Die neue Bundesregierung sei mit guten Ideen angetreten, sagt Jens Schmitt, Geschäftsführer der saarländischen Handwerkskammer. Um den Investitionsbooster stemmen zu können, brauche es mehr Fachkräfte – und Migration.
Herr Schmitt, wie bewerten Sie die Ergebnisse des Koalitionsvertrages von Schwarz-Rot?
Darin stehen viele Schlagworte: Investitionsbooster, Wohnbaubooster und vieles mehr. Aus Sicht des Handwerks begrüßen wir die zahlreichen wirtschaftspolitischen Initiativen der neuen Bundesregierung. Denn nach zwei Jahren ohne wirtschaftliches Wachstum wurde es Zeit, dass etwas passiert und Anreize zum Investieren geschaffen werden. Hier ist einiges gelungen. Ein nach wie vor ungelöstes Problem ist die Reform der Sozialversicherungssysteme. In den vergangenen zwölf Monaten lagen die Sozialversicherungsbeiträge erneut über der Grenze von 40 Prozent. Dies belastet nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch insbesondere die Arbeitnehmer, die somit weniger Netto vom Brutto haben. Es geht nicht nur um die Beitragshöhe, sondern auch um die Leistungen der gesetzlichen Versicherungen. Dieses Sozialversicherungssystem zu reformieren, und zwar grundlegend und strukturell, wird eine der größten Aufgaben der kommenden Jahre sein.
Für die Rente wird eine von vielen Kommissionen der Regierung eingesetzt. Was zeigt Ihnen der Einsatz solcher Kommissionen, und wie blickt das Handwerk auf die Rente?
Das zeigt, wie groß die Herausforderungen sind. Es ist ja legitim, sich Expertenmeinungen ins Haus zu holen, etwa aus der Wirtschaft. Das Rentenversicherungssystem muss zum Beispiel so gestaltet werden, dass die jüngere Generation der Beitragszahler nicht überproportional belastet und gleichzeitig ein angemessenes Sicherungsniveau beibehalten wird. Zudem muss die private Vorsorge gestärkt werden.
Könnte der Infrastrukturfonds dem Handwerk ein Auftragsplus einbringen?
Der Infrastrukturfonds sieht ein Gesamtvolumen von 500 Milliarden Euro verteilt über zwölf Jahre vor. 100 Milliarden sollen in den Klimaschutz fließen, 100 Milliarden gehen an die Kommunen. Beim Klima besteht der Anreiz, das klimagerechte Bauen und damit den Wohnungsbau wieder anzukurbeln. Von den weiteren Milliarden für die Kommunen profitiert auch das Saarland, aber wir dürfen dabei nicht vergessen: Das Geld wird über zwölf Jahre ausgeschüttet. Man kann sich fragen, ob das angesichts der Herausforderungen reichen wird.
Das Geld muss verbaut werden, aber haben wir dafür auch genügend Fachkräfte?
Wir sehen an vielen Stellen einen deutlichen Mangel. Ohne Fachkräfte können wir die Aufträge nicht abarbeiten. Mit Blick auf die Fachkräftequalifizierung muss in unseren Augen noch mehr passieren. Konkret könnte das bedeuten: Werbung machen für eine Ausbildung im Handwerk, die Frauenerwerbstätigkeit steigern und Arbeitslose durch passende Qualifizierungen wieder in den ersten Arbeitsmarkt integrieren. Hier im Saarland gab es in der Industrie nun einige Hiobsbotschaften in letzter Zeit. Man könnte meinen, das käme dem Handwerk zugute, weil es jetzt mehr arbeitsuchende Fachkräfte auf dem Markt gibt. Das ist nur teilweise richtig. Natürlich ist die Industrie auch ein wichtiger Auftraggeber für das Handwerk. Was die Übernahme von Fachkräften aus der Industrie angeht, braucht es zudem oftmals auch eine fundierte handwerkliche Qualifizierung, um viele handwerkliche Arbeiten überhaupt ausüben zu können. Diese Kompetenzen müssten zahlreiche ehemalige Fachkräfte aus der Industrie zunächst erlangen, um dauerhaft in einem Handwerksberuf Fuß zu fassen.
Die Industrie-Fachkräfte sind auch höhere Löhne gewöhnt.
Ja. Wobei das Handwerk hier aufgeholt hat. Die Lücke zwischen den Gehältern in Industrie und Handwerk ist nicht mehr so groß wie früher.
Der Kanzler sprach häufiger davon, dass wir „fleißiger“ sein müssten – die Viertagewoche, die manche Betriebe bereits einführen, passt offenbar nicht ins Bild von Friedrich Merz.
Ich glaube schon, dass man die Viertagewoche mit entsprechender Organisation in einem Handwerksbetrieb einführen kann. Es kommt auf die betriebsindividuelle Ausgestaltung an. Denkbar wäre zum Beispiel ein Arbeiten von Montag bis Donnerstag oder von Dienstag bis Freitag. Die Ansprüche junger Fachkräfte an einen guten Arbeitgeber ändern sich. Vertreterinnen und Vertretern der Generationen Y und Z ist es wichtig, Beruf und Privates gut miteinander vereinbaren zu können. Arbeitgeber, denen das gelingt, haben im Wettbewerb um Fachkräfte Vorteile.
Studien belegen, dass Migration notwendig für mehr Fachkräfte sei. Was halten Sie also von der Migrationspolitik der Bundesregierung, die beispielsweise den Familiennachzug aussetzt?
Ein gesteuerter Fachkräftezuzug kann auch im Handwerk ein wirksames Instrument sein, um den Fachkräftemangel zu mildern. Mit Blick auf das Handwerk sind insbesondere die im Ausland erworbenen Abschlüsse und Qualifikationen relevant.
Auch die Tagesarbeitszeit wird abgeschafft. Könnte dies förderlich für flexiblere Betriebe sein?
Ich glaube, dass eine Wochenarbeitszeit nicht nur den Betrieben, sondern auch den Arbeitnehmerinnen und -nehmern mehr Flexibilität verschafft. Die tägliche Arbeitszeit darf nicht überschritten werden, aber manchmal ist es für die Kundenbindung sicher förderlicher, die Baustelle auch nach 18 Uhr noch abzuschließen. Die so anfallenden Arbeitsstunden kann man dann an anderer Stelle einsparen.
Welchen Einfluss können gesenkte Körperschaftssteuer und die degressiven Abschreibungsmöglichkeiten haben?
Von der Senkung der Körperschaftssteuer profitieren im Grunde nur Unternehmen mit bestimmten Rechtsformen wie beispielsweise GmbH. Die meisten unserer Mitgliedsbetriebe sind allerdings Einzelunternehmen. Degressive Abschreibungen können für Handwerksbetriebe einen positiven Einfluss haben, auch die Abschreibungen auf Elektrofahrzeuge in Höhe von 75 Prozent im Anschaffungsjahr könnte zum Umstellen auf eine Elektroflotte bewegen. Hinzu kommt die Erhöhung der Preisobergrenze für Elektrofahrzeuge, die der steuerlichen 0,25-Prozent-Regelung unterliegen. All dies, was wir angesprochen haben, sind kleine Stellschrauben, aber in Summe können sie den Anreiz für die Wirtschaft, zu investieren, wieder erhöhen. Mit Sorge blicke ich nur auf die Zeitachse: Wie schnell kommt die Wirtschaft wieder in Gang, und reicht die Laufzeit der Anreizprogramme, dies bis dahin zu schaffen?
Hätten Sie sich mehr Mut gewünscht?
Mehr Mut, ja. Auch mehr Tempo bei der Senkung der Lohnnebenkosten.
Die neue Bundesregierung will auch Änderungen am Gebäudeenergiegesetz vornehmen. Wird die Verunsicherung damit nachlassen?
Die Verunsicherung war groß, damit wurden auch die Betriebe konfrontiert. Die Beratungsqualität aber ist gut, wir haben über alle Möglichkeiten informiert. Ob die Verunsicherung schwindet? Dies zu sagen, wäre zu früh. Es wird auf jeden Fall etwas technologieoffener, alte Heizungen können weiterlaufen. Diese Debatte war sicherlich auch medial befeuert, aber dies hat auch Vertrauen in die Politik zerstört. Die neue Regierung muss dieses Vertrauen wieder aufbauen.
Der von Schwarz-Rot geplante Bürokratieabbau wird ebenfalls seit Langem von den Handwerkskammern gefordert. Setzt sie die richtigen Prioritäten?
In Sachen Bürokratieabbau gibt es in Deutschland noch jede Menge Luft nach oben. Die Belastung für unsere Mitgliedsbetriebe durch bürokratische Hürden ist enorm. Der durchschnittliche Handwerksbetrieb hat sieben Mitarbeiter. Oftmals ist es der Inhaber selbst, der sich um die Erfüllung bürokratischer Auflagen kümmern muss. Dokumentationspflichten müssen dringend abgebaut werden oder je nach Betriebsgröße gestaffelt werden, damit die Handwerkerinnen und Handwerker mehr Zeit in der Werkstatt oder beim Kunden statt im Büro verbringen können.
Auch der Digitalisierung misst die Regierung eine hohe Priorität bei. Welchen Stellenwert sehen Sie im Handwerk?
Die Digitalisierung gewinnt auch im Handwerk zunehmend an Bedeutung. Unsere Handwerkskammer hat kürzlich einen zweiten Digitalisierungsberater eingestellt. Bei einem unserer vergangenen Betriebsbesuche bei einer Bäckerei haben wir erfahren, wie viele administrative Tätigkeiten, insbesondere im Bereich Personalverwaltung, der Betrieb bereits über eine App abwickeln konnte. Hinzu kommen Themen wie KI-Einsatz zum Beispiel bei der Korrespondenz, aber auch Themen im Bereich Cybersicherheit.
Trotzdem dauert es sehr lange, bis sich Themen wie diese in den Ausbildungsordnungen niederschlagen.
Die Änderungen finden auf Bundesebene statt. Das dauert lange, wobei Digitalisierung von Geschwindigkeit lebt. Hier gibt es noch keinen Einklang, aber der Unterricht an sich kann digital stattfinden. Zahlreiche Handwerksbetriebe sind schon recht digital aufgestellt. Oft wird das Thema Digitalisierung auch von besonders digitalaffinen Beschäftigten vorangetrieben. Vieles ist intuitiv in der Bedienung, mittlerweile sind die notwendigen Vorkenntnisse nicht mehr so hoch. Man muss im Kopf bereit bleiben für Veränderungen. Wir bieten hierzu Beratungen und Veranstaltungen an, gehen auf die Betriebe zu. Das beginnt bei Arbeitszeiterfassung über Routenplanung und Gefahrennachweise bis hin zu Fragen hinsichtlich der Fördermöglichkeiten, wie das Programm der Landesregierung „Digital Invest KMU“. Aufseiten der Kommunal- und Landesverwaltung, da zähle ich die Handwerkskammer dazu, fehlen noch einheitliche Systeme. Da müssen wir alle besser werden.
Sind Sie optimistisch bezüglich der angekündigten Politik?
Die Politik der kleineren Schritte wird die richtige sein. Die vorherige Regierung kündigte große Änderungen an, konnte sie am Ende aber nicht durchsetzen. Viele sind dadurch in eine abwartende Haltung gekommen. Wenn die Regierung in die Umsetzung kommt, entsteht wieder Vertrauen. Denn das hat stark gelitten.