Kurios: Die Ladeleistung beim großen Akku ist deutlich schlechter als beim kleinen. So dauert es gähnend lange 47 Minuten, ihn von zehn auf 80 Prozent aufzuladen. Beim kleineren Akku hingegen sind es nur 24 Minuten. So entsteht die bizarre Situation, dass die kleinere Batterie empfehlenswerter ist als die große. Man spart damit also nicht nur Geld, sondern auch Zeit.
Noch schneller an der Ladesäule sind nur E-Autos, die mit einem 800-Volt-System ausgestattet sind, so wie der futuristisch aussehende Hyundai Ioniq 6. Dieser schafft es unter Idealbedingungen sogar in 18 Minuten. Allerdings kostet er auch ein paar Tausend Euro mehr als der Mazda, wenn man die Ausstattung als Maßstab nimmt.
Beim Losfahren setzt sich der positive Eindruck fort. Das Fahrwerk bügelt Schlaglöcher souverän aus, beim Abbiegen erscheint ein Live-Bild des toten Winkels auf dem Bildschirm. Nur die Bedienung finde ich gewöhnungsbedürftig, weil es – außer am Lenkrad und für den Warnblinker – keinen einzigen Knopf gibt. Dass dieses Konzept regelrecht „chinesisch“ wirkt, kommt nicht von ungefähr: Beim e6 arbeitet Mazda mit dem chinesischen Hersteller Changan zusammen. In Europa sagt dieser Name niemandem was, doch in China ist der Staatskonzern ein großer Player.
Viele Assistenzsysteme serienmäßig an Bord
Knopflos unterwegs zu sein bedeutet in der Praxis: erst mal durchs Menü tippen. Wo stellt man die Temperatur ein, wie sucht man digitale Radiosender? Die Sprachsteuerung wäre in einem solchen Fall hilfreich, doch bei diesem Feature endet das Oberklasse-Feeling. Während bei Mercedes ein „Mir ist kalt“ genügt und der Bordcomputer sogar Witze erzählen kann, laufen die Anfragen beim Mazda häufig ins Leere. Wie man die Lenkradheizung einschaltet, finde ich während meiner gesamten zehntägigen Testphase nicht heraus. Und wenn das Auto doch mal antwortet, klingt die Stimme oft künstlich und abgehackt, wie bei einem Roboter.
Nervig wird es immer dann, wenn sich die Spracherkennung ohne Aufforderung aktiviert. Das passiert vor allem dann, wenn ich mich mit anderen Personen unterhalte, entweder im Auto oder am Telefon. Zu wild gestikulieren sollte man dabei tunlichst nicht, weil das „Victory-Zeichen“ (V mit Zeige- und Mittelfinger bilden) den Selbstauslöser der Innenraumkamera aktiviert. Eine solche Selfie-Funktion habe ich bisher in noch keinem Auto erlebt – witzig, aber letztlich sinnlos. Mit den Fotos lässt sich nämlich nichts anstellen. Sie können weder per Bluetooth noch per USB-Stick oder anders exportiert werden, sondern verharren auf der Auto-Festplatte.
Das Navi hingegen gibt alles. Wie es sich für moderne E-Autos gehört, plant es automatisch Ladestopps ein, wenn das Ziel außerhalb der Reichweite liegt. Dabei lässt sich einstellen, welche Stromanbieter berücksichtigt werden sollen, was preissensiblen Kunden zugutekommt. Einziges Manko: Das Navi rechnet arg vorsichtig. Für meine knapp 600 Kilometer lange Strecke von Bonn nach Berlin schlägt es drei Ladepausen vor. In der Realität komme ich mit einer aus, was angesichts von Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt ein Lob verdient hat. Im Winter brechen die Reichweiten von Elektroautos nämlich oft ein, weil die Heizung viel Strom verbraucht. Auch der Stopp an der Ladesäule zieht sich mit einem durchgefrorenen Akku meist in die Länge – nicht so beim Mazda 6e. Von 15 bis 80 Prozent braucht er genau 23 Minuten.
Was die Assistenzsysteme angeht, lässt sich Mazda ebenfalls nicht lumpen. Neben diversen Notfallsystemen ist ein Abstandstempomat serienmäßig dabei, außerdem ein Spurwechsel-Assistent und ein Querverkehrswarner, der beim Einparken auf herannahende Personen oder Fahrzeuge hinweist. Die hochauflösende Rückfahr- und Rundum-Kamera leistet ebenfalls gute Arbeit. Bei der Konkurrenz sind solche Systeme in vielen Fällen aufpreispflichtig.
Sehr gutes Angebot für diese Preisklasse
Meist funktionieren die Helfer vorbildlich, mit zwei Ausnahmen: In einer Autobahn-Baustelle erkennt der Spurhalter die gelben Markierungen nicht und steuert gegen sie an. Ein andermal leistet sich die Verkehrszeichen-Erkennung einen Aussetzer. So behauptet das System, ich dürfe auf einer innerstädtischen Hauptstraße 100 km/h fahren. Ob die Polizei das als Ausreden gelten lässt?
Was für den Mazda 6e spricht, sind seine guten Platzverhältnisse. Sowohl vorne als auch hinten lässt es sich stundenlang bequem aushalten; Kopf- und Beinfreiheit sind gegeben. Während der Kofferraum mit seinen 466 Litern eine durchschnittliche Größe bietet, passt im Frunk (Stauraum unter der Motorhaube) ordentlich was rein. 72 zusätzliche Liter! Das reicht nicht nur fürs Ladekabel, sondern für einen Rucksack oder eine kleine Reisetasche.
Nach sieben Stunden auf der Autobahn neigt sich mein Tag dem Ende zu. Als ich in Berlin ankomme, verspüre ich ein ungewöhnliches Gefühl: Ich könnte noch weiterfahren! Die bequemen Sitze, die schummerige Ambientebeleuchtung, das große Navi – fast schon ein rollendes Wohnzimmer, diese Elektrolimousine.
Natürlich ist aber auch der japanische Stromer nicht perfekt. Der Hyundai Ioniq 6 lädt schneller, VW hat
das komfortablere Fahrwerk und Mercedes den größeren Bildschirm. Aber sonst? Bietet der Mazda 6e – bis auf ein paar Kleinigkeiten – ein konkurrenzfähiges Angebot. Mehr noch: Die Fahrt macht sogar richtig Spaß, und das zu einem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis. Gut, dass Mazda endlich in die Elektromobilität einsteigt – besser spät als nie!