In ihrer Heimat Frankreich ist die Band Indochine eine bekannte Größe. Hierzulande fristet das Pop-Ensemble auch nach fast 45 Karrierejahren ein Schattendasein. Warum? Eine Spurensuche in Frankreich.
In der Konzerthalle Le Zénith bei Straßburg stehen am 25. Februar vorigen Jahres Indochine-Fans aus mehreren Generationen – von „La Boum“ bis „LoL“. Sie warten vor der Bühne gespannt auf ihre Idole. Als die Bandmitglieder auf der Videoleinwand in Großformat zu sehen, und „Showtime“ als Ouvertüre zu hören ist, brandet tosender Beifall der 12.000 Besucher auf.
Rückblick. Sänger Nicola Sirkis (Jahrgang 1959), Bassist Dominique Nicolas (Jahrgang 1958) und Saxophonist Dimitri Bodianski (Jahrgang 1964) hoben Indochine am 10. Mai 1981 aus der Taufe. Ihr Bandname erinnert an die von Sirkis geschätzte Schriftstellerin Marguerite Duras (1914-1996), die sich in ihren zahlreichen Werken mit ihrer Heimat Indochina und dem Kolonialismus auseinandersetzte.
Sein erstes Konzert gab das musikalische Trio im September 1981 im Rose Bonbon, einem damals angesagten Club in Paris. Ihre Musik vereint mehrere Stile – Punk, New Wave, Dark Wave, Gothic, Rockabilly – und verkörpert für die Buchautorin Rafaëlle Hirsch-Doran das Pendant zur „Metro-Arbeit-Schlaf-Routine“ für die Jugendlichen im Frankreich der frühen Achtzigerjahre. Indochines Look: eine Melange aus New Wave, Neoromantik, Rockklassizismus. Die als französische Depeche Mode apostrophierte Band – im Frühjahr 1982 trat Indochine als Vorgruppe von Depeche Mode im Théâtre Le Palace in Paris auf – wurde Gesprächsthema renommierter Zeitungen und hinterließ bleibenden Eindruck bei der Plattenfirma Clémence Melody, die sie unter Vertrag nahm.
Am 15. November 1982 veröffentlichte die inzwischen zum Quartett herangewachsene Band – zu ihr gesellte sich Nicolas Zwillingsbruder Stéphane – ihre erste Single „L’Aventurier“, eine Hommage an den fiktiven Abenteurer und Nicola Sirkis‘ Helden aus Kindertagen Bob Moran. Das gleichnamige Album verkaufte sich 250.000 Mal.
„Da Indochines zweites Album nicht so erfolgreich war wie das erste, hielt die Plattenfirma einen Remix für angebracht“, erinnert sich Perkussionist Arnaud Devos, der damals mit Indochines Arrangeur Philippe Eidel zusammenarbeitete und die Percussions für den Track „Kao Bang“ einspielte. „Die vier Bandmitglieder schätzten meinen Beitrag und ich wurde eingeladen, am Album „3“ mitzuwirken“, sagt Devos, der zu dem dritten Bandalbum auch einige Background-Vocals beisteuerte und beim Programmieren der elektronischen Schlagzeugparts half. Für ihn und die Band sei es eine interessante Erfahrung gewesen, und so habe er begonnen, live zu spielen, sagt Devos, der die Band auf ihrer „Indochine Joue“-Tour 1985/86 begleitete und an dem Album „Live au Zénith“ mitwirkte. Indochines Songs wie „Canary Bay“, „3e sexe“, „Trois nuits par semaine“ wurden zu Hits, die Fans 40 Jahre später noch mitsingen – wie während des Indochine-Konzerts im Februar 2025.
Live-Konzerte mit Zuschauerrekorden
Weniger langlebig als ihre Hits war jedoch die Zusammensetzung der Band, die im Laufe ihrer Karriere mehrfach wechselte. Mitte der Achtzigerjahre stieg Arnaud Devos aus: „Ich mochte die Atmosphäre auf Tournee nicht besonders und widmete mich lieber der Arbeit im Studio, was mich dazu veranlasste, meine Arbeit mit Indochine aufzugeben, obwohl sie mir damals angeboten hatten, Teil der Band zu werden.“ Saxophonist Dimitri Bodianski verließ 1989 die Band, 1994 Bassist Dominique Nicolas. Seit ihrer Gründung durchlebte die Band nicht nur Höhen. 1999 starb Nicola Sirkis‘ Zwillingsbruder Stéphane mit 39 Jahren an Hepatitis.
Indochine avancierten in ihrer fast 45-jährigen Karriere zu Lokalmatadoren, die live für Zuschauerrekorde sorgen. Zum 40. Bandjubiläum schuf die Band um den Frontmann mit weißer wallender Mähne mittels einer imposanten Szenografie Revolutionäres: In der Mitte des Stadions ragte die größte Videoleinwand auf, die jemals für ein Live-Konzert verwendet wurde. Die Show in Lyon war außerdem das erste Konzert der Welt, das live für Imax gefilmt wurde und für eine Nacht in Lichtspielhäusern in neun Ländern gezeigt wurde. Mit 14 Studioalben, über 15 Millionen verkauften Tonträgern, über 1,2 Millionen verkauften Tickets für ihre „Arena-Tour“ zählen Indochine zu den erfolgreichsten Bands Frankreichs.
Indochine reüssierten nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in Peru, Vietnam, Kanada, Skandinavien, Belgien. Was den Erfolg der Band ausmacht? Die Band erfindet sich Album für Album neu, bringt Menschen über fast ein halbes Jahrhundert hinweg zusammen, jeder findet in ihr ein Thema, das ihn tief berührt. Die Ticketpreise seien mit 50 bis 80 Euro „unglaublich niedrig“, und die Band biete eine monumentale Show mit ultra-technologischem Bühnenbild, kraftvollen Konzerten sowie einer „unglaublichen Verbindung zum Publikum“, erklärt Hirsch-Doran, die gemeinsam mit Nicola Sirkis das Buch „Indochine“ schrieb. Während ihrer „Europe City Club Tour“ 2015, die in kleinen Clubs in europäischen Großstädten stattfand, spielten Indochine im Berliner Postbahnhof ihr bislang einziges Konzert in Deutschland. „Nicola erzählt mir, dass ,Trois nuits par semaine‘ in den Berliner Schwulenclubs sehr beliebt ist“, sagt Hirsch-Doran. Warum Indochine hierzulande ein Nischendasein führt? „Ich fragte Nicola Sirkis nach seiner Meinung dazu, und er sagte mir, es liege daran, dass Sony International Indochine nicht priorisiere und sie im Ausland nicht bekannt mache“, so Hirsch-Doran. Aufgrund des mangelnden Interesses der Plattenfirma, so die Autorin weiter, sei auch eine nach der Veröffentlichung ihres Albums „Babel Babel“ geplante Europa-Tournee in Deutschland ausgeblieben. Indochines Single „Le Chant des Cygnes“ aus ihrem neuen Album „Babel Babel“ war der Song des ZDF-Olympia-Sportstudios während der Sommerspiele 2024 in Paris.