Mit „Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“ widmet das Museum Barberini bis zum 11. Oktober einer Kunstrichtung eine hochkarätige Schau, die Farbe, Licht und Wahrnehmung neu zusammendenkt.
Zwischen dunklen Pinien öffnet sich die Küste, hell und weit. Segel ziehen über das Wasser, als bestünden sie eher aus Licht denn aus Stoff. Das ist keine bloße Ansicht, kein eingefrorener Moment. Paul Signac malte keinen Stillstand. In seinem Bild „Segel und Pinien“ von 1896 flirrt ein ganzer Nachmittag. Am Horizont glühen warme Farben, der Boden im Vordergrund brennt rot, als hätte der Tag seine Hitze dort abgelegt. Die Stämme ziehen sich schmal nach oben. In den Baumkronen sammelt sich tiefes Blau, das Wasser flimmert in kühlen Tupfen.
Aus der Nähe zeigt sich die Landschaft als Geflecht aus Punkten und Farbklecksen. Aus der Ferne fügt sich alles zusammen. Plötzlich sind dort eine Bucht, Boote, Pinien, Licht. Fast ist der Wind zu spüren, der durch die Bäume fährt. Fast ist das leise Anschlagen der Wellen zu hören, irgendwo auch das trockene Rascheln der Nadeln über der roten Erde. Signac erzählt nicht von der Küste. Er lässt sie aufleuchten. Er malt die Welt so, wie sie sich anfühlt, wenn ein Blick aufs Wasser für einen Augenblick alles andere überstrahlt.
Aus Punkten macht das Auge ein Ganzes
Leuchtkraft und Harmonie: Das sind die beiden Hauptthemen der Ausstellung „Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“ im Museum Barberini. Zwei Begriffe, nicht als hübsche Begleitworte, sondern als künstlerisches Programm. Signac und seine Mitstreiter wollten Farben nicht abdämpfen oder trüben. Sie setzten reine Töne nebeneinander, Punkt für Punkt. Das Auge sollte daraus den Klang des Ganzen bilden.
Der Reiz der Schau entsteht auch aus der Bewegung vor den Bildern. Ruhig stehen bleiben ist kaum möglich. Besser nah herangehen, wieder zurücktreten, noch einmal annähern. Dann sind die einzelnen Setzungen zu erkennen. Rot stößt an Grün, Gelb leuchtet neben Blau. Hier sind Geduld und großes Können festgehalten in einem Bild. Das entstanden ist durch enorme Ausdauer, Farbe für Farbe. Aus der Ferne betrachtet greifen plötzlich Tupfen ineinander, entstehen Landschaften, Segelboote, Häfen, Menschen. Aus Konfetti wird Komposition.
Signac, 1863 in Paris geboren, brachte sich die Malerei selbst bei. Am Anfang schaute er genau auf Claude Monet und die Impressionisten. Doch deren spontane Suche, dieses schnelle Erfassen eines Augenblicks, genügte ihm bald nicht mehr. Er wollte einen klareren Aufbau. Seine Bilder sollten nicht nur flüchtig wirken, sondern durchdacht komponiert sein.
1884 traf er Georges Seurat, der sich intensiv mit Optik, Farbtheorie und Bildaufbau beschäftigte. Seine neue Malweise nannte Seurat zunächst Chromo-Luminarismus, also Farblichtmalerei, später Divisionismus, Teilungsmalerei. Paul Signac verwendete den Begriff Pointillismus, Punktierstil. Wenig später tauchte in einer Rezension der Begriff Neoimpressionismus auf. Er bezeichnet bis heute diese Stilrichtung. Signac und Seurat setzten reine Pigmente in zahllosen kleinen Punkten nebeneinander. Sie mischten die Farbe nicht mehr auf der Palette oder direkt auf der Leinwand. Diese Arbeit überließen sie dem Auge. Aus Abstand verbanden sich die Tupfen zu Licht und Atmosphäre. Genau daraus entstand die besondere Leuchtkraft.
Nerina Santorius, Sammlungsleiterin am Museum Barberini und eine der Kuratorinnen der Ausstellung, beschreibt es so: „Dieser flirrende Effekt führt dazu, dass die Farbe nicht gemalt aussieht, sondern dass wir den Eindruck haben: Es ist wie farbiges Licht.“ Die Ausstellung erzählt nicht einfach von Punkten. Sie erzählt von einem Anspruch: Farbe sollte mehr als nur schmücken. Sie sollte Licht erzeugen und Wahrnehmung verändern. In Potsdam ist das mit jedem Schritt zu sehen: Ein Bild zerlegt sich, baut sich neu auf, beginnt erneut zu leuchten.
Das Barberini präsentiert dieses Kapitel der Kunstgeschichte auf zwei Etagen. Knapp 100 Werke umfasst die Ausstellung, 36 stammen von Paul Signac. Neben ihm treten zentrale Künstler des Neoimpressionismus auf, darunter Georges Seurat, Camille Pissarro, Henri-Edmond Cross, Maximilien Luce und Théo van Rysselberghe. Auch eindrucksvolle Künstlerinnen wie Anna Boch, Lucie Cousturier und Jeanne Selmersheim-Desgrange erhalten Raum; ihre Bedeutung für die Bewegung fand lange zu wenig Beachtung. Prominente Leihgaben aus renommierten Sammlungen heben die Schau auf ein hochkarätiges Niveau. Werke kommen unter anderem aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam, dem Art Institute of Chicago sowie dem Musée d’Orsay und den Archives Signac in Paris.
Signac dachte die Umgebung mit
Besonders stark wirkt der Pointillismus in den Landschaften. Signac liebte das Licht des Südens, die Häfen und die Küsten. In Saint-Tropez fand er ein Gegenbild zum industrialisierten Paris. Dort konnte Farbe glühen, Wasser funkeln, Luft vibrieren. Die südliche Sonne schärfte seinen Blick für Komplementärtöne und für das, was entsteht, wenn Farben einander steigern. Die Bilder wirken nicht laut, obwohl sie leuchten. Jede Farbe behauptet sich, und doch entsteht ein Miteinander. „Ausstellungsbesucher können einen Tag an der Côte d’Azur in Potsdam verbringen“, sagt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. Besonders stolz ist sie darauf, dass ihr Haus die erste umfassende Schau zu Signac und dem Neoimpressionismus in Deutschland seit 30 Jahren zeigt.
Die Porträts überraschen. Das Genre stellte den Neoimpressionismus vor ein Problem. Ein Bildnis sollte einer Person ähnlich sehen und etwas Echtes bewahren. Gleichzeitig suchten viele Künstler nach dekorativer Wirkung. Genau dort entstand die Spannung: zwischen Wiedererkennen und Gestaltung. Signac dachte die Umgebung immer mit. Seine Porträts zeigen deshalb nicht nur eine Person, sondern auch die Welt um sie herum. Dabei blickte der Maler durchaus spöttisch auf das eigene bürgerliche Milieu. Er kannte diese Schicht, und er nahm ihre Gewohnheiten genau wahr.
Viele Neoimpressionisten fühlten sich anarchistischen Ideen verbunden. Sie interessierten sich für soziale Fragen, für Arbeit und für Menschen, die in der Kunst lange kaum vorkamen. Maximilien Luce rückte Arbeiter und Szenen des proletarischen Lebens ins Bild – Punkt für Punkt, aber ohne Verklärung. Paul Signac selbst verstand Harmonie nicht nur ästhetisch. Sie hatte für ihn auch eine gesellschaftliche Dimension.
Nach Seurats frühem Tod 1891 blieb Signac nicht nur Maler. Er wurde zum wichtigsten Vermittler und Theoretiker dieser neuen Kunst. Durch ihn kam der Neoimpressionismus von Frankreich nach Belgien, in die Niederlande und nach Deutschland. Seine Malerei verband wissenschaftliche Präzision mit einem fast musikalischen Sinn für Harmonie.
Zum Kuratorenteam der Ausstellung gehören Marina Ferretti Bocquillon, Nerina Santorius, Joris Westerink und Charlotte Cachin, die Urenkelin Paul Signacs und Leiterin des Archive Signac. Auf die Frage, ob ihrem Urgroßvater diese Ausstellung gefallen hätte, antwortet Cachin, er wäre „over the moon“ gewesen – frei übersetzt: hellauf begeistert.