Die Neue Nationalgalerie feiert den französischen Bildhauer Constantin Brancusi mit einer Ausstellung. Die Retrospektive umfasst über 150 Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Filme und bisher kaum gesehene Archivmaterialien.
Werkzeuge hängen dicht an dicht an der Wand: Sägen, Zangen, Feilen, Metallkreise. Gebrauchsspuren überall. Auf den Tischen stapeln sich Formen, Fragmente, Modelle. Holz, Stein, Gips, Metall – nichts wirkt dekorativ, alles wirkt benutzt. Hier wurde gearbeitet, ausprobiert, verworfen, weitergedacht. Wer diesen Raum betritt, steht nicht vor Kunst, sondern mitten in ihrem Entstehen.
Die Bildhauerei radikal neu gedacht
Es ist dieser Raum, eine Teilrekonstruktion von Constantin Brancusis Atelier, der in der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Besucher sofort in den Bann zieht. Kein Auftakt im klassischen Sinn, sondern ein Eintauchen. Ein Ort, der nicht erklärt, sondern erfahrbar macht. Künstlerkollege und Freund Man Ray erinnerte sich 1963: „Als ich den Bildhauer Brancusi zum ersten Mal besuchte, beeindruckte mich sein Atelier stärker, als eine Kathedrale es jemals getan hatte. Dieses Weiße und die Helligkeit überwältigten mich […]. Wenn man in Brancusis Atelier kam, war es, als betrete man eine andere Welt.“ Diese liegt nun in Berlin – erstmals in diesem Umfang außerhalb von Paris, wo sie bisher in einem separaten Gebäude am Centre Pompidou zu sehen war. Das Pariser Museum ist derzeit wegen Sanierung geschlossen und vertraut die Werkstatt sowie zahlreiche weitere Werke Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, und Kuratorin Maike Steinkamp an. Die beiden konzipierten die Ausstellung als Skulpturenpark, thematisch geordnet, das Atelier darin eingebettet wie eine magische Schatzkammer.
Die Werkzeuge schweigen – und erzählen doch. Nichts liegt zufällig. Jede Spur, jede Kerbe verweist auf Entscheidungen. Auf Hände, die Material prüfen. Auf einen Blick, der reduziert, verdichtet, vereinfacht. Hier lässt sich nachvollziehen, was die fertigen Skulpturen oft verbergen: dass ihre Klarheit Ergebnis von Konzentration ist, nicht von Leichtigkeit. Das Atelier ist nicht nur unmittelbares Zeugnis seines Schaffensprozesses, sondern auch ein Schlüssel zu Brancusis Kunst. Der Bildhauer verstand diesen Ort nie als bloßen Arbeitsplatz. Seit 1916 formte er sich in Paris seinen eigenen Kosmos. Brancusi entwarf und baute seine Möbel selbst: Hocker, Tische, sogar den monumentalen Kamin. Die Möbel tragen seine Skulpturen, werden zu Sockeln, zu Bühnen. Ab den 1920er-Jahren zeigte er seine Arbeiten bevorzugt hier – in einer Umgebung, die er vollständig kontrollierte. Er arrangierte sie so, dass sie miteinander sprechen. Formen wiederholen sich, variieren, spiegeln sich. Verkaufte er ein Werk, ersetzte er es durch ein Modell. Die Komposition blieb erhalten, das Gleichgewicht des Raums ebenso. Das Atelier lebte, veränderte sich und blieb doch ein geschlossenes Gefüge. Wer sich Zeit nimmt, ihm nachzuspüren, begegnet einem Denken in Beziehungen – und einem Künstler, der die Bildhauerei radikal neu gedacht hat.
Constantin Brancusi, 1876 in Rumänien geboren und später französischer Staatsbürger, zählt zu den Begründern der modernen Skulptur. Nach akademischen Anfängen und kurzer Tätigkeit als Assistent von Auguste Rodin löste er sich früh von tradierten Vorstellungen. Er entwickelte seine Skulpturen direkt aus dem Material – in Stein, Holz, Bronze. Ihn interessierte nicht das Abbild, sondern das Wesen der Dinge. Er reduzierte Formen so lange, bis nur noch das blieb, was er als Essenz begriff. Diese Konsequenz veränderte die Kunst grundlegend. Brancusi ebnete der Abstraktion den Weg. Skulptur wurde bei ihm nicht länger Darstellung, sondern Idee im Raum. Linien, Proportionen, Spannungen traten an die Stelle von Details und dekorativen Oberflächen. Seine Arbeiten wirken klar, oft still, und entfalten gerade dadurch eine starke Präsenz. Davon zeugen die über 150 Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Filme und Archivmaterialien in Berlin eindrucksvoll.
Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Centre Pompidou entstanden ist, zeigt auch, wie konsequent Brancusi Motive über Jahrzehnte hinweg weiterentwickelte. Der „Kuss“ verdichtet sich vom kompakten Figurenblock zu einer architektonischen Struktur. Der „Vogel“ verliert Federn und Körper und gewinnt dafür Bewegung, Aufstieg, Leichtigkeit. Über 30 Varianten in Marmor, Bronze oder Gips entstanden im Lauf der Zeit. „Ich will nicht den Vogel selbst darstellen, sondern den Impuls, den Schwung, den Elan“, lautet ein überliefertes Zitat von Constantin Brancusi. Kurz: Bei ihm wird Skulptur zu Energie.
Das Material spielte dabei stets eine zentrale Rolle. Der Künstler polierte Oberflächen so lange, bis sie Licht aufnehmen und zurückwerfen. Bronze beginnt zu glänzen, Marmor wirkt weich. Grenzen verschieben sich. Das Objekt tritt in Beziehung zum Raum. Bewegung entsteht durch Reflexion und Wahrnehmung. Auch seine Tierdarstellungen folgen diesem Prinzip. Ein Fisch interessiert ihn nicht als anatomischer Körper, sondern als Bewegung im Wasser. „Wenn man einen Fisch sieht, denkt man nicht an seine Schuppen, oder? Man denkt an seine Geschwindigkeit, seinen schwebenden, leuchtenden Körper, den man durch das Wasser sieht“, erklärte er dazu. Die Themenräume der Ausstellung machen die Entwicklung sichtbar. Porträts lösen sich von individuellen Zügen und werden zu archetypischen Formen. Torsi bleiben fragmentarisch. Monumentale Projekte wie die „Unendliche Säule“ verweisen auf Verbindungen – zwischen Himmel und Erde, zwischen Materie und Idee.
Das Atelier als Experimentierfeld
Zugleich entsteht ein Bild des Künstlers im Kontext seiner Zeit. Brancusi bewegte sich im Umfeld von Duchamp, Man Ray und Modigliani, blieb jedoch eigenständig. Sein Atelier wurde zum Treffpunkt, zum Experimentierfeld. Fotografien und Filme zeigen, wie bewusst er seine Werke inszenierte und wie sehr ihn ihre Wirkung im Raum interessierte. Ob die Präsentation in Berlin seinen hohen Ansprüchen gerecht geworden wäre? Die markante Glas-und-Stahl-Konstruktion des Gebäudes bildet mit den klaren Linien und polierten Oberflächen der Skulpturen ein geradezu harmonisches Miteinander. Brancusi und Mies van der Rohe, Bildhauer und Architekt – ein Dialog von Gleichgesinnten. Beide eint die Konzentration auf Material und Form, für beide gilt: Weniger ist mehr.
Wie radikal Brancusi diesen Weg verfolgt, zeigt sich in seinen ikonischen Arbeiten. Die „Schlafende Muse“ etwa: ein ovaler Kopf aus polierter Bronze, die Augen geschlossen, jedes Detail zurückgenommen. Keine individuelle Physiognomie, sondern ein Zustand – Ruhe, Versenkung, Konzentration, Stille in Form gegossen. Ganz anders, und doch ebenso konsequent, wirkt „Princess X“. Die Skulptur, ein Porträt von Napoleons Urgroßnichte Marie Bonaparte, löst sich in ihrer Abstraktion so weit von der Gestalt, dass Zeitgenossen darin einen Phallus erkannten – ein Skandal im Jahr 1920! Brancusi selbst beharrte auf etwas anderem: eine Verdichtung von Weiblichkeit, von Charakter, von innerer Präsenz. Brancusis „Seehund“ benötigt keinen Kopf, sein „Hahn“ keinen Kamm, seine „Schildkröte“ keinen Panzer – Skulpturen, die weniger darstellen als verdeutlichen. Sie fordern in ihrer Mehrdeutigkeit heraus und stellen Fragen nach dem Sinn. Brancusi selbst gibt darauf eine Antwort, sinngemäß überliefert: „Suchen Sie in meinem Werk nicht nach dunklen Formeln oder Rätseln. Es ist reine Freude, die ich Ihnen anbiete.“