Der Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau kämpft mit den Tränen, Regierungschefin Mette Frederiksen spricht über ihre größte Angst. Das gelingt, wenn Prominente in Dänemark von TV Glad interviewt werden – dem weltweit ersten Medienhaus für Journalisten mit Beeinträchtigungen.
Die Zuschauer weltweit kennen Nikolaj Coster-Waldau als Ritter in der Fantasy-Saga „Game of Thrones“. In amerikanischen Talkshows, auf dem roten Teppich von Cannes, als Moderator von Dokumentarfilmen über die Zukunft der Menschheit: Überall wirkt der 1,88 Meter große Schauspieler souverän. Doch jetzt kämpft er mit den Tränen.
„Alkohol ist scheiße“
Coster-Waldau sitzt in einer Runde von 40 Interviewern. „Wie war dein Vater?“, fragt einer von ihnen. „Alle geben ihr Bestes“, sagt Coster-Waldau. „Aber mein Vater war Alkoholiker.“ Er erzählt, wie er als Kind immer wieder hoffte, der Vater würde ihn dem Schnaps vorziehen. Er berichtet, wie er als junger Mann nach dem Tod des Vaters dessen Wohnung betrat: Der Tisch war unter Zigarettenasche und Stummeln begraben. „Ich brauch’ einen Schluck Wasser“, sagt Coster-Waldau dann. „Es ist okay“, tröstet ihn der Fragesteller. „Alkohol ist scheiße“, sagt Coster-Waldau. Seine Lippen zittern. Es ist nicht das erste Mal, dass der Schauspieler über seinen Vater spricht. Aber nie hat er sich derart verletzlich gezeigt wie in dieser Sendung. „En særlig samtale“ („Ein besonderes Gespräch“) ist eine Kooperation der öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunkanstalt DR mit einer Produktionsgesellschaft und dem Sozialunternehmen TV Glad. Das TV Glad entstand in Kopenhagen bereits vor der Jahrtausendwende als „weltweit erster Fernsehsender für und mit Menschen mit Beeinträchtigungen“, so die Eigenwerbung. Einige der Interviewer im Gespräch mit Coster-Waldau sind sehbehindert, andere haben seit der Geburt eine Hirnschädigung, viele leben mit Autismus.
Bislang hat DR sieben ihrer Gespräche mit Prominenten ausgestrahlt. Die Folge mit Coster-Waldau schauen 233.000 Menschen im Fernsehen, und 232.000 Menschen streamen sie in der Internet-Mediathek – damit erlebt jeder zwölfte Einwohner in Dänemark, wie Coster-Waldau noch etwas sehr Persönliches preisgibt. Durch einen DNA-Test erfuhr er zufällig, dass sein Vater nicht sein Erzeuger ist: „Ich habe das noch nie erzählt.“ Seine Mutter hatte eine Affäre mit einem dänischen Fernsehmann. Damit sei er eine seiner Ängste los: „Ich fürchtete immer, dass ich wie mein Vater sein könnte, genetisch anfällig für Alkoholismus.“ Warum entwickelt sich in dieser Runde eine solche Verbundenheit und Sympathie, wie man sie sonst in Interviews kaum erlebt? Und wie arbeiten Menschen mit Beeinträchtigungen als Journalistinnen und Journalisten? Ein Besuch bei TV Glad in einem alten Backsteinbau im Kopenhagener Stadtteil Nordvest. Für neun Uhr hat Nathalie Bitton, 42, eine Konferenz angesetzt. Die Chefredakteurin hat keine Beeinträchtigung, früher war sie Redakteurin im dänischen Kinderfernsehen, seit zwölf Jahren ist sie bei TV Glad, eine zierliche Frau, die den Raum mit ihrer Autorität füllt. Die acht Reporterinnen und Reporter um den Tisch sind dabei, die nächste Folge der Interview-Reihe vorzubereiten. Der kommende Gast ist ein berühmter Popmusiker. Sein Name soll noch geheim bleiben.
Angepasste Bedingungen
Dan Jørgensen, 38, der mit Autismus lebt, schlägt zwei Fragen vor. „Ich habe gelesen: Unser nächster Gast liebt Katzen, so wie ich. Ich würde gerne wissen: Warum? Und: Ich hatte noch nie eine Liebste. Aber ich habe viele Freunde. Ich würde gerne die Frage stellen: Wie geht es ihm mit Einsamkeit?“ – „Gute Idee“, sagt Chefredakteurin Nathalie. „Er hat ja gerade eine Scheidung erlebt.“ Rasmus Nielsen, 33, meldet sich, er lebt mit Zerebralparese, einer Hirnschädigung, die zu Bewegungsstörungen führt. „Viele Jungs beginnen, Gitarre zu spielen, weil sie Eindruck bei den Mädchen machen wollen“, sagt er. „Ich würde gerne wissen: Wie war das bei unserem Gast?“ Rasmus stellt gerne Fragen zu Sexualität, Partner- und Elternschaft. Im Gespräch mit Nikolaj Coster-Waldau hatte er gefragt: „Hast du gegenüber deinen Kindern manchmal ein schlechtes Gewissen?“ Er selbst wolle nämlich keine Kinder, aus Angst, sie zu enttäuschen, erzählt er: „Ich kann ja nicht laufen mit ihnen. Und sie würden andere Väter sehen, die groß und schön sind.“ Coster-Waldau antwortete konsterniert: „Aber niemand liebt die Kinder so wie du! Du kannst auf eine andere Art präsent sein für sie! Mach dich nicht selbst fertig!“ Chefredakteurin Nathalie strukturiert die Ideen, schreibt Begriffe wie „Kindheit“, „Scheidung“, „Angst und Depression“ ans Whiteboard: „Ich schlage vor, ihr recherchiert dazu weiter.“ Dann eilt sie mit Anders Jensby, 37, in den Schneideraum. Anders, Sakko, Kroko-Ledergürtel, ist der lässigste Reporter von TV Glad. Coster-Waldau fragte er: „Hast du dich als Kind oft geschämt, aus einer Familie mit wenig Geld zu kommen?“ Der Schauspieler antwortete: „Ich habe mich oft geschämt. Und darüber könnte ich mich heute schämen.“ Anders wirkt selbstsicher, wenn er durch die Redaktion schlendert, in der Hand immer ein Macbook. Jetzt liegen die Hände auf der Computertastatur, die Nasenspitze ist nur wenige Zentimeter vom Monitor entfernt. „Ich bin sehbehindert“, sagt er. Trotzdem arbeitet er auch als Cutter, schneidet Videos. „Ich zoome ins Programm, vergrößere die Details. Es dauert länger, mich zurechtzufinden – aber es geht.“ Anders präsentiert Nathalie sein neues Werk: Kollege Svend, Computerspiel-Experte bei TV Glad, hat ein neues Spiel getestet. Der Clip von Anders ist ein Stakkato aus Spielszenen, dazwischen Experte Svend vor einem psychedelisch flackernden Hintergrund. Nathalie macht sich Notizen auf dem Smartphone. Dann sagt sie: „Die Namensnennung musst du verbessern. Da steht Sven, nicht Svend. Und ist der flackernde Hintergrund unbedenklich für Zuschauer mit Epilepsie? Das müssen wir herausfinden. Ansonsten: sehr, sehr gut!“ Anders nickt knapp, nimmt das Lob äußerlich ungerührt entgegen. Er arbeitet seit 2018 bei TV Glad als „Fleksjobber“: Menschen, die wegen einer Beeinträchtigung oder Krankheit nicht voll arbeiten können, bekommen eine reguläre Anstellung mit angepassten Bedingungen. Sie arbeiten weniger Stunden, das Gehalt wird zwischen Arbeitgeber und Kommune aufgeteilt. Anders’ Weg in den Journalismus begann schon früher. 2009 kam er erstmals ins Haus, als Schüler der STU – diese „besondere Jugendausbildung“ richtet sich an junge Menschen mit Beeinträchtigungen, sie wird ebenfalls von der Glad-Stiftung getragen. Die Schülerinnen und Schüler lernen dort praktische Medienarbeit.
„Die Kollegen haben viele Narben“
„Theoretisch könnte ich auch anderswo arbeiten“, sagt Anders. „Aber da müsste alles schneller gehen. Die Zeit, die ich brauche, gibt es in dieser Branche nicht.“ Deshalb sei ihm der Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt verwehrt. „Das ist okay“, sagt er knapp. Besonders stolz ist er auf einen Filmbericht über einen Mann im Rollstuhl. Der hat in seinem Alltag einen Helfer. Der Mann wollte ins Schwimmbad, eigenständig Wassergymnastik betreiben. Doch der Helfer durfte ihn nicht ins Wasser heben – die Kommune bestand darauf, dass das nur ein Physiotherapeut dürfe. Anders dokumentierte den Fall. Am Ende bekam der Mann Recht. „Nicht unbedingt durch meinen Bericht, sondern durch die Unterstützung eines Behindertenverbandes“, sagt Anders. „Trotzdem: Das war eine wichtige Geschichte für mich.“
Storys von und für Menschen mit Beeinträchtigungen und ihrem Umfeld: Das ist der Kern der Berichterstattung von TV Glad. Aber diese soll gerne weiter in die Gesellschaft hineinwirken. Im Grunde führt der Name „TV Glad“ dabei in die Irre. Der Begriff „Medienhaus“ ist treffender.
Zwar bezahlt die nationale dänische Kulturbehörde TV Glad dafür, eine halbstündige Fernsehsendung zu machen, die über Lokalsender im Land ausgestrahlt wird. Aktuell besuchte Reporter David Frantsen einen Hobby-Zoologen, die beiden schauten in einer ungeschnittenen Reportage eine halbe Stunde lang, was sie im Wald an Asseln, Spinnen und Käfern finden konnten. Man kann nicht sagen, dass diese Sendung ein Straßenfeger ist. Bei TV Glad heißt es, die samstägliche Sendung am frühen Morgen werde landesweit nur von wenigen hundert Menschen verfolgt. Aber diese Fernsehsendung ist nur ein winziger Teil der Produktion. Die Mitarbeiter schreiben vor allem auch Artikel, sprechen Radio-Podcasts ein, produzieren Zeichentrickfilme und Gaming-Rezensionen. Alle Werke werden auf der Website verbreitet, vor allem aber über die sozialen Medien.
Frederikke Kirkegaard Iding, 32, ist dafür zuständig, sie zu bespielen. Sie ist eine Journalistin ohne Beeinträchtigung, früher arbeitete sie für eine TV-Produktionsgesellschaft. Der meistgesehene Beitrag von TV Glad war „Wenn ich rede, versteht mich keiner“. In diesem Clip berichtet der Mitarbeiter Anton Löwe Nyborg von seiner Frustration, nicht verstanden zu werden – außer von seinem täglichen Helfer Nino, der seine Worte für die Zuschauer in allgemeinverständliches Dänisch übersetzt. Um den Frust loszuwerden, hört Anton Opernarien. Der Clip wurde 2,1 Millionen Mal angesehen.
Doch den eigentlichen Erfolg messe sie nicht an Klickzahlen, betont Frederikke. „Die Kollegen hier haben viele Narben“, sagt sie. „Sie wurden gemobbt, hatten eine schwierige Kindheit. Und dann kommen sie hierher und merken: Das ist mein Ort. Hier gehöre ich hin. Sie treffen auf Leute, die sie ernst nehmen, ihnen zuhören und ihnen den Raum geben, so zu sein, wie sie sind.“ In den Produktionsgesellschaften, für die sie früher arbeitete, ging es nur um das Produkt. „Hier geht es darum, Menschen eine Stimme zu geben.”
Ihre Themen suchen die Reporter selbst. Maria Lytzen, 35, hat eine Autismus- und eine ADHS-Diagnose und arbeitet vor allem als schreibende Journalistin. „Ich bin großer Fan der Königsfamilie“, sagt Maria. „Deshalb war ein Highlight für mich mein Interview mit Alexander Hillhouse, dem Paralympics-Schwimmer. Er war zum 18. Geburtstag von Kronprinz Christian eingeladen und berichtete aus erster Hand von den Feierlichkeiten: Das war so spannend!“ Maria lacht. Sie lacht oft und schallend. Der Name ihres Arbeitgebers passt zu ihr. Das dänische Wort „Glad“ bedeutet auf Deutsch „froh“ oder „glücklich“.
„Ein Gefühl von Vertrauen“
Zwischen zwei und vier Wochen dauere es, bis eines ihrer Artikel-Projekte abgeschlossen sei, sagt Maria. Als Sparringspartner steht ihr dabei Frederikke zur Seite. „Sie gibt Tipps, strukturiert Fragen, sitzt bei den Anrufen dabei und gibt hinterher Feedback zu meinen Texten“, sagt Maria. „Aber ich bin diejenige, die die Quellen anruft und die Gesprächspartner trifft.“ Rund 100 Mitarbeiter hat TV Glad. Die Finanzierung kommt aus mehreren Quellen. Die dänische Sozialbehörde unterstützt das Medienhaus als soziale Einrichtung. Die Kulturbehörde gibt Geld für die wöchentliche Fernsehsendung am Samstagmorgen. Viele Mittel kommen von den Kommunen: Nach dem dänischen Sozialhilfegesetz haben Menschen mit erheblichen Beeinträchtigungen Anspruch auf einen Arbeitsplatz in geschützter Form. Die Kommunen kaufen solche Plätze bei TV Glad ein und zahlen dafür pro Person rund 16.600 Kronen (etwa 2.200 Euro) pro Monat. Nur ein kleiner Teil der Einnahmen – weniger als fünf Prozent – stammt laut TV-Glad-Direktorin Hanne Jensen aus kommerziellen Arbeiten für Organisationen, die Filme bei TV Glad in Auftrag geben, oder Kooperationen wie die Promi-Gesprächsreihe beim dänischen Fernsehen. Es gibt Redaktionen in den Städten Ringsted, Esbjerg und Aabenraa, aber die meisten Mitarbeiter hat TV Glad in Kopenhagen: Dort gibt es zwölf regulär beschäftigte Medienprofis und 33 Kolleginnen und Kollegen mit Beeinträchtigungen. Bleibt die Frage: Warum sind die Promi-Gespräche mit den Reportern von TV Glad so viel berührender als herkömmliche Talkshows, selbst das Interview mit der Regierungschefin? Die Zuschauer erfahren darin von Mette Frederiksens Kindheitskränkung: „Mein Bruder bekam das große Piratenschiff von Playmobil – ich nicht“, sagt die Premierministerin. „Weil ich ein Mädchen war!“ Nein, sie fühle sich nie einsam. „Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Ich stopfe mein Leben mit vielen Dingen voll, weil ich das am meisten fürchte: einsam zu werden.“ Wann ist es schwer, Mette Frederiksen zu sein? „Wenn ich politisch etwas nicht durchbringe.“ Und wenn sie im Netz übel beschimpft werde. „Das ist gar kein so ein großer Unterschied zu dem, was ich vom Schulhof kenne.“ Ob sie selbst gemobbt hat? „Ich glaube nicht. Gemobbt zu werden, ist wohl das Schlimmste, was ein Kind erleben kann.“ Der Fragesteller nickt und sagt ins Mikrofon: „Ja, das stimmt.“ „Die Gäste haben es hier mit Menschen zu tun, die unglaublich viel von sich selbst geben. Sie teilen sehr persönliche Dinge. Und wenn jemand etwas gibt, bekommt man auch Lust, etwas von sich selbst zu geben“, sagt Chefredakteurin Nathalie. „Und oft hat man bei Journalisten das Gefühl, dass sie voreingenommen sind”, sagt Nathalie. „Bei unseren Leuten ist die Intention immer gut. Ganz egal, ob es eine lustige oder eine kritischere Frage ist.“ Beim Frühstück in der Kantine sagte es Journalist Dan Jørgensen so: „Ich glaube, wir geben ein Gefühl von Vertrauen und Fürsorge. Die Interviewpartner sind hier zusammen mit Leuten, die selbst viel erlebt haben.“ Also fühlten sie sich sicher, trauten sich, sich zu zeigen, meint Dan. „Und wenn sie traurig werden, nehmen wir sie in den Arm. So machen wir das jeden Tag bei TV Glad.“
Die Sendungen mit den Promis sind Höhepunkte für die TV-Glad-Reporter. Manchmal fallen sie danach in ein Loch. So beschreibt es Rasmus, der die Promis gerne über ihre Partnerschaft befragt, in seiner Kolumne auf der Website von TV Glad. Nach einer der Aufzeichnungen kam er in seine Wohnung, in der keine Frau auf ihn warte. „Ein Gefühl tiefer Einsamkeit strömte unkontrolliert durch meinen Körper. Hinter der verschlossenen Tür war vom Leben als Starjournalist wenig zu spüren – dort hatte ich das Gefühl, den kürzeren Strohhalm gezogen zu haben.“ Er lebe mit einer angeborenen spastischen Lähmung. „Schon als Kind war es hart, wenn die anderen spielten und sich von mir entfernten.“ Man müsse mehr über die Erfahrung tiefer Einsamkeit sprechen: „Sie kann eines der schwersten Gefühle sein.“