Obwohl sein Name untrennbar mit der Rolle von Kult-Kommissar Horst Schimanski verbunden ist, setzte der vor zehn Jahren verstorbene Götz George in seiner rund 65 Jahre währenden Schauspielkarriere dank seiner legendären darstellerischen Bandbreite Akzente in nahezu allen Genres.
Zu seinem 75. Geburtstag hatte der WDR ihm im Herbst 2013 den letzten von insgesamt 46 Auftritten in seiner Paraderolle des Ruhrpott-Kommissars spendiert: „Schimanski: Loverboy“. Ebenfalls in direktem Zusammenhang mit seinem Wiegenfest-Jubiläum hatte er sich im ARD-Dokudrama „George“ nach jahrelanger Bedenkzeit zur Darstellung der übermächtigen Vaterfigur Heinrich George durchringen können. Letzterer war zwar eine der größten deutschen Schauspielerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, sein künstlerisches Lebenswerk wird jedoch durch sein Mitwirken bei NS-Propagandafilmen bis heute als stark belastet angesehen. Nachdem Götz George 2014 mit dem Großen Verdienstkreuz ausgezeichnet worden war, kündigte er wenig später in der „WAZ“ das Ende seiner Karriere an. Nach Ausstrahlung seines ARD-Thrillers „Besondere Schwere der Schuld“, in dem er nochmals in eine eindringliche Charakterrolle schlüpfte und einen aus dem Gefängnis entlassenen Mörder spielte, sollte Schluss sein. „65 arbeitsreiche Jahre, habe ich mir gedacht, sollten genug sein in einem so schwierigen Beruf.“
Dennoch ließ er sich danach noch einmal zur Übernahme einer Nebenrolle als polternder Bergbau-Baron im ARD-Krimi „Böse Wetter – Das Geheimnis der Vergangenheit“ überreden. Während seines kurzen Aufenthalts am Set im Sommer 2015 präsentierte er sich in gewohnt professioneller Verfassung. Entsprechend hatte niemand mit seinem plötzlichen Tod am 19. Juni 2016 gerechnet. Götz George starb in Hamburg, wo er eine Dachgeschosswohnung besaß. Daneben besaß er eine Villa in Berlin und ein Anwesen auf Sardinien. Der Schauspieler wurde in aller Stille in seiner Geburtsstadt Berlin auf dem Friedhof Zehlendorf im George-Familiengrab beigesetzt. Sein künstlerisches Vermächtnis umfasst 46 Kinofilme und 130 TV-Produktionen. Nicht zu vergessen seine 40-jährige Präsenz auf deutschsprachigen Theaterbühnen zwischen 1950 und 1990.
„Ein Genie in der Familie reicht“
Dass Kinder von berühmten Schauspielern fast zwangsläufig den gleichen Berufsweg einzuschlagen pflegen, galt auch für den am 23. Juli 1938 in Berlin-Schöneberg geborenen Götz Karl August George. Für seine Karriere wählte er seinen gebräuchlichsten Vornamen nach der Lieblingsrolle seines Vaters, dem Götz von Berlichingen. Doch die künstlerischen und charakterlichen Fußabdrücke des Jahrhundert-Mimen Heinrich George, den Götz oft als „genialisches Monstrum“ bezeichnete, waren so riesig und tief, dass er den Schritt womöglich niemals gewagt hätte, wenn der Vater seine Karriere nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hätte fortsetzen können.
Doch Vater Heinrich George starb am 25. September 1946 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen an den Folgen einer Blinddarmentzündung. „Von da an stellt sich Götz George in den Schatten des Vaters, ergreift den Beruf nur, weil es Heinrich George nicht mehr gibt“, wie es die „Süddeutsche Zeitung“ notierte. „Wäre Heinrich George nicht früh gestorben, den Schauspieler Götz George hätte es wohl nicht gegeben. Der charakterstarke Vater wäre eine zu große Hypothek für den Sohn gewesen“, argumentierte die „SZ“ weiter. Dem „Stern“ gegenüber bestätigte Götz George, dass er bei einer Rückkehr des Vaters niemals Schauspieler geworden wäre: „Ein Genie in der Familie reicht, hat Vater gesagt.“
Schon mit zwölf Jahren stand der von seiner Mutter Berta Drews unterstützte Götz George 1950 erstmals in der Rolle eines Hirtenjungen auf der Bühne des Berliner Hebbel-Theaters. Unter diesem frühen und zeitaufwendigen Engagement litten seine Leistungen in der privaten Berthold-Otto-Schule in Lichterfelde. Daher wechselte er auf ein Schweizer Nobel-Internat in der Nähe von St. Moritz, wo er am Lyceum Alpinum Zuoz die Mittlere Reife ablegte. 1953 erhielt er im Heimatfilm „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ an der Seite der ebenfalls debütierenden Romy Schneider seine erste kleine Leinwandrolle und begann danach die Schauspieler-Ausbildung von der Pike an.
Zunächst besuchte er von 1955 bis 1958 das Berliner Ufa-Nachwuchsstudio unter Leitung von Else Bongers. Danach erhielt er ab 1958 dank der Kontakte seiner Mutter ein Engagement beim Deutschen Theater in Göttingen, wo ihn der legendäre Heinz Hilpert bis 1963 unter seine Fittiche nahm. Hier machte er sich in Hauptrollen wie dem Orest in Jean-Paul Sartres „Die Fliegen“ schnell einen Namen. Als gelernter Theaterschauspieler gelang Götz George schließlich der Sprung ins Kino, um viel später durch das Medium Fernsehen so richtig populär zu werden. „Georges Stil ist auf der Bühne formuliert worden, nicht vor einer Kamera – immer war sein Spiel existenziell, voller Hingabe und Identifikation, geschmückt von großen Gesten, Schweiß und schwerem Atem“, schrieb die „Zeit“ über ihn. George selbst merkte dazu an: „Ich muss die Figuren inhalieren, anders kann man es gar nicht sagen. Ich inhaliere sie, ohne intellektuell darüber nachzudenken.“
Seine erste Kinohauptrolle hatte der athletische, 1,83 Meter große Schauspieler mit blauen Augen und dunkelblondem Haar schon 1956 in der DDR im Defa-Heimatfilm „Alter Kahn und junge Liebe“ erhalten, als er den Sohn eines sturen Havelschiffers mimte; in der Krimi-Komödie „Der Bruch“ sollte er 1988 ein zweites Mal an einer DDR-Produktion beteiligt sein. In der Bundesrepublik wurde er für seine Rolle eines Boxers in der 1959 erschienenen Filmkomödie „Jacqueline“ ein Jahr später mit dem Preis als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet. Sein Mitwirken an gleich drei Filmen der Karl-May-Serie, beginnend mit „Der Schatz im Silbersee“ 1962, war einer rasanten Kinokarriere trotz eines öffentlichen Bekanntheitsschubs im Nachhinein ebenso wenig förderlich wie seine Rollen in insgesamt 26 kaum erwähnenswerten Streifen bis zum Jahr 1970. Die jungen Repräsentanten des aufkommenden Neuen Deutschen Films zeigten Götz George die kalte Schulter. „Die Regisseure haben gesagt, Opas Kino ist tot. Und zu den Opas gehörte ich“, sagte Götz George einmal.
Die Presse lief Sturm nach erstem „Tatort“
Sieben Jahre lang verschwand er von der Kinoleinwand, die Rettung und gleichzeitig seinen Durchbruch bei der seriösen Filmkritik brachte ihm dann der Spielfilm „Aus einem deutschen Leben“ 1977, als er in der Figur des Franz Lang den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß personifizierte. Notgedrungen hatte er einen Großteil der Siebziger hauptsächlich auf Theaterbühnen verbracht. Und er schenkte auch Fernsehengagements zunehmende Aufmerksamkeit, obwohl er schon 1957 in der Komödie „Kolportage“ erstmals in der heimischen Flimmerkiste zu sehen war. Größtenteils handelte es sich um kleinere Episodenrollen in Serien-Dauerbrennern wie „Derrick“, „Tatort“ oder „Der Alte“.
Doch dann fegte er ab 1981 in seiner WDR-Paraderolle des Horst Schimanski die distinguierten Altherren-Kommissar-Typen gleichsam vom Bildschirm. Nie zuvor hatte es einen solch raubeinigen, Bier trinkenden, mit lockeren Sprüchen samt Ausflügen in die Vulgärsprache („Scheiße“) um sich werfenden, saloppe Klamotten wie die legendäre Army-Feldjacke und Cowboystiefel tragenden oder stets prügelbereiten Verbrecherjäger auf der deutschen Mattscheibe gegeben. Als Steigerung dazu noch das wenig animierende Umfeld trostloser Duisburger Ecken.
Herausragend als NS-Arzt Mengele
Als die erste von insgesamt 29 Tatort-Folgen (inklusive zweier Kino-Adaptionen; Quotenrekord zum Abschluss 1991: „Der Fall Schimanski“ mit rund 16,68 Millionen Zuschauern) Ende Juni 1981 unter dem Titel „Duisburg-Ruhrort“ ausgestrahlt worden war, ging denn auch ein Pressehagel auf den schnauzbärtigen „Schmuddelkommissar“ nieder. Im Laufe der Zeit wurde der rebellische Arbeitervorstadt-Ermittler Kult und rettete damit letztlich sogar das gesamte „Tatort“-Format. Zwischen 1997 und 2013 garantierte Götz George in 17 Folgen der ARD-Serie „Schimanski“ für beste Krimiunterhaltung. Daneben zählen auch der Psychothriller „Der Sandmann“ sowie die Trilogie „Das Schwein –
Eine deutsche Karriere“, beide 1995, oder „Die Bubi-Scholz-Story“ 1998 zu seinen größten TV-Auftritten.
Seine bedeutendsten Kino-Rollen als Charakterdarsteller lieferte Götz George erst nach dem Jahr 1992 ab. Der Schauspieler, der in der Branche als kompromissloser Workaholic galt, von seinen Regisseuren oft als schwierig, launisch und anspruchsvoll beschrieben wurde und sein Privatleben mit zwei Ehen von der Öffentlichkeit weitestgehend abscschirmte, glänzte beginnend mit der Satire „Schtonk“ in der Rolle des Reporters Hermann Willié rund um die gefälschten Hitler-Tagebücher 1993 und nochmals 1997 unter der Ägide von Helmut Dietl in der Rolle des Regisseurs Uhu Zigeuner in der Gesellschaftskomödie „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“. In der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann im Opus „Der Totmacher“ gelang es ihm 1995, das Morden tief bewegend als inneres Spektakel aufzuzeigen. Im Erotikthriller „Solo für Klarinette“ 1998 konnte er sich an der Seite von Corinna Harfouch mal wieder als Frauenschwarm beweisen. Herausragend war auch seine Interpretation des NS-KZ-Arztes Josef Mengele in „Nichts als die Wahrheit“ 1999.