Rund 2.000 Bauernhöfe und Buschenschenken mit dem Qualitätssiegel „Roter Hahn“ öffnen in Südtirol ihre Türen, um Feriengästen ein Erlebnis zu schenken, das mehr ist als ein gewöhnlicher Urlaub.
Seit 1873 ist der „Ansitz Lidl“ in Prissian schon in Familienbesitz. Zu ihm gehören Apfelplantagen und Weinberge. Die jetzigen Besitzer Stephanie und Günther Rainer stellten sich die Frage, wie man das große Anwesen für die Zukunft erhalten könnte. Das Paar sanierte, baute um und schuf fünf individuelle Ferienwohnungen. Sie tragen illustre Namen wie Ferdinanden, Franciscus Jacobus oder Magdalena Catharina. „Mir macht es viel Freude, mit den Besuchern zu arbeiten“, sagt Stephanie Rainer. „Meine Leidenschaft gehört dem Einkochen, Backen und Kochen.“ Sie verwöhnt ihre Feriengäste jeden Morgen mit einem reichhaltigen Frühstückstablett, das sie direkt in die Appartements bringt. „Und mit dem eigenen Hofladen habe ich mir einen weiteren Traum erfüllt.“
Schnellste Eisbahn der Welt
Seit 2008 trägt der „Lanznasterhof“ in Unterinn bei Bozen den Namen der Familie Lang. Wer ihn besucht, merkt schnell, dass hier jeder seinen Platz hat – und seine Berufung. Bäuerin Renate empfängt die Feriengäste mit jener herzlichen Selbstverständlichkeit, die man oft nur in den Bergen findet. In ihrer Küche entstehen Fruchtaufstriche, Gelees und Sirupe aus Blau-, Johannis-, Stachel- und Brombeeren. Der Duft reifer Früchte mischt sich mit dem warmen Aroma eingekochten Zuckers – ein erster Vorgeschmack auf den Aufenthalt. Währenddessen ist ihr Mann Ivan selten im Haus anzutreffen. Südtirols Pferdeflüsterer, wie man ihn in der Region nennt, verbringt seine Tage auf dem Gestüt Feuerstein. Dort züchtet er Araberpferde und gibt Reitunterricht. Ein paar Schritte weiter pflegt Oma Jula ihren farbenprächtigen Blumengarten.
Wenn der Winter ins Land zieht, verwandelt sich der Hof. „Wir verleihen Schneeschuhe und Stöcke“, sagt Renate Lang, die gleich mehrere Routen empfehlen kann. Jeder Besucher bekommt zudem einen Gästepass: Freie Fahrt mit allen Südtiroler Verkehrsmitteln, dazu die Rittner-Horn-Bergbahn, der Eintritt zum Eislaufen und zu den Eishockeyspielen in der Arena Ritten. Auf der schnellsten Freiluft-Eisbahn der Welt jagen internationale Stars ihren Bestmarken hinterher – ein Spektakel, das man nicht vergisst. Für Familien ist das Rittner Horn ein Geheimtipp. „Es gibt keine steilen Pisten, kaum Gedränge – und verlaufen können sich die Kinder auch nicht“, erklärt Renate Lang, selbst Mutter von drei Kindern. „Wir haben großartige Bergbauernbetriebe, auch in abgelegenen Tälern, die sich über ganz Südtirol erstrecken. Der Biohof ‚Unterschweig‘ im Ultental zum Beispiel liegt abgeschieden auf knapp 2.000 Metern Höhe“, sagt Nadine Messner vom Bund Roter Hahn. Also weit entfernt von Hektik und Autoverkehr. Die Gäste verbringen ihren Urlaub mitten in der Natur. „Unser neuestes Angebot ist die Kochschule. Dafür haben wir den Föhrnerhof bei Bozen angemietet“, ergänzt Messner. Auch im Winter können Kurse gebucht werden. „Die sind sehr beliebt bei den Feriengästen. Jährlich gibt es bis zu 50 Koch-Veranstaltungen.“ Sie tragen so illustre Namen wie „Fleisch von Kopf bis Fuß“ oder „Alles aus der Pfanne“. Dabei kochen die Teilnehmer interaktiv. Gemeinsam wird ein Vier-Gänge-Menü hergestellt. „Es geht um das Erlebnis. Man verzehrt gemeinsam und kocht dann den nächsten Gang.“
Entschleunigtes Südtirol
Bäuerin Jutta Tappeiner vom „Kräutererbe Bacherhof“ in Nals geht durch ihren winterlichen Naturgarten. „Wer hierherkommt, kehrt später mit mehr Freude in den eigenen Garten zurück“, sagt sie. Dann bleibt sie stehen, hebt einen Laubhaufen an und lächelt. „Im Winter bleibt alles liegen. Unsere tierischen Mitbewohner, vor allem die Igel, brauchen einen sicheren Rückzugsort.“ Der Bio-Obsthof liegt eingebettet in die Berglandschaft des Meraner Landes, umgeben von Apfelbäumen, Terrassen und alten Steinmauern. Nichts hier folgt dem Zufall – vieles aber den Naturlehren von Sebastian Kneipp und Hildegard von Bingen. „Sechs Gäste in drei gemütlichen Ferienappartements reichen mir“, sagt Tappeiner. „Ich will Zeit haben. Für Gespräche. Für das, was die Menschen wirklich bewegt.“ Die, die bleiben, erleben eine Art entschleunigtes Südtirol: Apfelverkostungen mit Sorten, die man eher selten im Supermarkt findet. Kurse in Naturkosmetik, bei denen Rosenblätter zu Salben werden. Und kleine Hausmusik-Konzerte in der Stube, die mehr an ein Freundestreffen erinnern als an ein touristisches Angebot. In ruhigen Stunden schreibt Tappeiner – über Bräuche, über traditionelles Wissen und über die Kraft von Rosen. „Wer ein paar Kräuter kennt und sie richtig anwendet, der kann Erstaunliches bewirken.“
Ihr Zugang zur Natur wurzelt in ihrer Kindheit. Das Buch „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“ von Maria Treben begleitete sie, als sie begann, Heilpflanzen systematisch zu sammeln und zu bestimmen. Gemeinsam mit dem verstorbenen Ethnologen Hans Grießmair erforschte sie über Jahre auch die Bräuche Südtirols. Ihre Erkenntnisse veröffentlichte sie in einem Buch.
Der „Rote Hahn“, das Gütesiegel des Südtiroler Bauernbunds, steht seit vielen Jahren für Echtheit, Sorgfalt und gelebte Tradition. Wer auf einem dieser Höfe ankommt, kommt nicht einfach irgendwo an – er tritt ein in ein Stück Südtiroler Geschichte. Hier werden die Touristen von Familien empfangen, die ihre Höfe seit Generationen prägen und die bereit sind, ein Stück ihres Alltags weiterzugeben: Geschichten vom Leben zwischen Heuwiesen und Gipfeln, Bräuche, die man nur dort versteht, wo sie entstanden sind, und das stille Wissen um Natur und Jahreszeiten. Sie zeigen dabei ein Stück weit das einfache, gute Leben.
Ein Aufenthalt in einem „Roter Hahn“-Hof bedeutet deshalb weit mehr als ein Bett mit Aussicht. Es ist das Ankommen in einer Welt, die erdet – und in der man spürt, wie eng Tradition und Gegenwart miteinander verwoben sein können.