Im 250. Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung blicken Demokraten und Republikaner gleichermaßen gebannt und zeitweise ängstlich auf die Zwischenwahlen im November. Denn dort zählt nicht die Polarisierung, sondern meistens die „ungeordnete Mitte“.
Es sind die Midterms, die Zwischenwahlen zum Repräsentantenhaus und Teilen des Senats im kommenden November, vor denen die Republikaner derzeit am meisten Angst haben, glaubt man den US-Medien. Die Umfragewerte ihres Präsidenten sind auf einem historischen Tiefstand; das Land ist verstrickt in einen unliebsamen Krieg, der nach jetzigem Stand hemdsärmelig ziellos von den USA gestartet wurde und aus US-Sicht aktuell einer Niederlage gleichkommt; demokratische Kandidaten überperformen in wichtigen Zwischenwahlen im ganzen Land.
Politisch stecken die USA im typischen Zweiparteien-Dilemma, das in der derzeit durch Social Media angeheizten Stimmung polarisierte Meinungen mehr und mehr verstärkt. Die konservative Grand Old Party wurde von einer rechtspopulistisch-nationalistisch-evangelikalen Koalition, Trumps MAGA-Basis, gekapert. Die Demokraten ringen seit Jahren um einen Mitte-Kurs, der vor allem durch populäre, radikalere Linksaußen-Politiker immer wieder infrage gestellt wird. Rot gegen blau, Republikaner gegen Demokraten, das ist jedoch nicht die ganze Wahrheit.
Amerikas politische Spaltung verläuft nicht einfach nur in diesem zweifarbigen Spektrum. Der unabhängige Thinktank Pew Research zeigt in seiner neuen „Political Typology“, dass die USA aus insgesamt neun politischen Milieus bestehen und dass jene laute und oft quer durch Familien laufende Polarisierung nur einen Teil der Realität beschreibt. Die USA bestehen aus politischen Milieus, die sich in Werten, politischer Identität und Parteibindung deutlich unterscheiden. Die eigentliche Pointe lautet deshalb: Die USA sind nicht sauber in zwei Lager gespalten, sondern noch immer zutiefst vielschichtig, vor allem in der Mitte der Gesellschaft.
Demokraten gewinnen derzeit stark hinzu
Pew ordnet in seiner Studie, die im Juni veröffentlicht wurde, die Bevölkerung in Gruppen ein, die von klar aktivierten Ideologen bis zu politisch eher distanzierten oder widersprüchlichen Milieus reichen. An einem Pol stehen die sogenannten „Leftward Progressives“, im traditionellen Links-Rechts-Schema links außen, mit sieben Prozent. Das gegenüberliegende Extrem, die „No Apologies Right“, mit neun Prozent; sie sind die am stärksten politisierten und am deutlichsten identifizierbaren Lager. Ebenfalls klar verortet sind die „Loyal Liberals“ mit elf Prozent, die sich fest im demokratischen Lager sehen, sowie die „Faith First Conservatives“, religiös Konservative mit zwölf Prozent. Auf der anderen Seite gibt es mit den „Unconventional Right“ ebenfalls zwölf Prozent, die konservativ denken, aber nicht immer klassisch parteigebunden sind.
Noch wichtiger für das Verständnis des Landes sind jedoch die mittleren und gemischten Gruppen. Sie sind bei Pew der entscheidende Hinweis darauf, warum die USA mehr sind als ein bloßer Kulturkampf zwischen zwei Lagern. Sie sind weniger ideologisch geschlossen, häufiger widersprüchlich und politisch oft unauffälliger als die Gruppen an den Rändern.
„Order and Opportunity Left“ ist hier mit 18 Prozent die größte Gruppe. Sie ist wirtschaftlich eher links, aber nicht radikal umverteilend; wichtig sind ihr Aufstiegschancen, Bildung, Leistung und ein funktionierender Staat. „Left-Out Left“ mit zwölf Prozent ist stärker von sozialer und ökonomischer Frustration geprägt. Viele dort fühlen sich vom System im Stich gelassen, sind eher misstrauisch und unterstützen staatliche Hilfe, ohne sich mit dem Establishment zu identifizieren.
Am rechten Rand der gemischteren Mitte steht „Pragmatic and Polite Right“ mit elf Prozent. Diese Gruppe ist konservativ, aber weniger kulturkämpferisch, legt Wert auf Anstand, Ordnung und einen vergleichsweise nüchternen Politikstil. „Unconventional Right“ mit 12 Prozent ist ebenfalls rechts verortet, aber weniger traditionell: eher marktorientiert, skeptisch gegenüber Autoritäten, zugleich sozial nicht immer so eindeutig wie klassische Konservative.
Am deutlichsten ist das Zentrum, die sogenannten „Tuned-Out Middle“ mit neun Prozent. Diese Gruppe ist politisch am ehesten auf Abstand: wenig Interesse, wenig feste Bindung, oft unsicher oder desinteressiert an den Dauerfehden in Washington. Genau solche Menschen sind für die demokratische Praxis und die Wählergewinnung wichtig, weil sie zwar selten laut sind, aber in Wahlen und Stimmungen trotzdem entscheidend sein können.
Die „Loyal Liberals“ mit elf Prozent sind zwar klar links und demokratisch verankert, aber eher institutionstreu als aktivistisch. Sie unterscheiden sich von den „Leftward Progressives“ mit sieben Prozent, die stärker ideologisch, konfliktbereiter und gesellschaftspolitisch offensiver auftreten.
Viel Zahlenmaterial, das jedoch zeigt: die politische Debatte in den USA wird oft von den lautesten und extremsten Gruppen geprägt, während die Mehrheit in einer „messy middle“, einer ungeordneten Mitte lebt. Für die Parteien heißt das: Wahlen werden nicht nur an den Rändern entschieden, sondern vor allem dort, wo Menschen widersprüchlich, wechselhaft und themenabhängig entscheiden. Um aus jener Polarisierung herauszufinden, müssen alle politischen Akteure anerkennen, dass das Land aus mehreren, sich überlappenden Realitäten besteht. Ob die MAGA-gesättigte Republikanische Partei dazu noch in der Lage ist, muss man bezweifeln, denn derzeit gewinnen Kandidaten der Demokraten sogar in tiefroten republikanischen Hochburgen. Wo Trump noch einmal 2024 mit seinem harten Polarisierungskurs zwischen links, rechts, Republikanern, Demokraten, „wir“ und „die“ punkten konnte, können die Midterms, die in der Mitte gewonnen werden, der Anfang vom Ende des präsidialen Durchregierens per Dekret sein. Jene Vielschichtigkeit, von den meisten medialen Kommentaren oft vergessen, könnte auch letztlich die hart angegriffene amerikanische liberale Demokratie retten. Oder ihr den letzten Stoß verpassen.