Der Tenor Rolando Villazón singt und inszeniert in den weltgrößten Opernhäusern, er schreibt Romane und agiert als Moderator sowie als Gast in TV-Shows. In unserer Nähe tritt er beim Rheingau Musik Festival, einem der größten Musikfestivals Europas, auf.
Herr Villazón, können wir in der Kunst Trost finden?
Absolut. Wir können darin auch Fragen finden, und wir sind eingeladen, sie zu beantworten. Ich habe Anfang des Jahres eine neue Inszenierung von der „Zauberflöte“ gemacht. Mein Mozart findet Trost in den letzten Stunden seines Lebens. In Zeiten, in denen alles dunkel, unsicher und gefährlich wird, muss man einen Weg finden, um unserem Dasein weiter einen Sinn zu geben. Ich finde, Liebe, Humor und Kunst sind die drei besten Dinge, die wir Menschen jemals erschaffen haben.
Sie sagen, Mozarts Musik hole uns aus der Barbarei. Glauben Sie, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Menschen von klein auf Mozart hören würden?
Ich bin mir nicht sicher, ob Kunst uns besser macht. Es gibt intelligente Menschen, die lieben Kunst, aber sie tun schreckliche Dinge. Es gibt wunderbare Komponisten oder Schriftsteller, die schreckliche Menschen sind. Kunst gibt keine Antworten auf Politik, aber sie bringt uns für eine gewisse Zeit zusammen, zum Beispiel bei einem Konzert, einer Theateraufführung, einer Lesung. Wer Mozart hört, wird mehr Licht in sich selbst finden. Das macht uns empathischer. Musik ist die universellste aller Kunstformen.
Ist Mozarts „Zauberflöte“ für Sie ein hoffnungsvolles Stück?
Am Ende gibt es jedenfalls eine Lösung. Die „Zauberflöte“ stellt viel mehr Fragen, als sie Antworten gibt. In diesem Stück geht es darum, eine Balance zu finden zwischen Leichtigkeit und Tiefe. Wenn Mozart heute leben und die ganzen Interpretationen seiner Werke sehen würde, wäre er sicher sehr überrascht. Wir Künstler sind ein Medium für Ideen, und wir versuchen, diese zu interpretieren und Antworten zu finden. Wir lachen, wir philosophieren, das ist Teil der Kunst. Es ist zutiefst menschlich und hat nichts mit Robotern und KI zu tun. Es gibt gute Interpretationen von der „Zauberflöte“, die sind ganz dunkel. Aber für mich persönlich ist es eher ein Werk voller Hoffnung und Licht.
„Mozart AI“ heißt ein KI-gestützter Musikgenerator, der sich gezielt an Künstler richtet. Mit künstlicher Intelligenz kann die menschliche Stimme verformt werden und in einem anderen Glanz strahlen.
Was halten Sie davon?
Diese Dinge sind mir fremd. Ich verteufele sie nicht, aber ich arbeite nicht mit Chatbots wie Chat GPT. Ich bin schon überrascht, zu sehen, wie schnell Requisiteure mir heutzutage bei einer Bühnenproduktion KI-generierte Bilder präsentieren. Ich persönlich habe diese Entwicklungen verpasst, ich liebe eher Erasmus von Rotterdam. Bei diesen technologischen Dingen gibt es mehr Fragezeichen als Antworten. Leider verstehen wir fast nichts davon, und das ist sehr gefährlich.
In welcher Hinsicht?
KI zerstört viele Jobs, aber Menschen werden immer kreativ sein. Als Walt Disney und sein Trickfilmstudio 1937 „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ herausbrachten, gab es nur fünf Personen, die Cartoons zeichnen konnten. Heute kann das jeder mit Hilfe von KI, der ein bisschen Ahnung hat. In dem Buch „From Bacteria to Bach and Back: The Evolution of Minds“ des Philosophen Daniel C. Dennett habe ich zum ersten Mal etwas darüber gelesen, was solche Maschinen können. Experten konnten nicht erkennen, ob ein Musikstück von einem Komponisten aus der Zeit Bachs stammte oder von einer KI. Vielleicht schaffen es die Maschinen eines Tages, besser zu komponieren oder zu schreiben als wir Menschen.
Würde Sie das interessieren?
Ich würde niemals ein Buch von einer künstlichen Intelligenz lesen. Auch wenn es hieße, es sei besser als „Don Quijote de la Mancha“. Ich lese lieber Bücher von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, ich arbeite lieber mit Sängern und Sängerinnen. Ich denke aber darüber nach, ob ich bei einer Mozartwoche mal ein Werk von einer Maschine präsentiere, um darüber zu sprechen. Manche haben mittlerweile eine Beziehung zu einer KI wie zu einem Menschen, ich will aber nicht vorschnell sagen, dass das alles schlecht ist. Das Problem ist nur, dass wir nicht mehr die Geduld haben, um wirklich das Beste zu kreieren. Die Menschheit ist ein bisschen neurotisch geworden. Kleinkinder spielen heute schon mit dem Handy, was sich negativ auf die Entwicklung des Gehirns auswirkt.
Mit Wolfgang Katschner und der Lautten Compagney Berlin spielen Sie das Programm „Viaggio dell’anima“ – Musik von Claudio Monteverdi und seinen Zeitgenossen. Monteverdi steht für einen radikalen Umbruch in der Musikgeschichte. Ist er für Sie genauso bedeutend wie Mozart?
Ja, Monteverdi war wie Mozart ein „Musico Dramatico“. Sie sind zwei der wichtigsten Komponisten in meinem Leben und ganz tief in meinem Herzen. Monteverdi hat mit „L’Orfeo“ die Oper erschaffen, indem er all die verschiedenen musikalischen Stile seiner Zeit zusammenführte. Durch Recitato, Cantato, Tänze und sinfonische Momente erzählte er eine Geschichte, die bis heute ein Meisterwerk bleibt und sehr modern ist. „L’Orfeo“, „Odysseus“ und „Poppea“ sind seine drei einzigen vollständig überlieferten Opern. In dem Essay „Gedanken zu Monteverdi, Bach und Mozart“ stellt Nikolaus Harnoncourt eine Verbindung her zwischen diesen drei Komponisten. Sie haben nicht versucht, die Musik zu revolutionieren, aber sie hatten eine ganz eigene Vision von dem, was sie da taten.
In Italien um 1600 entstand nicht nur die Oper, sondern auch der Einzelgesang – die Monodie – sowie das Archicembalo mit 36 Tasten pro Oktave und das „Concerto delle donne“. Warum war die damalige Musik aus Italien so innovativ?
Ich glaube, es war ein besonderer Moment in der Geschichte. 1605 ist auch Cervantes’ „Don Quijote de la Mancha“ erschienen, der allererste moderne Roman. Anfang des 17. Jahrhunderts gab es diese Energie zusammen mit einem neuen Weg. In der Epoche der Renaissance war es möglich, nicht mehr nur geistliche und kirchliche Themen zu verwenden. Diese Freiheit in der Kunst führte zu wunderbaren Möglichkeiten, um fantasievolle Geschichten über Menschen und nicht über Engel und Götter zu erzählen.
In dem Programm „Serenata Latina“ präsentieren Sie Vokalmusik von Komponisten wie Alberto Ginastera, Heitor Villa-Lobos oder Carlos Guastavino. Wie unterscheidet sich die lateinamerikanische Klassik von der europäischen?
Bei diesem Projekt mit dem Harfenisten Xavier de Maistre singe ich folkloristische Lieder und Kunstlieder, Art Songs, wie Amerikaner sagen. Man hört aber keinen Unterschied. Wir planen auch ein neues Album in dieser Richtung namens „Serenata Italiana“. Die lateinamerikanischen Komponisten sind nach Europa gekommen und haben hier den Lied-Stil erlernt und ihn mit ihren eigenen Wurzeln kombiniert. Manche haben versucht, ganz europäisch zu klingen. Mit dieser Serenata waren wir schon überall, von China bis zu den Vereinigten Staaten. Ich lebe seit 26 Jahren nicht mehr in Mexiko, aber seine Kultur steckt noch in mir drin.
Im Dezember singen Sie den Papageno in einer „Zauberflöte“-Inszenierung an der Metropolitan Opera in New York.
Letzten September habe ich Bellinis „La Sonnambula“ an der Metropolitan Opera inszeniert. Aber jetzt gönne ich mir eine Pause vom Inszenieren, weil mein Gehirn sonst explodieren würde. In den nächsten zwei Jahren werde ich nur Sänger, künstlerischer Leiter und Schriftsteller sein.
Die Met hat Operngeschichte geschrieben. Aber die größte Organisation für darstellende Künste in den Vereinigten Staaten steckt in einer tiefen finanziellen Krise. Welche Bedeutung hat die Met heute noch?
Für mich ist sie die wichtigste Oper der Welt, aber man muss sich schon Sorgen machen. Die Met spielt jetzt weniger Titel, und wer weiß, was mit ihr in fünf Jahren sein wird. Sie tut alles, um dem Publikum das höchste Niveau zu bieten. Es ist aber schwierig, wenn ein Haus nicht vom Staat unterstützt wird. Das Problem der Met ist, dass sie heute weniger Förderer und Sponsoren hat. Das liegt auch an der Oberflächlichkeit des modernen Lebens. Wir sprachen über das 17. Jahrhundert. Damals fingen reiche Intellektuelle an, die Kultur zu fördern. Das verschwindet langsam. Ich hoffe, die tieferen Gedanken und Abenteuer werden irgendwann zurückkehren.
