Dank seines einzigartigen Talents zum Grimassieren und seiner tolpatschigen Slapstick-Einlagen stieg der vor 100 Jahren geborene US-Amerikaner Jerry Lewis in der Nachkriegszeit zur Komödien-Legende auf. Dabei stand ihm anfangs sein kongenialer Partner Dean Martin zur Seite.
Sein erster Bühnenauftritt blieb ihm zeitlebens tief im Gedächtnis. Seine als Vaudeville-Künstler tätigen Eltern – Vater Danny als Sänger und Tänzer, Mutter Rachel als Pianistin – hatten ihm dafür eigens einen Smoking anfertigen lassen. Allein schon mit diesem eleganten Dress animierte der Filius das Publikum in den Catskill Mountains, die sich seit den 1920er-Jahren zu einem beliebten und schnell erreichbaren Ferienziel solventer New Yorker entwickelt hatten, zu Lachsalven. Der Pimpf in der klassischen Abendgarderobe war nämlich gerade einmal fünf Jahre alt. Das Amüsement der Besucher steigerte sich noch zusätzlich, da der schmächtige Junge mit seiner quiekend-hohen Falsettstimme einen der bekanntesten Hits des Jahres 1931, „Brother, Can You Spare a Dime?“, persiflierte. Unfreiwillig setzte der kleine Joseph Levitch dann noch einen drauf, indem er einen der Bühnenscheinwerfer versehentlich mit seinem Fuß umstieß und dieser explodierte –
und der Junge wegen seines Missgeschicks in Tränen ausbrach. „Die Leute brüllten vor Lachen. Da wusste ich, was ich für den Rest meines Lebens zu tun hatte: stolpern, ausrutschen, hinfallen“, erzählte der Meister des Slapstick-Humors im Rückblick einmal von seiner künstlerischen Initialzündung.
Mit der Zeit feilte der junge Joseph an seinen Auftritten – dem unnachahmlichen Grimassenschneiden, dem beispiellosen Augenrollen oder dem Schnellsprech-Talent – ehe er im Alter von 16 Jahren unter dem Künstlernamen Jerry Lewis den Einstieg als Profi-Entertainer wagte. Dabei bewahrte er sich das ewig Kindliche, das die hysterische Seite seines Zappel-Genies entscheidend mitprägte und eines der wesentlichen Erfolgsgeheimnisse des späteren Komiker-Weltstars wurde. Diese Rolle machte ihn zu einem der größten Leinwand-Tolpatsche der Filmgeschichte, und er trat damit in die Fußstapfen legendärer Vorbilder wie Stan Laurel und Oliver Hardy. Gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Dean Martin stiegen die beiden zu einem der berühmtesten Klamauk-Teams der Nachkriegszeit auf.
Bühnenblödelei brachte den Durchbruch
Vor allem seine Mimik, durch die er sich elementar von den meist ausdruckslosen Gesichtern berühmter Kollegen wie Buster Keaton oder Jacques Tati unterschied, war einzigartig und allenfalls mit dem Clownesken eines Harpo Marx vergleichbar. Jerry Lewis fand später eine ganze Reihe legitimer Nachfolger mit Jim Carrey, Eddie Murphy oder Robin Williams an der Spitze.
Doch trotz all seiner Erfolge beim breiten Publikum zeigte ihm die gehobene Kritik in seinem Heimatland USA die kalte Schulter, denn schließlich basiere sein Erfolg ja nur auf purer Grimassenschneiderei. Entsprechend wurde Jerry Lewis nie als Schauspieler, Regisseur oder Produzent mit einem Oscar für seine Filmkunst ausgezeichnet, obwohl er es auf rund 60 Kinofilme gebracht hatte. Die wohl einmalige Chance auf einen Oscar hatte Lewis wohl verspielt, als er die ihm von Regisseur Billy Wilder auf dem Silbertablett offerierte Hauptrolle des Musikers Jerry im 1959 erschienenen Klassiker „Manche mögen’s heiß“ ablehnte. Lewis konnte sich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, einen halben Film lang in Frauenklamotten herumlaufen zu müssen. Stattdessen brillierte dann Jack Lemon in dieser Rolle.
2008 durfte der damals inzwischen 82-Jährige immerhin den Ehren-Oscar für seine herausragenden humanitären Verdienste in Empfang nehmen. Seit 1966 hatte Lewis mit im US-Fernsehen alljährlich am Labour-Day ausgestrahlten Spendengalas bis dahin mehr als zwei Milliarden Dollar zugunsten von Menschen mit einer seltenen Muskelschwunderkrankung gesammelt. Für dieses Engagement war er 1977 auch schon für den Friedensnobelpreis nominiert worden.
Geboren am 16. März 1926 in Newark/New Jersey, hatte Lewis mit der Schule nicht wirklich etwas am Hut. Entsprechend brach er die Highschool schon nach zwei Jahren ab. Nachdem er zehn Jahre lang an der Seite seines Vaters in den Catskills ins Vaudeville-Künstlerleben hineingeschnuppert hatte, war sein einziges Ziel die Bühne. Dafür war er sich als Teenager bei seinen ersten Auftritten in Toronto auch nicht als Pausenfüller zwischen Striptease-Nummern zu schade. Sein erstes Programm bestand nur aus sogenannten Record Acts. Per Schallplattenspieler wurden dabei bekannte Songs abgerufen, und Lewis mimte grimassierend den Sänger. Das machte ihn zwar nicht zu einem Publikumsmagneten, aber dennoch trat er so einige Jahre an wechselnden Orten auf.
Bei einem dieser Playback-Gigs lernte Lewis 1944 im „Glass Hat Club“ des New Yorker „Belmont Plaza Hotels“ den rund zehn Jahre älteren Dean Martin kennen, der als Sänger mit seinen Auftritten in Nachtlokalen ebenfalls noch nicht den Durchbruch geschafft hatte. Als Lewis im Dezember 1945 in Atlantic City im „500 Club“ ein Engagement erhielt und vom Besitzer gefragt wurde, ob er nicht einen weiteren interessanten Entertainer-Kollegen kennen würde, brachte Lewis Dean Martin ins Spiel. Als Duo debütierten beide am 25. Juli 1946, wobei Dean Martin drei Songs und Lewis seine bewährte Playback-Show ablieferte.
5.000 Dollar Gage – pro Abend
Der Clubbesitzer drohte beiden allerdings dennoch mit Vertragskündigung, da Lewis ihm versprochen hatte, dass sie eine Blödelei-Performance auf die Beine stellen wollten. Lewis sah sich daher in Windeseile dazu gezwungen, ein passendes Programm zu entwerfen. Dean Martin sollte den charmanten, singenden, gutaussehenden Charmeur abgeben, für sich hatte Lewis die Rolle der Nervensäge und des Slapstick-Komikers vorgesehen. Schon aus Zeitgründen mussten beide Künstler auf der Bühne reichlich improvisieren, doch die Mixtur aus Chaos, Witzen und Verfolgungsjagden traf genau den Nerv des Publikums. Schon am dritten Tag platzte der Club mit mehr als 1.000 Besuchern aus allen Nähten. Acht Wochen später trat das Duo bereits im renommierten New Yorker „Loew’s State Theatre“ für eine Gage von 5.000 Dollar pro Abend auf.
Schnell wurde das Radio auf die Newcomer aufmerksam, bei NBC lief von 1948 bis 1953 „The Martin and Lewis Show“, und auch in seinem TV-Programm setzte NBC häufig auf das Duo, beispielsweise bei der „Colgate Comedy Hour“. Bereits 1949 war Hollywood auf die Senkrechtstarter aufmerksam geworden, zwischen 1949 und 1956 kamen 16 erfolgreiche Kalauer-Filme zusammen, in denen Dean Martin meist den singenden Dummkopf spielte, während Lewis als intelligenter Narr brillierte. Auch eine eigene Comicserie mit dem Titel „Die Abenteuer von Dean Martin und Jerry Lewis“ wurde von DC Comics erfolgreich auf den Markt gebracht, sie lief mit 124 Ausgaben von 1952 bis 1957.
1956 wagte sich Lewis sogar auf das ureigenste Terrain seines Kompagnons und landete mit dem Song „Rock-a-Bye Your Baby with a Dixie Melody“ einen Top-Ten-Hit in den US-Billboards. Auch mit seiner im gleichen Jahr lancierten Langspielplatte „Jerry Lewis Just Sings“ schaffte er es unter die Top 20. Obwohl Lewis und Martin durch ihre Zusammenarbeit zu Millionären geworden waren, trennten sich ihre Wege nach genau zehn Jahren am 25. Juli 1956 mit ihrem letzten gemeinsamen Auftritt im New Yorker Nachtclub „Copacabana“. In der Öffentlichkeit wurde stets Lewis als der geniale, vor Ideen sprühende Part des Duos gefeiert, wodurch sich Dean Martin zunehmend ungerecht behandelt fühlte und daher den Schlussstrich zog. Übergangsweise tauchte Lewis zwischen 1957 und 1959 wieder im US-Fernsehen mit „The Jerry Lewis Show“ auf.
Für seine Solokarriere beim Film musste Lewis sich allerdings neu erfinden. Ohne das Alter Ego von Martin baute er auf der Leinwand fortan gewissermaßen den Part seines früheren Kompagnons in teils schizophrenen Figuren mit ein. Es gelang ihm sogar, das Qualitätslevel der Streifen deutlich zu erhöhen, oft, indem er selbst auch Regie führte. Jerry Lewis machte dabei den Videomonitor zur sofortigen Aufnahmeprüfung salonfähig, wodurch er von den französischen Propagandisten des Autorenkinos der Nouvelle Vague mit Jean-Luc Godard an der Spitze, einem glühenden Lewis-Fan, als einer der ihren angesehen wurde.
Zu seinen bekanntesten Filmen aus den frühen 1960er-Jahren zählen „Hallo Page!“ von 1960, „Der Bürotrottel“ von 1961, „Der verrückte Professor“ von 1962 oder „Das Familienjuwel“ von 1965.
Danach begann sein Stern langsam zu sinken, weshalb er sich 1972 an etwas komplett Neuem versuchte. Allerdings sollte das fast schon fertiggestellte Projekt eines in einem NS-Konzentrationslager auftretenden Clowns mit dem Titel „The Day the Clown Cried“ aufgrund Lewis’ persönlicher Entscheidung niemals im Kino gezeigt werden. Anschließend legte er eine achtjährige Pause ein, um dann in ernsteren Rollen wie in Martin Scorces „The King of Comedy“ 1983 zurückzukehren oder sich mehr oder minder selbst zu spielen wie in „Arizona Dream“ 1993 oder „Funny Bones“ 1995.
Letztmals stand er beim Krimi „The Trust“ 2016 vor der Kamera. Es grenzte schon fast an ein medizinisches Wunder, dass der zweimal verheiratete Lewis trotz einer ellenlangen Krankenakte mit Herzinfarkt, Prostatakrebs, Wirbelsäulenbruch oder langjähriger Tablettensucht fast bis zu seinem Tod, der ihn im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Las Vegas infolge eines Herzversagens am 20. August 2017 ereilte, unermüdlich weitergearbeitet hatte.